Deutscher Gewerkschaftsbund

Die Wissenschaft - eine besonders prekäre Branche

Junge Wissenschaftler_innen wissen nicht, wie sie Einkommen und Beruf unter einen Hut kriegen sollen. Buchautor Sebastian Kubon benennt die Schwierigkeiten und erläutert Lösungsansätze.

Sebastian Kubon

© Privat

Dr. Sebastian Kubon ist wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Arbeitsbereich Mittelalter an der Universität Hamburg.

Herr Kubon, eine Ihrer Kolleginnen hat neulich getwittert, sie wolle zu Halloween als Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) gehen. Das war Ihnen aber doch zu gruselig. Sie wollten lieber 95 Thesen zu diesem Gesetz sammeln. Die haben Sie jetzt in ein Buch genagelt – war das weniger grauslich?
Im Endeffekt war das noch viel gruseliger, wurden doch dadurch die schlimmen Konsequenzen des Gesetzes in den dunkelsten Farben gemalt – welche Verheerungen es bei den einzelnen Kolleg_innen, aber auch für die Wissenschaft und für die Forschung, für die Lehre und die Bildung insgesamt hervorruft.

Immerhin sorgt das Gesetz dafür, dass man nach spätestens zwölf Jahren aus der Wissenschaft ausscheiden muss, wenn man keine der wenigen entfristeten Stellen ergattert hat. Sobald die Wissenschaftler_innen hochqualifiziert sind, müssen sie das System verlassen, wenn sie nicht Professor_in geworden sind. Man stelle sich ein solches Szenario bei Lehrer_innen vor: Wer nicht nach zwölf Jahren Schulleiter_in ist, fliegt raus.

These 1 lautet: In Deutschland wird sinnlos mit Ressourcen und Wissenschaftler_innen um sich geschmissen. Was erwartet hierzulande junge Menschen, die in der Wissenschaft arbeiten wollen?
Eine jahrzehntelange Mühle mit Kurzzeitverträgen, vielen Ortswechseln, immenser Überstundenlast, vielfach halber Bezahlung bei voller Arbeitsleistung – und das ganze ohne Perspektive und nur geringer Wahrscheinlichkeit, dass sich das letztlich auszahlt.

Es gibt so gut wie keine Dauerstellen jenseits der Professur, d.h. man muss seine ganze Arbeit darauf ausrichten. Und das auf Stellen, die durch ihre kurzen Laufzeiten in der Regel keine formale Qualifizierung wie Promotion oder Habilitation ermöglichen. Man kommt in der Regel aus dem Bewerbungen schreiben oder der Antragsstellung nicht heraus. Ein konzentriertes Arbeiten ist so kaum möglich.

Unter dem Hashtag #95vsWissZeitVG haben Sie zu Verbesserungsvorschlägen für den Wissenschaftsbetrieb aufgerufen. Haben sich viele gemeldet?
Ich glaube, es gibt bei den Befürworter_innen von Reformen einen gewissen Konsens, dass in Deutschland Wissenschaft weniger über Drittmittel und mehr über Grundmittel finanziert werden muss, d.h. nicht immer wieder über kurzfristige Programme, über die der Staat für einen kurzen Zeitraum viel Geld ins System spült.

Vielmehr braucht es eine ausreichende Grundfinanzierung, mittels der Wissenschaftler_innen in Ruhe und kontinuierlich arbeiten können. Das würde insbesondere der Lehre zugute kommen, da diese in einem System, in dem man sich permanent bewirbt, immer im Vergleich zur Forschung nachrangig ist, weil Lehre in keiner Weise etwas zählt. Das gilt übrigens auch für die Wissenschaftskommunikation. Lehre und Transfer sind momentan Privatvergnügen.

#IchbinHanna lautete der Hashtag, mit dem eine Online-Diskussion zum Wissenschaftsbetrieb begann. Wer ist Hanna und was muss sie erleiden?
Hanna ist die animierte Figur eines Erklärvideos des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Sie promoviert und lässt sich wegen des WissZeitVG beraten. Das Video erklärt in infantiler Weise, dass das Gesetz sinnvoll sei, damit nicht eine Generation das System "verstopft".

Genau so war die Wortwahl, die natürlich extrem verletzend ist für Menschen, die nach vielen Jahren hochmotivierter Arbeit aus dem System gedrängt werden, ohne dass der Arbeitgeber in irgendeiner Weise Verantwortung übernehmen müsste. Mit der Aktion #IchBinHanna wollten wir zeigen, dass Wissenschaftler_innen Menschen sind und kein Rektalleiden.

Ich bin Hanna

© Screenshot BMBF

"Wir wollten zeigen, dass hier Menschen arbeiten und kein Rektalleiden": Biologin Hanna im Video des BMBF (das im Netz kursiert, seitdem es gelöscht wurde)…

Warum gibt es ein Sonderbefristungsrecht in der Wissenschaft?
Weil seit den 1960er Jahren die Ideologie existiert, dass Innovation nur durch Fluktuation zu erreichen wäre. Deswegen hat der Staat sich selber ein Sonderbefristungsrecht zugestanden, was er der Privatwirtschaft nicht erlaubt. Dabei wird Wissenschaft de facto zum Durchlauferhitzer gemacht. Die Motivation und die Leistung der Wissenschaftler_innen werden einmal kurz abgeschöpft, dann müssen sie sehen, wo sie bleiben. Nach dieser Logik wären Professor_innen übrigens die unproduktivsten Mitglieder des Wissenschaftssystems. Aber nach Logik geht es bei solchen Dogmen ja nicht.

Ein irres Beispiel liefert auch die Autorin und studentische Hilfskraft Tabea Henn in Ihrem Buch: Tutor_innen, meist Doktorand_innen, sollen ihren Urlaub in der vorlesungsfreien Zeit nehmen. Aber der Vertrag läuft mit dem Semesterende aus. Wer denkt sich so etwas aus?
Wahrscheinlich entfristete höhere Beamte des Wissenschaftssystems, die sich gar nicht mehr vorstellen können, wie es ist, einen befristeten Vertrag zu haben. Das zeigt natürlich auch die geringe Wertschätzung, die alle Mitarbeiter_innen an der Universität unterhalb von Professor_innen erfahren.

Wer kann in Deutschland Wissenschaftler_in werden?
Eigentlich nur diejenigen Personen, die finanzielle Reserven oder den familiären Rückhalt haben, um auch Dürreperioden und Phasen der Arbeitslosigkeit zu überstehen. Viel Forschung in Deutschland wird auf ALG I und Hartz IV betrieben. Dort werden vielfach Qualifikationsarbeiten beendet. Wer also nicht von Hause aus über Privilegien verfügt, der wird es noch schwerer haben, als es ohnehin schon ist.

Funktioniert die Wissenschaft überhaupt noch?
Es wird weiterhin geforscht und gelehrt, aber nicht wegen der Rahmenbedingungen, sondern trotzdem. Das Wissenschaftssystem läuft noch, weil jede Menge motivierte Kolleg_innen trotz allem ihr Herzblut reingeben und mehr tun, als sie machen müssen. Würden alle Wissenschaftler_innen in Deutschland mal nur zwei Wochen ausschließlich ihrem Vertrag entsprechend arbeiten, würde das System in kürzester Zeit zusammenbrechen.

Hanna organisiert sich

© GEW/Screenshot

...und die Antwort der GEW: #Hannaorganisiertsich

Sie beziehen auch Nichtwissenschaft ler_innen wie etwa Reinigungskräfte und auch Lebenspartner_innen von Wissenschaftsbeschäftigten mit in ihre Betrachtung ein. Welche Funktion haben diese im Betrieb und wie sind ihre Lebensbedingungen?
Nun, gerade das nichtwissenschaftliche Personal ist in seinen Erfahrungswerten bezüglich prekärer Arbeit im Wissenschaftssystem noch gar nicht richtig von der Forschung erfasst, hier muss noch nachgearbeitet werden. Zu den Lebenspartner_innen: Wir haben niemanden gefunden, der über seine Erfahrungen mit Wissenschaftler_innen als Partner_in reden wollte. Aber Wissenschaft als Beruf belastet unter den gegenwärtigen Bedingungen jede Partnerschaft sehr und ist ein ständiger Anlass zu Streit, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.

Warum begehren Wissenschaftler_innen selten gegen die schlechten Arbeitsbedingungen auf?
Da gibt es sicherlich mehrere Gründe. Zum einen sicherlich Angst vor beruflichen Nachteilen: Man fürchtet sich davor, dass die Verträge nicht verlängert werden oder man Nachteile bei der Promotion hat. Das ist übrigens das Neue an dieser Situation. Früher gab es ja auch Beschwerdeaktionen, aber es wollten doch viele Kolleg_innen anonym bleiben. Heute beschweren sich viele mit Klarnamen.

Zum anderen sind viele der toxischen Bedingungen – selbstverständliche Arbeit am Wochenende und viele verfallene Urlaubstage – in der Wissenschaft antrainiert. Viele der Vorgesetzten machen schlicht nie Urlaub und manche erwarten dann sogar, dass auch die Mitarbeiter_innen an Weihnachten weiterforschen. Sich hier offen entgegenzustellen bedeutet auch, dass einem vorgeworfen werden könnte, dass man es mit der Wissenschaft nicht so ernst meine.

Sie und Ihre zwei Mitstreiter_innen haben nun ja eine kritische Reflexion des Betriebs begonnen. Wie sind bisher die Reaktionen?
Ich habe schon den Eindruck, dass viele Statusgruppen mittlerweile hier ein Problem sehen. Wir haben einige professorale Solidarität erfahren und auch bei den Unipräsident_innen und in der Politik kommt an, dass die Bedingungen, wie sie sind, weder für die Wissenschaftler_innen noch für die Wissenschaft an sich gut sind. Es muss jetzt hier aber noch bald zu Veränderungen kommen.

"Das System ist – wie im Mittelalter – auf jüngere Männer ausgelegt." (Sebastian Kubon)

Herr Kubon, wie wird Ihre wissenschaftliche Karriere weiterlaufen?
Wer weiß das schon so genau… Ich bin noch ein paar Monate in Elternzeit, aber wer mir eine Stelle anbieten will, der kann sich gerne bei mir melden.

Sie erforschen das Mittelalter und dürften einigen Einblick in die Geschichte haben. Gibt es eine Zeit, in der ähnlich mit Wissenschaftler_innen verfahren wurde?
Die Universitäten sind tatsächlich eine Erfindung des Mittelalters. Man kann seitdem über viele Strecken der Geschichte feststellen, dass es immer prominente Professoren gab, denen es relativ gut ging, während die Aspiranten auf solche Posten schlecht behandelt wurden. Man erkennt im Übrigen auch heute noch die Ursprünge aus dem klerikalen Bereich: Im Prinzip ist es ein System, das auf jüngere Männer ausgelegt ist, die flexibel von einem Ort zum nächsten ziehen können. Entweder sind sie wie früher ungebunden, ohne Verpflichtungen zu Care-Arbeit, oder sie haben heute eine Frau, die sich um alles kümmern muss.

Nur wer keine Care-Arbeit (kleine Kinder, alte Eltern) verrichten muss, hat auch heute noch bessere Chancen, weil mehr Zeit zur Selbstausbeutung zur Verfügung steht. Deshalb haben es nicht zuletzt Frauen schwerer in diesem System.

Aber es gab Zeiten in der Geschichte der frühen Bundesrepublik, in der auch im Wissenschaftssystem die entfristete Anstellung die Regel war. Das waren sicherlich nicht die schlechtesten.


(aus der Soli aktuell 2/2022, Autorin: Soli aktuell)

#95vsWissZeitVG
Die jüngsten Twitter-Stürme unter den Hashtags #IchBinHanna und #95vsWissZeitVG haben gezeigt, dass immer weniger Wissenschaftler_innen bereit sind, ihre prekären Arbeitsbedingungen hinzunehmen. Der Sammelband "#95vsWissZeitVG" nähert sich den Problemen der gegenwärtigen Wissenschaft in drei Aufsätzen sowie in zehn persönlichen Erfahrungsberichten ausverschiedenen Perspektiven – von der Studentin bis zum Dekan.

Amrei Bahr, Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon (Hg.): #95vsWissZeitVG. Prekäre Arbeit in der deutschen Wissenschaft, Büchner-Verlag, Marburg 2021, 164 S., 14 Euro