Deutscher Gewerkschaftsbund

Julia Friedrichs über ihr Buch "Working Class"

Die Journalistin Julia Friedrichs schreibt über die neue Arbeiterklasse, zu der vor allem junge Menschen gehören. Soli aktuell sprach mit ihr über Perspektiven.

Julia Friedrichs

© Andreas Hornof

Schreibt über die unbekannten Arbeiter_innen: Julia Friedrichs

Frau Friedrichs, derzeit gibt es eine ganze Reihe Bücher, die sich mit der neuen und alten Klassengesellschaft beschäftigen. Warum boomt das Thema derzeit?
Ich freue mich sehr, dass es nun Bücher gibt, die das Thema Klasse aufgreifen. Ich denke, dass die ökonomischen Daten einfach deutlich machen, dass wir uns weit von dem entfernen, was man früher als "nivellierte Mittelschichtsgesellschaft" verstanden hat. Vielen ist inzwischen klargeworden, dass die Debatte über "Postmaterialismus" und "Milieus" – als wären wir nur nach unseren Konsumwünschen aufgeteilt – nur Gerede war von Menschen, die sich keine Sorgen über Geld machen müssen. Wenn die ökonomische Situation in Deutschland so ist, wie sie ist, wenn Ungleichheit insbesondere bei der Vermögensverteilung so groß ist, halte ich es für folgerichtig, dass das Thema Klasse wieder in den Mittelpunkt rückt.

Sie beschreiben den Gegensatz von Arm und Reich in Deutschland aber auch als Generationenkonflikt. Die "Boomer", also die 50plus-Generation, hätten für sich selbst perfekt auf Kosten der Jungen ausgesorgt.
Ich beschreibe den Gegensatz von Arm und Reich in Deutschland nicht nur als Generationskonflikt, sondern auch. Das "auch" ist besonders wichtig, denn mir ist klar, dass die Haupttrennlinie in diesem Land die Frage ist, wer Vermögen hält und wer nicht. Darüber hinaus gibt es den Unterschied, ob ich ohne Vermögen etwa in den 1980er Jahren in Westdeutschland berufstätig war oder es heute bin. Wir sehen in den Daten vor allem einen Bruch bei denen, die nach 1980 geboren wurden. Da gelingt der Aufstieg allein durch Arbeit nicht mehr. Und deshalb glaube ich, dass das Thema der Aufstiegschancen und des Wohlstandsaufbaus eben auch ein Generationenthema ist. Viele Privilegien wurden einseitig zu Lasten der Jüngeren gekappt.

Was ist mit Altersarmut, nicht allen Älteren geht es gut…
Natürlich gibt es auch Ältere, die in Armut leben. Und natürlich ist auch das ein schwerwiegendes Problem. In meinem Buch geht es aber explizit um die Generation der Nach-Baby-Boomer, also eher um die Jüngeren. Keine Rentnergeneration war je so wohlhabend wie die jetzige.

"Working Class", das sind bei Ihnen alle, die ausschließlich von Ihrer Arbeit leben müssen. Die Arbeitswelt, schreiben Sie, sei mittlerweile zu heterogen, um gemeinsame Ziele zu formulieren und zu erkämpfen. Lässt sich für die Arbeitnehmer_ innen denn gar nichts Positives formulieren?
Doch. Das, was ich bei allen Menschen beobachte, ist zum Beispiel ein großer Werkstolz. Auch Sait in meinem Buch, der die U-Bahnhöfe in Berlin reinigt, hat ihn – genauso wie Alexandra und Richard, die Klavierschüler unterrichten. Oder Christian, der ein sehr loyaler und treuer Büromitarbeiter ist. Der Wert der Arbeit, der weit über das Finanzielle hinausgeht, der das Soziale und Kulturelle umfasst, spielt in meinem Buch eine sehr große Rolle. Ich glaube, auf diesem Wert der Arbeit kann und sollte man aufbauen.

In der Gewerkschaftsjugend sind über eine halbe Million junge Menschen organisiert, die für ihre Interessen kämpfen. Welche Rolle spielen die Gewerkschaften für Sie? Sie beschreiben sie oft als langsam und besitzstandswahrend. Aber wer organisiert sonst die Interessen der Leute, die arbeiten?
Mir ist klar, dass die Organisation von Arbeitskämpfen in erster Linie über Gewerkschaften funktionieren muss. Aber ich erlebe auch bei vielen Recherchen – und nicht nur in dieser –, dass Gewerkschaften in den Berufsgruppen, die ich mir anschaue, d. h. bei Werktätigen, die Vertragsformen eher jenseits der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung haben, zu wenig vorkommen, zu wenig präsent sind. Sie sind Mitgliedsorganisationen, und kümmern sich erst mal um ihre Kerngruppen, die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in großen Betrieben. Dort haben sie immer noch einen hohen Organisationsgrad.

Was empfehlen Sie?
Dort, wo Menschen in kleinen Betrieben, in unsicheren Vertragsformen arbeiten, womöglich mit Outsourcing an Subfirmen, haben Gewerkschaften einen schweren Stand. Ich glaube, dass es eine wesentliche Herausforderung sein wird, auch dort den Kampf um die Rechte der Arbeitnehmer zu organisieren. Wenn das nicht gelingt, haben die Menschen das Gefühl: "Wir sind Einzelkämpfer, wir stehen nur für uns, niemand setzt sich für uns ein." Dagegen anzugehen, ist eine zentrale Aufgabe für Gewerkschaften.


(aus der Soli aktuell 9-10/2021, Autorin: Soli aktuell)

© Berlin Verlag

Julia Friedrichs schreibt über die neue Arbeiterklasse
"Ihr werdet es einmal schlechter haben!" Mit diesem griffigen Slogan startet Autorin Julia Friedrichs in ihr neues Buch "Working Class". Obwohl die Wirtschaft in Deutschland jetzt mindestens ein Jahrzehnt lang gewachsen ist, besitzt die Mehrheit in diesem Land kaum Vermögen. Sich Wohlstand aus eigener Kraft zu erarbeiten, ist schwieriger geworden, sagt Friedrichs, gerade für die junge Generation. Viele fürchten sich bereits vor Altersarmut. Friedrichs spricht mit Wissenschaftler_innen, Expert_innen und Politiker_innen. Im Zentrum stehen aber Menschen, die darauf setzen müssen, dass Arbeit sie durchs Leben trägt: Sie putzen, unterrichten, gehen Tag für Tag ins Büro – und merken, dass es doch nicht reichen wird. Friedrichs: "Sie sind die ungehörte Hälfte des Landes." Zuvor hatte sich die Autorin bereits kritisch mit der Vererbung großer Vermögen ("Wir Erben: Was Geld mit Menschen macht", Berlin 2015) auseinandergesetzt. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrmals ausgezeichnet.

Julia Friedrichs: Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können; Berlin Verlag, Berlin 2021, 320 S., 22 Euro