Deutscher Gewerkschaftsbund

Deine Vergütung ist heilig! Die "Dr. Azubi"-Kolumne

Gähnende Leere auf dem Konto? Was Auszubildende tun können, wenn das Geld nicht kommt.

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog

 

Das steht im BBiG
Im § 17 Berufsbildungsgesetz (BBiG) heißt es, die Höhe der Ausbildungsvergütung ist im Ausbildungsvertrag geregelt – und sie muss mit den Ausbildungsjahren ansteigen. Häufig wird die Entgelthöhe auch in einem Tarifvertrag festgelegt. Wenn aber keiner existiert, darf dein Betrieb die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung nicht unterschreiten. So weit, so klar. Da sollte es doch eigentlich keine Probleme geben – oder?

Erhebliche Unterschiede
Leider berichten uns immer wieder Auszubildende von leeren Konten am Ende des Monats, von ausbleibender Vergütung und Stress mit dem Betrieb wegen Geld. Ey, das geht nicht!

Zunächst sollten wir klären, wieviel Geld dir am Ende des Monats zusteht. Wenn du dir die unterschiedlichen Branchen anschaust, dann gibt es hier erhebliche Unterschiede – zum Beispiel bekommst du im zweiten Ausbildungsjahr 415 Euro im Friseurhandwerk in Thüringen und 1.230 Euro im westdeutschen Bauhauptgewerbe.

Bist du dir unsicher, lohnt es sich für dich, bei deiner Gewerkschaft checken zu lassen, ob es einen gültigen Tarifvertrag gibt. Ansonsten darf dein Betrieb die Mindestausbildungsvergütung, die für alle neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge seit dem 1. Januar 2020 gilt, nicht unterschreiten.

Der Mindeststandard
Für die Höhe ist das Datum deines Ausbildungsbeginns entscheidend. Hast du beispielsweise die Ausbildung am 1. September 2021 begonnen, erhältst du mindestens im ersten Ausbildungsjahr 550 Euro, im zweiten 649 Euro und im dritten 742,50 Euro.

Ich verdiene zu wenig
Diese Standards werden leider nicht von allen Betrieben eingehalten. So erreichen das "Dr. Azubi"-Forum auch Anfragen wie: "Ich verdiene definitiv zu wenig: 450 Euro im ersten und 50 Euro mehr für jedes weitere Jahr. Der Betrieb ist nicht tarifvertragsgebunden. Als ich das erfahren habe, habe ich meinen Chef darauf angesprochen. Die Reaktion war negativ, und da ich mir den Rest der Ausbildung nicht zu Hölle machen wollte, war der Plan, das fehlende Geld erst gegen Ende einzufordern…"

"Dr. Azubi" rät: Grundsätzlich kannst du deine Vergütung auch nach der Ausbildung einfordern. Es kann aber auch gut sein, dass es Ausschlussfristen gibt und du dafür nicht so lange Zeit hast. Wendet euch direkt an eure Gewerkschaft und fordert euer Geld ein. Schließlich steht es dir jetzt schon zu!

Vergütung kürzen
Die Vergütung ist heilig! Dennoch erreichen uns immer wieder Anfragen von Auszubildenden, denen die Bezahlung unrechtmäßig gekürzt wird. So auch die von Philipp, einem angehenden Einzelhandelskaufmann: "Ich habe bei uns im Betrieb nun zwei Mal die Heizung laufen lassen, was mein Chef nicht möchte. Nun droht er, dass er mir, wenn das noch einmal vorkommt, dann jeweils 20 Euro von meiner Vergütung abziehen will. Darf er das überhaupt?"

"Dr. Azubi" rät: Generell gilt, dass dir die vertraglich vereinbarte Ausbildungsvergütung gezahlt werden muss. Du hast einen rechtlichen Anspruch darauf. Gekürzt werden darf sie nur, wenn du unentschuldigt fehlst. Und nur wenn du grob fahrlässig handelst, darf dein Arbeitgeber dich auch zur Kasse bitten, etwa wenn du den Gabelstapler betrunken gegen das neue Sortiment fährst. Sollte dein Betrieb sich dennoch querstellen, kannst du deine Vergütung mit einer Geltendmachung schriftlich einfordern. Du musst die Höhe deiner Forderung angeben und deinem Arbeitgeber am besten eine Frist zur Zahlung setzen. Formuliere sie mit Hilfe deiner Gewerkschaft und schicke sie per Einschreiben mit Rückschein ab.

Die Berufsschule
Die Ausbildung ist dual, d.h. die Schulzeit ist kein Freizeitvergnügen und wird dir voll auf deine durchschnittliche Arbeitszeit angerechnet. Dazu hat Sarah eine Frage im "Dr. Azubi"-Forum: "Ich habe von 7 bis 15 Uhr Schule, mittwochs und donnerstags. Mein Chef verlangt, dass ich direkt danach in den Betrieb komme und bis 18 oder 19 Uhr arbeite. Was kann ich tun?"

"Dr. Azubi" rät: Sarah, du kannst hier auf jeden Fall etwas machen! Nach § 15 BBiG hat dein Betrieb dich an einem Tag in der Woche komplett für den Berufsschulunterricht freizustellen. An allen weiteren Tagen in der Woche kann man von dir verlangen, nach der Schule noch mal in den Betrieb zu kommen, wenn die Ausbildungszeit noch ausreichend ist.

Die Fahrtzeit vom Betrieb in die Berufsschule wird dir auf die Arbeitszeit angerechnet, der Berufsschultag mit deiner durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit berechnet. Die kannst du wie folgt ausrechnen: Du teilst einfach die in deinem Vertrag vereinbarte Arbeitszeit durch die Tage, die du in der Woche arbeitest.

Suche das Gespräch mit deinem Betrieb und berufe dich auf die gesetzliche Regelung. Wenn der Betrieb sich weiterhin querstellt, kannst du die korrekte Arbeitszeit mithilfe deiner Gewerkschaft einfordern.

Betrieb insolvent?
Gerade in Covid-Zeiten trifft es einige Betriebe hart – und es können sich weitere Gründe ergeben, warum die Ausbildungsvergütung ausbleibt. So wie bei Jenni: "Ich habe für den letzten Monat immer noch keine Vergütung erhalten.

Unser Chef benachrichtigte uns lediglich mit einer Mail, dass sich die Lohnzahlung verspäten würde und ihm ›die Hände gebunden‹ seien. Ich vermute stark, dass Insolvenz angemeldet wurde, aber offiziell bestätigt ist das (noch) nicht. Was muss/kann ich denn jetzt tun?"

"Dr. Azubi" rät: Eine Insolvenz kündigt sich meistens mit Vorzeichen an. Wenn die Ausbildungsvergütung ausbleibt oder im Betrieb immer weniger los ist, solltest du wachsam sein. Du solltest gleich nachfragen, ob Insolvenz angemeldet wurde. Bestenfalls forderst du deinen Betrieb auf, eine schriftliche Erklärung abzugeben. Notfalls kannst du auch beim zuständigen Amtsgericht nachfragen, ob ein Insolvenzantrag gestellt wurde. Denn spätestens zwei Monate, nachdem dir bekannt wurde, dass Insolvenz vorliegt, musst du bei der Arbeitsagentur Insolvenzausfallgeld beantragen. Dann übernimmt sie die Bezahlung. In allen anderen Fällen muss dir die Ausbildungsvergütung vom Betrieb weitergezahlt werden.

Fazit
Also setzt euch ein für eine faire und angemessene Ausbildungsvergütung, die euch zusteht und holt euch Unterstützung!


(aus der Soli aktuell 2/2022, Autorin: Julia Kanzog)

Die tariflichen Ausbildungsvergütungen
Die in Tarifverträgen vereinbarten Ausbildungsvergütungen weisen je nach Branche und Region sehr große Unterschiede auf. Nach aktuellen Berechnungen der Hans-Böckler-Stiftung reicht Spannbreite aktuell von 325 Euro pro Monat für Auszubildende im thüringischen Friseurhandwerk im ersten Ausbildungsjahr bis zu 1.580 Euro im westdeutschen Bauhauptgewerbe, mit denen Auszubildende im vierten Ausbildungsjahr vergütet werden.

Die besten Vergütungen
On Top zum Einstieg mit 1.166 Euro (Öffentlicher Dienst: Bund und Gemeinden) bzw. 1.161 Euro (Öffentlicher Dienst: Länder) sind derzeit die Pflegeberufe. Verbindlich gelten diese Vergütungshöhen aber nur für öffentliche Einrichtungen, die unter den Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst (TVöD) oder den Tarifvertrag der Länder (TV-L) fallen.

In privaten Pflegeeinrichtungen ohne Tarifvertrag kann die Vergütung deutlich geringer ausfallen. In zehn der untersuchten 20 Tarifbranchen betragen die Ausbildungsvergütungen im ersten Jahr zwischen 700 und 1.000 Euro. Hierzu gehören Bauhauptgewerbe, Druckindustrie, Einzelhandel, Gebäudereinigerhandwerk, Holz und Kunststoff verarbeitende Industrie, Hotel- und Gaststättengewerbe, KFZ-Handwerk, privates Verkehrsgewerbe, Süßwaren- und Textilindustrie.

In der Landwirtschaft wird in Mecklenburg-Vorpommern mit 721 Euro auch eine Ausbildungsvergütung oberhalb der 700-Euro-Marke gezahlt. Nur in sieben Tarifbranchen existieren bundesweit einheitliche Ausbildungsvergütungen. Das sind: Bäckerhandwerk, Bankgewerbe, Druckindustrie, Deutsche Bahn AG, Öffentlicher Dienst und Versicherungsgewerbe.

Die schlechtesten Vergütungen
Nicht so gut wird im Bäckerhandwerk (645 Euro), in der Floristik (634 Euro in West-/425 Euro in Ostdeutschland) und im Friseurhandwerk (575 Euro in NRW und 325 Euro in Thüringen) gezahlt.

Knallhart: In den bereits seit längerem nicht mehr erneuerten Tarifverträgen der ostdeutschen Floristik und des thüringischen Friseurgewerbes liegt die Ausbildungsvergütung sogar unterhalb der gesetzlichen Mindestausbildungsvergütung von 550 Euro im Monat.

Wie das? Schuld sind die Arbeitgeber: Nach dem Berufsbildungsgesetz besteht aufgrund des Tarifvorrangs die Möglichkeit, den Azubi-Mindestlohn zu unterschreiten. Da heißt es: kämpfen!

Weitere Infos: www.boeckler.de, "Ausbildungsvergütungen"

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