Deutscher Gewerkschaftsbund

Die Zukunft ist weiblich

Jugend auf dem DGB-Bundeskongress I: Mit dem A004 haben DGB-Jugend und DGB-Frauen erstmals gemeinsam einen Antrag bei einem DGB-Bundeskongress vorgebracht. Linda Weigel stellt das Anliegen vor.

Lind Weigel beim DGB-Kongress

© DGB

Linda Weigel studiert Soziale Arbeit im Master. Seit 2014 ist sie in ehrenamtlichen Gremien der Gewerkschaft ver.di, sei es im Bezirk oder im Bund, aktiv. Ihr Fokus liegt auf der Bildungsarbeit.

Linda, du hast den Antrag A004 "Rollen stereotype sichtbar machen und wirksam bekämpfen!" auf dem DGB-Bundeskongress eingebracht. Was hat die DGB-Jugend und die DGB-Frauen bewogen, erstmals einen gemeinsamen Antrag einzubringen? Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Um die Themen der Jugend zu stärken, brauchen wir Verbündete. Als Gewerkschaftsjugend kennen wir es nur zu gut, dass wir immer etwas mehr kämpfen müssen, bis unsere Themen auf die Tagesordnung kommen. Und das geht Frauengremien meist genauso. Man muss immer etwas lauter sein. Und gemeinsam lauter werden macht mehr Spaß!

Es geht in dem Antrag darum, dass DGB und Gewerkschaften gängigen Rollenzuschreibungen entgegenwirken sollen. Woran machen sie sich fest und wo finden sie sich in der Arbeitswelt?
Leider leben wir heute immer noch in einer Welt, in der wir nicht frei von tradierten Rollenbildern sind. Die klassischen Rollenbilder werden auch heute noch in der Kindheit vermittelt – das fängt an bei Kinderbüchern und zieht sich dann meist durchs ganze Leben. Mädchen werden oftmals in der Küche und mit Kindern abgebildet und Jungen meist beim Toben oder beim Spielen mit Autos.

Das beeinflusst dann eben auch die Berufswahl. Leider wird heutzutage immer noch von "typischen Frauenberufen" und "typischen Männerberufen" gesprochen. Und das zeigt sich dann meist auch in den Statistiken: Männer in Sozial- und Erziehungsdiensten oder Frauen im Baubereich sind immer noch eine Rarität. Dieses Bild muss gebrochen werden.

Du hast ausgeführt, dass Frauen generell für Führungspositionen abgelehnt werden. Kann man das so kategorisch sagen?
Ich glaube, ja. Die Anzahl der Frauen in Führungspositionen ist in den letzten Jahren zwar gestiegen, aber das liegt nicht daran, dass Arbeitgeber auf einmal mehr Frauen fördern möchten. Sondern vielmehr daran, dass Frauen sich bemerkbar machen und gesetzliche Regelungen wie etwa Quoten haben möchten. Viele Quotenregelungen sind entstanden, weil Arbeitgeber nichts unternommen haben, um Frauen zu fördern.

Du nennst auch ein anderes Beispiel: Frauen seien aufgrund ihrer körperlichen Statur nicht geeignet, auf dem Bau zu arbeiten, diesen Satz hättest du schon ganz oft gehört. Wo ist dir diese Haltung begegnet?
Das begegnete mir in meinem Leben in den verschiedensten Kreisen. Das kann man gar nicht so spezifisch sagen. Das fängt an bei Familienangehörigen und Bekannten und hört nicht auf bei aktiven Gewerkschafter*innen.

Mit dem Antrag wollen die beiden DGB-Abteilungen auch in den eigenen Reihen Sexismen kritisch hinterfragen und für Sensibilisierung und Sichtbarmachung dieses wichtigen Themas sorgen. Der Antrag soll gezielt junge Frauen ansprechen, hast du gesagt. Welches Vorgehen und welche Mittel sind dafür nötig?
Was wir vor allem für eine gute und gezielte Ansprache und Sichtbarmachung benötigen, sind Zahlen, Daten, Fakten und gut ausgearbeitete Konzepte. Und viele Menschen, die uns unterstützen!

Wir müssen nach außen attraktiver für Frauen werden. Deshalb sollten wir - bevor wir in Schulen und Berufsschulen gehen - ein gutes Konzept ausarbeiten. Wir stecken als Gewerkschaften oftmals viel Arbeit in gute Kampagnen, und dabei vergessen wir oft die Umsetzung und die Vermittlung. Für die Vermittlung in den Schulen benötigen wir Referent*innen und gutes, zielgruppengerechtes und anschauliches Material.

Was erhoffst du dir persönlich von dieser Kampagne?
Ich fände es schön, wenn wir viele Frauen durch unsere Arbeit empowern können. Und viele dazu bringen, das zu machen, worauf sie Lust haben – und sich nicht von traditionellen Bildern einschüchtern lassen. Des Weiteren würde ich mir wünschen, dass wir Menschen dazu anregen, ihr eigenes Handeln zu reflektieren. Ich habe schon gesagt, dass auch Gewerkschafter*innen nicht frei von Sexismus sind. Ich fände es schön, wenn wir innerhalb aller Gewerkschaften eine gemeinsame Linie finden. Ich habe es satt, an Gewerkschaftstagen immer wieder auf sexistische Aussagen reagieren zu müssen. Wenn wir es bei uns schon nicht schaffen, wie sollen wir dann glaubwürdig nach "außen" wirken?


(Aus der Soli aktuell 11/2022, Autorin: Soli aktuell)

Geschlechtergerechtigkeit online
"Vieles hat sich bei der tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern schon positiv verändert. Dennoch ist unsere Gesellschaft nach wie vor von Rollenbildern und Geschlechterstereotypen so geprägt, dass diese Frauen und Männer in ihrer individuellen Lebensplanung stetig beeinflussen und einschränken. Rollenzuschreibungen haben weitreichende Auswirkungen auf das Berufswahlverhalten und dadurch auch auf das spätere Erwerbsleben, die Verteilung der Sorgearbeit in Lebensgemeinschaften und die eigenständige Existenzsicherung von Frauen. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass Geschlechterrollenzuschreibungen bereits in der Kita- und Schulzeit hinterfragt und geschlechtersensible Berufsorientierungen selbstverständlich werden. Dazu muss auch Bildungsarbeit an den zahlreichen Orten des sozialen Lebens junger Menschen der Verfestigung von Rollenbildern entgegenwirken.

(…) Der DGB-Bundeskongress fordert den DGB-Bundesvorstand auf, eine (Online-)Initiative mit der Zielsetzung zu entwickeln, aktuell vorherrschende Rollenstereotypen plakativ, prägnant und ggf. auch provokant aufzuzeigen. Zugleich soll aus der Initiative hervorgehen, welche Auswirkungen Geschlechterstereotype auf uns als Gesellschaft und jeden einzelnen Menschen haben. Dabei sollen die gleichstellungspolitischen Positionen und Forderungen des DGB und seiner Mitgliedgewerkschaften klar transportiert werden, um insbesondere junge Frauen anzusprechen und sie für die Gewerkschaften zu gewinnen. (…)"

Aus: 22. DGB-Bundeskongress 2022, Antrag A004: "Rollenstereotype sichtbar machen und wirksam bekämpfen!"

Wir stellen unsere Anträge vor