Deutscher Gewerkschaftsbund

Lukas Mayer über die JETZT-Kampagne im Betrieb

Lukas Mayer vertritt Auszubildende und junge Beschäftigte bei der Deutschen Bahn AG. In der Soli aktuell sagt er, wie Politik im Betrieb ankommt und was junge Menschen von der Bundestagswahl erwarten.

© Privat

Lukas Mayer, 23, ist Reiseberater in DB-Reisezentren in der Region Rheinland-Pfalz/Saarland. Er ist in der Bundesjugendleitung der Transportgewerkschaft EVG und im EVG-Bundesvorstand aktiv, leitet die GJAV der DB Vertrieb GmbH und ist Mitglied der KJAV DB AG.

Lukas, am 26. September wird ein neuer Bundestag gewählt. Macht sich das in eurem Betrieb bemerkbar?
Na klar! Wir machen uns viele Gedanken darüber, ob die zukünftige Bundesregierung die Herausforderungen, insbesondere in der Verkehrspolitik, erkennen und angehen wird.

Interessieren sich Auszubildende und junge Beschäftigte denn für Politik?
Ich sage Ja und muss dabei ein wenig an Hannah Arendts politische Theorie denken. Politik ist weit mehr als Diskussionen im Bundestag, mehr als Parteien und mehr als nur Schwarz-Weiß-Denken. Politik ist für mich, die eigenen Überzeugungen und Gedanken in Wort, Schrift und Handeln mit anderen Menschen zu teilen. Ich halte deswegen die junge Generation im Gesamten für äußerst politisch.

Welchen Grund geben junge Leute an, warum sie wählen gehen?
Es gibt aus meiner Sicht viele Gründe. Allein schon diejenigen, die sich gegen faschistische, populistische oder autoritäre Tendenzen im politischen Raum zur Wehr setzen möchten, gehen wählen. Jede Stimme für eine demokratische Partei ist eine Stimme gegen rechts. Ich denke aber auch, dass es für viele junge Menschen signifikante Gründe gibt, einen politischen Wechsel zu fordern. Wenn ich sehe, dass es unter Politiker_innen kaum klare Bekenntnisse zu den Interessen junger Menschen gibt, macht mich das wütend. Da wird so unglaubliches Potenzial einfach kleingeredet oder sogar wegignoriert!

Worüber diskutiert ihr politisch in den Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV)?
In erster Linie beurteilen wir aktuelle politische Diskussionen dahingehend, ob sie die Interessen junger Menschen mitdenken. Ob Gesellschafts-, Verkehrs- oder Wirtschaftspolitik, da kommt alles Mögliche dran. Und dann: Wie wir Einfluss nehmen können…

Ist es für euch schwierig, die jungen Leute im Betrieb in Corona-Zeiten zu erreichen?
Natürlich ist es nicht so einfach wie unter "Normalbedingungen". Aber wir nutzen alle Kommunikationswege, die uns offenstehen, um junge Leute zu erreichen. Wir haben in meinem Betrieb das Glück, dass so ziemlich alle Mitarbeiter_ innen und Nachwuchskräfte mit Tablets und Office ausgestattet sind. Das ist aber nicht überall so. Dennoch wünschen wir uns, wieder mehr offene Gespräche miteinander zu führen und uns dabei in die Augen schauen zu können.

Wie läuft die Kommunikation?
Ohne viel Mimik und Gestik – und das macht ein gutes Gespräch doch aus! Mich auf den anderen einlassen zu können, seine Reaktionen zu lesen, zu reagieren… Das kann Video-Telefonie oder Mail eben nicht wirklich.

Hat die Ausbildung mit Corona gelitten? Wie sieht es mit der Nachwuchsgewinnung aus?
Wir haben alle versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Aber wir können nicht verschweigen, dass gerade in den betrieblichen Praxisphasen einiges zu kurz gekommen ist. Ob niedrige Fahrgastzahlen oder strenge Hygienevorgaben im Betrieb – unter diesen Voraussetzungen die Ausbildung qualitativ hochwertig weiterzuführen, war eine Herausforderung. Die Arbeitgeber haben sich dank unserem "Bündnis für die Bahn" verpflichtet, weiter einzustellen und auszubilden. Das lief in Krisenzeiten doch sehr gut. Während andere entlassen und eingespart haben, bietet die Eisenbahn doch immer noch eine sichere Perspektive.

Du bist sowohl Mitglied der Gesamt-Jugend- und Auszubildendenvertretung (GJAV) wie auch der Konzern-JAV. Welche Zielsetzungen verfolgt ihr in diesen Gremien zurzeit gegenüber dem Unternehmen?
Wir arbeiten insbesondere darauf hin, dass die Arbeitgeber trotz Corona nicht die Nachhaltigkeits- und Zukunftsthemen aus den Augen verlieren. Junge Menschen sind das wichtigste Kapital in einem Unternehmen. Wer an der Ausbildung spart, zahlt später die doppelte Rechnung. Wer hier nicht investiert, hat am Ende das Nachsehen. Eine qualitativ gute Ausbildung sichert den Unternehmenserfolg – und gerade bei digitalen Themen und vernetztem Denken sind junge Menschen ein Riesengewinn.

Die Gewerkschaftsjugend fordert auf verschiedenen Gebieten Konsequenzen in der Politik: bei der Klimakrise, der Ausbildung und beim Studium. Was interessiert eure Auszubildenden am meisten?
Die Umsetzung! Viele Entscheidungen, sowohl in der Politik als auch in den Betrieben, laufen noch viel zu schleppend. Junge Menschen können viele Impulse liefern. Aber wenn es um konkrete Investitionen geht, merken junge Menschen sehr schnell, wenn etwas aufgeschoben wird. Ob bei Klimakrise, Ausbildung oder Studium.

Ausbildungsgarantie mit Umlagefonds – ist das bei euch ein Thema?
Das ist natürlich auch bei uns angekommen. Die Eisenbahn bildet nach wie vor viel aus und schafft Zukunft, aber aus unserer Sicht werden auch vielen jungen Menschen die Perspektiven durch ein schwaches Ausbildungsangebot verbaut. Da geht aber gerade bei den staatlichen Unternehmen viel mehr!

Wir stehen zur Ausbildungsumlage, denn gerade große und finanziell starke Unternehmen dürfen gut und gerne ihren Beitrag dazu leisten. Ausbildung muss endlich wieder in die Fläche und jedem jungen Menschen ein gutes Angebot liefern. Wir haben keinen richtigen Fachkräftemangel, sondern eine ausbaufähige Bereitschaft in den Unternehmen, zukünftige Fachkräfte gut auszubilden und dann auch zu halten!

Wie ist es nach der Ausbildung – werden alle Auszubildenden nach der Prüfung übernommen?
Wir haben in unserem Nachwuchskräfte-Tarifvertrag verankert, dass jede_r Ausgelernte ein Übernahmeangebot erhält, vorrangig im eigenen Betrieb. Wer nicht den "goldenen Löffel" klaut, wird übernommen.

Was sagen eure dual Studierenden?
Insgesamt kommen wenig Beschwerden. Allerdings fallen uns immer wieder einzelne duale Hochschulen auf, die erhebliche Mängel bei Ausstattung und Lehrqualität aufweisen. Nicht immer sind Dozent_innen, die in der Wirtschaft mit ihrer Methodik erfolgreich sind, auch in einer lehrenden Position geeignet.

"Wer an der Ausbildung spart, zahlt später die doppelte Rechnung. Junge Menschen sind das wichtigste Kapital in einem Unternehmen."

Muss das BAföG für die Studierenden angehoben und anders berechnet werden?
Definitiv! Das Bundesverwaltungsgericht urteilt ja nicht aus Spaß, dass das durch das Grundgesetz garantierte Recht auf Teilhabe und Chancengleichheit mit dem aktuellen BAföG-Satz nicht vereinbar ist. Die Lebenshaltungskosten steigen immer weiter und der BAföG-Satz soll dies mit 373 Euro abdecken. Er muss sich endlich an den Realkosten eines Lebens in gesellschaftlicher Teilhabe orientieren. Alles andere widerspricht unseren Grundrechten, Punkt!

Wie steht es mit der sozialökologischen Wende bei euch? Die Bahn ist da ja ein Kernressort…
Wir möchten als Gewerkschaftsjugend unseren Teil dazu beitragen, dass die Bahn und der Öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) endlich den Stellenwert erhalten, den sie schon lange verdienen. Ob Daseinsvorsorge oder Klimaretter: Die Verkehrspolitik muss sich mit der Frage beschäftigen, wie sie die massiven Investitionen in diesem Bereich tätigen kann.

Auf der sozialen Seite sehen wir langfristig einen kostenlosen ÖPNV und dazu gute Arbeits- und Ausbildungsbedingungen in der Verkehrsbranche. Auf der ökologischen Seite sehen wir die Verantwortung, Bahn und ÖPNV für jeden im Sinne der Klimaschutzziele auszubauen. Die Herausforderung wird sein, beide Seiten der Medaille miteinander zu verbinden. Die Gewerkschaften sollten hierbei früh genug die Bündnisse schließen, die der sozialökologischen Wende den entsprechenden Nachdruck verleihen. Nur durch Herbeireden wird die Wende nicht kommen.

Die DGB-Jugend fordert mehr Selbstbestimmung bei der Arbeit. Was heißt das konkret?
Selbstbestimmung bedeutet Freiheit. Wenn jemand 50 Stunden die Woche in drei Jobs arbeiten muss, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dann läuft etwas grundlegend falsch. Die Freiheit, zwischen Arbeitszeitmodellen wählen zu können, bei der Arbeitsplatzgestaltung mitzuentscheiden – und auch die Freiheit, sich Auszeiten von der Arbeit zu nehmen – ist echte Selbstbestimmung. Wir als Gewerkschafter_ innen sollten das mehr als je zuvor unterstützen.

Ein ganz wichtiger Punkt ist auch die Wohnungsfrage. Wie diskutiert ihr darüber, was müsste sich ändern?
Wohnen – und vor allem menschenwürdiges Wohnen – darf keine Frage des Geldbeutels sein, sondern ist ein Grundrecht. Dass Immobilienkonzerne damit Millionen pro Jahr scheffeln, ist ein Systemfehler. Dennoch muss auch wesentlich mehr Wohnraum entstehen. Die Diskussionen darüber sind verständlicherweise teils emotional.

Aus unserer Sicht müsste es einen Konsens darüber geben, wie viel Wohnraum eine einzelne Person denn wirklich braucht und wie wir insbesondere städtische Räume planerisch besser nutzen. Gleichzeitig muss das Wohnen in ländlichen Räumen wieder attraktiv werden – und da sind wir wieder beim Thema ÖPNV-Anbindung.

Die Gewerkschaftsjugend versteht sich als "bunt, stark und antifaschistisch". Welche Forderungen leiten sich daraus ab?
Solidarität leben und niemanden zurücklassen! Wir dürfen die Deutungshoheit darüber, welche Rechte Menschen haben, nicht den Rechten überlassen! Ich werde nicht lockerlassen, solange Menschen wegen Herkunft, Religion, Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung oder ihren Überzeugungen ausgegrenzt oder diskriminiert werden. Wir sind alle Menschen. Wir setzen uns zur Wehr.

Was wünschst du dir von der Politik in den nächsten vier Jahren?
Einen längst überfälligen Sinneswandel mit einer riesigen Menge Mut.

Könntest du dir vorstellen, beruflich in die Politik zu wechseln?
Ich schließe nie etwas kategorisch aus. Aber Berufspolitiker, das bin einfach nicht ich. In erster Linie bin ich ein Mensch, der sagt, was er denkt.


(aus der Soli aktuell 9-10/2021, Autorin: Soli aktuell)

PRESS START – Es geht um unser JETZT!
Demokratie ist, was man gemeinsam daraus macht: In der Jugend- und Auszubildendenvertretung, als junge Betriebsrät_innen, als Aktive an den Hochschulen nehmen junge Gewerkschafter_ innen tagtäglich Dinge selbst in die Hand und gestalten sie zum Guten. Sie wissen, wie man miteinander solidarisch leben, lernen, studieren und arbeiten kann.

Und die Politik muss die passenden Rahmenbedingungen liefern. Am 26. September 2021 ist Bundestagswahl. Die Gewerkschaftsjugend greift aktiv in den Wahlkampf ein. Als Teil einer Generation, die politisch selbstbewusst und soziale Gerechtigkeit und Veränderung will – und das JETZT!

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