Deutscher Gewerkschaftsbund

Organisiert euch! Kathrin Birner und Stefan Dietl über Wanderarbeit

Die Corona-Krise gibt den Blick auf die Arbeitsbedingungen von Wanderarbeiter_innen in Europa frei. Kathrin Birner und Stefan Dietl haben nun ein Buch darüber geschrieben.

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Kathrin Birner arbeitet bei ver.di als Gewerkschaftssekretärin und ist im Netzwerk der Global Labour University aktiv. Die Politikwissenschaftlerin beschäftigte sich u. a. mit gewerkschaftlichen Graswurzel-Kampagnen, Wertschöpfungsketten bei Amazon und autoritären Denkmustern.

Stefan Dietl
ist ehrenamtlicher Vorsitzender des ver.di-Bezirks Oberpfalz und im Landesvorstand der ver.di Bayern. Er schreibt zu sozial- und wirtschaftspolitischen Themen, u. a. in der Wochenzeitung "Jungle World".

Kathrin und Stefan: Wie seid ihr auf das Thema gekommen, wie groß ist das Thema Wanderarbeit in Europa und speziell in Deutschland?
Kathrin: Wanderarbeit existiert in ganz Europa. Besonders in Deutschland ist sie mit zahlreichen Betroffenen Stützpfeiler zahlreicher Branchen. Im Alltag sind diese Arbeitsmigrant_innen oft unsichtbar, bis man genauer hinschaut. Das wollten wir tun und konnten unter anderem auf die Veröffentlichungen des Beratungsnetzwerkes Faire Mobilität zurückgreifen.

Wie hoch ist die Zahl der Wanderarbeiter_innen genau und wo arbeiten sie?
Kathrin: Wie viele es in Deutschland gibt, lässt sich nicht sicher sagen, doch es sind Hunderttausende. Schwerpunkte sind u. a. die Fleischindustrie, die Landwirtschaft, der Pflegesektor und die Transport- und Logistikbranche. Kontinuierlich wächst auch die Zahl der Beschäftigten im industriellen Sektor. Fakt ist: Ohne die Menschen, die ihre Heimat zur Arbeit in Deutschland verlassen, würden zahlreiche Wirtschaftszweige schlicht zusammenbrechen.

Wie sieht es mit Wanderarbeiter_innen und Corona aus?
Stefan: Sie leiden besonders unter der Pandemie. Zum einen, weil sie im besonderen Maße die gesundheitlichen Risiken tragen. Wir beschreiben das im Buch am Beispiel der Unterbringungs- und Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie und der Landwirtschaft, die regelmäßig zu Masseninfektionen führen. Zum anderen wurden etwa in der Landwirtschaft Arbeitsrechte im Zuge der Corona-Pandemie abgebaut.

Was müssen Wanderarbeiter_innen in Deutschland sonst noch erleben?
Stefan: Überlange Arbeitszeiten von 14 Stunden und mehr, mangelnde Schutzausrüstung, systematischen Lohnbetrug und eine weitgehende Entrechtung in Bezug auf Kündigungsschutz, Urlaub und andere grundlegende Arbeitnehmerrechte. Hinzu kommen Drohungen, Einschüchterungen und physische Gewalt. Ebenso katastrophal sind ihre Lebensbedingungen in häufig überfüllten Massenunterkünften mit haarsträubenden hygienischen Standards.

Wanderarbeit ist mit der Finanzkrise 2008 in Europa in Mode gekommen. Insbesondere junge Menschen aus den südlichen Ländern zogen um. Warum?
Kathrin: Die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, Italien oder Griechenland stieg nach 2008 in ungeahnte Höhen, auch aufgrund der deutschen Austeritätspolitik, die verheerende soziale Auswirkungen hatte. Dies und die Zerschlagung sozialer Sicherungssysteme zwang viele, vorübergehend ihre Heimat zu verlassen.

"Es braucht natürlich Druck auf den Gesetzgeber."

Welche spezifischen Probleme gibt es insbesondere für junge Wanderarbeiter_innen?
Kathrin: Wanderarbeit geht mit extremen Unsicherheiten einher. Es fehlt an Planungssicherheit für das nächste oder übernächste Einkommen und im Fall von Krankheit oder gar Berufsunfähigkeit. Touren durch halb Europa sind keine Seltenheit. Das trifft gerade junge Menschen besonders, die eigentlich die Weichen für ihre persönliche und berufliche Zukunft stellen wollen.

Von den Kontrollen zur Schwarzarbeit scheint ihr nicht viel zu halten...
Stefan: Leider ist es ein Mythos, dass mehr Kontrollen auch zu besseren Arbeitsbedingungen für die Betroffenen führen. Im Gegenteil: Der Zoll hat nicht die Aufgabe, Wanderarbeiter_innen zu ihrem Lohn zu verhelfen oder gar ihre Unterbringungssituation zu verbessern. Seine Aufgabe ist es, illegale Beschäftigung aufzudecken, damit entgangene Sozialbeiträge eingetrieben werden können. Dabei ermittelt er in beide Richtungen, also auch gegen diejenigen, die um ihre Löhne und Rechte geprellt werden. Aufgrund ihres unsicheren Status haben die Betroffenen dabei weit mehr zu befürchten als die Unternehmen, die sie ausbeuten.

Kathrin, du hast an der gewerkschaftlichen Global Labour University (GLU) studiert. Ist Wanderarbeit und ihre gewerkschaftliche Organisierung dort ein Thema?
Kathrin: Die GLU verbindet Wissenschaft und Praxis. Gleichzeitig mit mir studierten zahlreiche Gewerkschafter_innen aus aller Welt. Anders als in Deutschland spielt informelle Arbeit und auch Wanderarbeit gerade im Globalen Süden schon lange eine zentrale Rolle in gewerkschaftlichen Debatten. In der GLU wurde und wird daher enorm viel dazu diskutiert und geforscht.

Welche Schlussfolgerungen zieht ihr aus eurer Untersuchung, auch mit Blick auf die Gewerkschaften?
Kathrin: Es braucht natürlich Druck auf den Gesetzgeber, da spielen die Gewerkschaften eine wichtige Rolle. Viel wichtiger ist aber die gemeinsame kollektive Organisierung der Betroffenen zur Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen. Die Gewerkschaften sind die Interessenvertretung aller abhängig Beschäftigten, unabhängig von Herkunft oder Aufenthaltsstatus. Diesem Anspruch gilt es, noch mehr gerecht zu werden.

 
(aus der Soli aktuell 5/2021, Autorin: Soli aktuell)

Die moderne Wanderarbeit in Europa
Ein hohe Anzahl von Corona-Infektionen beim Fleisch-Großproduzenten Tönnies im letzten Jahr warf ein Licht auf die oft schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen der vielen Wanderarbeiter_innen, die die deutsche Wirtschaft am Laufen halten. Kathrin Birner und Stefan Dietl beschreiben in ihrem Buch die prekären Arbeits- und Lebensverhältnisse, die den Alltag der Betroffenen prägen, und zeigen gewerkschaftliche Lösungsansätze auf.

Kathrin Birner, Stefan Dietl: Die modernen Wanderarbeiter*innen. Arbeitsmigrant*innen im Kampf um ihre Rechte, Unrast-Verlag, Münster 2021, 140 S., 12,80 Euro