Deutscher Gewerkschaftsbund

Eine Generation Corona verhindern

Die Corona-Krise darf sich nicht langfristig auf die Ausbildung auswirken, warnen Alena Tumanov-Balysev und Jan Laging.

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Diplom-Sozialwirt Jan Laging ist Gewerkschaftssekretär für die Junge IG Metall und Berufliche Bildung in Salzgitter/Peine.

Technikerin Alena Tumanov-Balysev ist Projektsekretärin mit Schwerpunkt Ausbildung, duales Studium und Einstiegsqualifizierung bei der IG Metall Nienburg/Stadthagen.

Alena, was bedeutet mehr als ein Jahr mehr oder weniger Lockdown in Deutschland für die Ausbildung in den Betrieben, die du in deinem Arbeitsbereich kennst?
Alena: Es gab keine regulären Begrüßungsrunden, Jugendversammlungen sind teilweise ausgefallen und Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) machen Sitzungen als Videokonferenzen. Begegnet sind mir menschenleere Ausbildungswerkstätten, der Wegfall von "lauten" Mittagspausen und Azubi-Partys.

Ganze Ausbildungsgruppen sind wochenlang gar nicht in Betrieb und Berufsschule. Teilweise kennen sich die Jahrgänge untereinander noch gar nicht wirklich, weil sie sich faktisch nie begegnet sind. Die Situation ist insgesamt total unterschiedlich, aber definitiv einschneidend anders.

Was sagen die Auszubildenden über die zurückliegenden Monate?
Jan: Die große Mehrheit ist genervt und macht sich teilweise Sorgen um die Prüfungen. Es fehlen Ansprechpartner_innen in den Betrieben und Berufsschulen. Und die Umstellung auf den digitalen Unterricht war und ist von Problemen begleitet. Am Anfang bedeutete dieser nur "Aufgaben bekommen, bearbeiten und hochladen", woran sich in manchen Klassen wenig geändert hat. Vielen fehlt die Azubi-Gemeinschaft.

Hat sich mit der Corona-Krise etwas grundsätzlich beim Thema Ausbildung verändert?
Jan: Der Bewerbungsprozess war natürlich erschwert, aber die duale Ausbildung wird nicht grundsätzlich infrage gestellt. Allerdings müssen wir darum kämpfen, dass im Zuge der Corona-Auswirkungen nicht noch mehr Ausbildungsplätze abgebaut, sondern stattdessen Übernahme-Regelungen verteidigt und ausgeweitet werden. Eine "Generation Corona" dürfen wir nicht zulassen, auch nicht bei den Prüfungen.

Wie sieht es denn mit den Prüfungen aus?
Alena: Sehr unterschiedlich. In großen Betrieben gab es auch in der Pandemie ausreichend Zeit, Raum, Übungen und Lernmöglichkeiten. Die Auszubildenden und Studierenden konnten sich untereinander austauschen. Gerade in kleineren Betrieben ist die Situation ganz anders, und Auszubildende sind häufig auf sich alleine gestellt und im Homeoffice regelrecht isoliert.

Jan: Die Auszubildenden im 2. Ausbildungsjahr haben den Großteil ihrer Ausbildung in der Corona-Ausnahmesituation absolviert und die letzten Monate vor ihrer Zwischen- bzw. (Teil-) Abschlussprüfung zu Hause verbringen müssen. Gerade für Lernschwache ist es eine Katastrophe, wenn die persönliche Begleitung durch Ausbilder_innen, Lehrer_innen und die Freunde wegfällt. Eigenverantwortlicher Fernunterricht und Selbstlektüre von Prüfungsaufgaben ("Lernen aus dem Buch") überfordern manche Jugendliche, die sich ja explizit für einen praktischen Beruf entschieden hatten.

Betrieblich sind Lehrgänge und Unterweisungen ausgefallen oder zusammengestampft worden. Schulisch gab es ebenfalls Unterrichtsausfall und technische Probleme zu beklagen. Außerdem sind Lehrkräfte und Ausbilder_innen nicht an das "Lehren über den Bildschirm" gewöhnt, sodass Qualität, Struktur und Vermittlung der Inhalte extrem schwanken und selten das Niveau der Vorjahre erreichen.

"Die Gewerkschaften sind wichtige Akteure in der Krise."

Was könnten Lösungen sein?
Jan: Grundsätzlich sollten Prüfungsvorbereitung und Durchführung in kleineren Gruppen stattfinden, verteilt auf mehrere Termine. Solange keine Zero-Covid-Strategie gefahren wird, sollte Präsenzunterricht unter Schutzmaßnahmen abgesichert sein. Vor den praktischen Prüfungen sollten Corona-Schnelltests durchgeführt werden, damit in sicheren Konstellationen die – dann störende – Maske abgenommen werden kann.

Bei Theorieprüfungen sollte eine halbe Stunde mehr Zeit eingeräumt werden und auch die Pausenzeiten sollten zum Lüften und Luft holen ausgedehnt werden. Außerdem sollten die Auswahlmöglichkeiten für gebundene Fragen erhöht werden, um dem Ausfall von Lerninhalten durch mehr Wahlfreiheit zu begegnen. Die Kammern (IHK/HWK) könnten freiwillige (Online-)Kurse, Videos oder Foren anbieten und alte Prüfungen mit Erläuterungen von Lösungswegen zur Verfügung stellen.

Perspektivisch müssen Schul- und Ausbildungspersonal fachlich-didaktisch auf das "Distanzlernen" geschult und technisch bestmöglich ausgestattet werden.

Was können die Gewerkschaften in der Krise tun?
Alena: Wir konnten in wenigen Tagen branchenübergreifend Umfragen zu den Prüfungen starten und zahlreiche Gespräche führen. Daher sind wir wichtige politische Akteure in der Krise, um die Anliegen der verschiedenen Auszubildenden an die Politik, die Kammern, Schulen und Betriebe weiterzugeben, notfalls Druck zu erzeugen und konstruktiv an Lösungen zu arbeiten.

Betrieblich können wir über unsere Strukturen für Vernetzung sorgen, um Hilfe zur Selbsthilfe zu organisieren. Mit unseren JAVis und Betriebsräten konnten wir zusätzliche betriebliche Prüfungsvorbereitung durchsetzen und außerdem die Ausstattung der Auszubildenden für das Distanzlernen verbessern.

Um die Auszubildenden in ihrer Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen im Fach Wirtschafts- und Sozialkunde zu unterstützen, bietet unsere Gewerkschaft IG Metall vier zentrale Online-Seminare zur Prüfungsvorbereitung im Frühjahr an. Gemeinsam mit zwei Experten aus dem Kreis der Prüfungsaufgabenersteller_innen, die aktiv an der Entwicklung der Aufgaben für die diesjährigen Abschlussprüfungen in Wirtschafts- und Sozialkunde mitgearbeitet haben, werden wesentliche Inhalte vermittelt und offene Fragen beantwortet.

Zum Schluss: Was verlangt ihr von den Arbeitgebern?
Alena: Dass sie mehr Tage in Präsenz zur Prüfungsvorbereitung ermöglichen und Schnelltests anbieten und durchführen, bei Bedarf betriebsinterne Nachhilfe organisieren, um Inhalt aus der Berufsschule auszugleichen. Sollten Lehrgänge und Lernzielkontrollen ausgefallen sein, müssen sie unbedingt nachgeholt werden. Außerdem muss die Ausstattung an digitalen Ausbildungsmitteln geprüft werden.


(aus der Soli aktuell 5/2021, Autorin: Soli aktuell)

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