Deutscher Gewerkschaftsbund

Ein Gegengewicht bilden: Isabelle Gagel beim IGB

Isabelle Gagel ist die neue Vertreterin der DGB-Jugend beim IGB. In der Soli aktuell erläutert sie ihre Schwerpunkte für die internationale Jugendarbeit.

© DGB-Jugend/Jörg Farys

Isabelle Gagel (M., hier in Aktion für die Reform des Berufsbildungsgesetzes 2019) vertritt die DGB-Jugend auf internationaler Ebene.

Isabelle, du bist die neue Vertreterin der DGB-Jugend beim Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB). Warum hast du dich für dieses Ehrenamt entschieden?
Schon seit einigen Jahren ist Gewerkschaftsarbeit ein sehr großer Lebensinhalt für mich. Das bedeutet, mich in jeder Lebenslage und konkret in Gremien für Gerechtigkeit für Arbeiter_innen einzusetzen. Antrieb für mein Engagement auf internationaler Ebene ist die Tatsache, dass sich das Kapital in Form von transnationalen Unternehmen über Ländergrenzen hinweg vernetzt und durch globale Wertschöpfungsketten – globale Produktionsnetzwerke – Arbeiter_innen auf einem ganz neuen Level ausbeutet und gegeneinander ausspielt.

Die einzige Möglichkeit, etwas daran zu verändern – ein Gegengewicht zu bilden und das Leben und die Arbeitsbedingungen von vielen Menschen zu verbessern –, ist es, diese Mechanismen zu verstehen, Arbeiter_innen global zu organisieren und sich schließlich gegenseitig solidarisch zu unterstützen und zusammenzustehen! Wir freuen uns, für die nächsten zwei Jahre wieder im IGB-Jugendgremium vertreten zu sein.

Warst du bisher schon international aktiv?
Durch meine ehrenamtlichen gewerkschaftlichen Tätigkeiten hatte ich die Möglichkeit, an Austauschprogrammen mit der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) sowie an Sommersprachschulen und Seminaren der Hans-Böckler-Stiftung teilzunehmen, durch die ich in den Austausch mit Gewerkschafter_innen aus Spanien (CCOO, UGT), Italien (Fiom-CGIL, UIL), Israel (Histadrut), beim EGB/IGB oder der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) treten konnte.

2019 führte ich mit weiteren Stipendiat_innen der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) das Projekt "Eurotrip" durch – das brachte uns eine Nominierung beim Berliner Europa-Preis "Blauer Bär" ein: Binnen 16 Tagen hatten wir mit einem Bulli neun Länder bereist und junge Aktivist_innen und Gewerkschafter_innen zu ihrer Vision von einem mitbestimmten Europa befragt.

"Ich möchte ein besonderes Augenmerk darauf richten, dass junge Arbeiter_innen des Globalen Nordens und des Globalen Südens nicht gegeneinander ausgespielt werden."

 Damit konntet ihr...
...der jungen Generation eine Stimme geben. 2020 fing ich mit dem Master Arbeitsmarktpolitik und Globalisierung an der Global Labour University an, bei dem ich mit 13 anderen Gewerkschafter_innen, vorrangig aus dem Globalen Süden (Brasilien, Ghana, Zimbabwe, Pakistan, Indien, Südkorea), gewerkschaftliche Strategien, Globale Politische Ökonomie, Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung und Institutionen und auch internationales Arbeitsrecht studierte.

Dazu gehörte auch ein Praktikum beim Gewerkschaftsverband IndustriALL Global Union in Genf. Und kürzlich hatte ich die Gelegenheit, bei der Fachsitzung der ILO zur Zukunft der Arbeit im Automobilsektor als Arbeitnehmervertreter_in teilzunehmen, wo wir mit Regierungen und Vertreter_innen des internationalen Arbeitgeberverbandes ein Papier zur konkreten Umsetzung verhandelten.

Welche Aufgaben erwarten dich jetzt?
Aktuelle Themen, die im IGB-Jugendgremium besprochen werden, sind die Kampagnen des IGB und die Vernetzung mit globalen Gewerkschaftsverbänden – vor allem zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie und zur digitalen Erschließungsarbeit für junge Arbeiter_innen.

Weitere Schwerpunkte werden die Jugendkampagne für gute Arbeitsplätze der ILO und weiterer UN-Organisationen sein bzw. die Begleitung der konkreten Ausgestaltung der ILO-Jugendbeschäftigungsstrategie. Einen besonderen Stellenwert hat für mich die Normsetzungsdebatte rund um das Thema Qualität der Ausbildung auf der Internationalen Arbeitskonferenz 2022.

Im Juli dieses Jahres steht die Jugendakademie bei der ÖGJ an – mal sehen, ob das physisch klappen wird. In einer Arbeitsgruppe zu neuen Formen der Arbeit wird diskutiert, wie junge Gewerkschafter_innen besser eingebunden werden können.

Daneben gibt es viele Termine, durch Kollaborationen initiiert, wie etwa mit der Jugendgruppe des Internationalen Ständigen Friedensbüros. Als beratendes Mitglied des DGB-Bundesjugendausschusses berichte ich in diesem Gremium wie auch dem Arbeitskreis Internationales und auf "Erwachsenen"-Ebene, was international seit der letzten Sitzung alles passiert ist.

© Jörg Farys

Was machen: Isabelle Gagel ist 25 Jahre alt und wohnt in Berlin. Sie ist Mitglied der Gewerkschaften IG Metall, GEW und ver.di. Sie spricht neben Deutsch die Sprachen Englisch, Spanisch und Italienisch. Während ihres Philosophie und Kunst- und Bildgeschichtsstudiums jobbte sie bei Daimler als Flexi-Arbeiterin. Anschließend absolvierte sie ihren Master in Labour Policies and Globalisation an der Global Labour University. Die ehemalige Bundesdelegierte der Schülervertretung und HBS-Stipendiatin gründete und leitete die DGB-Hochschulgruppe an der Humboldt-Universität Berlin. Ehrenamtlich aktiv ist sie im AK Studierende der IG Metall Jugend Berlin-Brandenburg-Sachsen und im Ortsjugendausschuss Berlin. Für ihren Bezirk ist sie im Kampagnenteam der IG Metall Jugend Bund.

Welche Ziele hast du in deiner Amtszeit – hat die DGB-Jugend dir etwas mitgegeben?
Ich vertrete natürlich in aller Gänze die Beschlusslage der DGB-Jugend, die dieses Jahr erneut durch die Bundesjugendkonferenz (BJK) 2021 aufgefrischt wird. Auf der BJK 2017 wurden die internationalen Ziele im Leitantrag F001 konkretisiert: betriebliche und politische Denationalisierung, gezielte Organisierung von internationalen Wertschöpfungsketten und internationaler Austausch zu konkreten Themen und Herausforderungen, die ich als Bindeglied in den BJA tragen soll.

Mir persönlich liegt sehr am Herzen, dass Arbeiter_innen durch die Megatrends Digitalisierung, Automatisierung, Klimakrise wie auch Privatisierung und fortschreitende Kommodifizierung (d. i. Kommerzialisierung, d. Red.) nicht immer weiter ausgebeutet werden.

Ich möchte ein besonderes Augenmerk darauf richten, dass junge Arbeiter_innen des Globalen Nordens und des Globalen Südens nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen – zum Beispiel mit Outsourcing-Maßnahmen in Verbindung mit Lohndumping. Ich werde dafür kämpfen, dass junge Arbeiter_innen vor Rationalisierung, Jugendarbeitslosigkeit, prekärer Beschäftigung mit fortschreitender Flexibilisierung und Alternativlosigkeit geschützt werden. Qualitativ gute Ausbildungsbedingungen wie auch sinnstiftende, nützliche Arbeit unter guten Bedingungen und mit fairer Bezahlung müssen die Regel werden.

Wie beeinflusst euch Corona in eurer Arbeit?
Im Moment findet alles online statt. Dadurch leidet die persönliche Ebene, die für Gewerkschaftsarbeit so wichtig ist. Durch die große Zeitverschiebung ist das Zeitfenster für Treffen zusätzlich sehr begrenzt. Inhaltlich stellt uns die Pandemie natürlich vor große Herausforderungen: bei der Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz oder dem Einbruch von Ausbildungszahlen.

"Die einzige Möglichkeit, das Leben zu verbessern: sich gegenseitig solidarisch unterstützen und zusammenstehen!"

2021 ist das Jahr zur Abschaffung der Kinderarbeit. Wie positionieren sich junge Gewerkschafter_innen bei dem Thema?
Die Abschaffung der schlimmsten Formen von Kinderarbeit ist eine der acht grundlegenden Kernarbeitsnormen der ILO. Alle 187 Mitgliedsstaaten haben das Übereinkommen 182 ratifiziert. Als Gewerkschafterin verurteile ich grundlegend, dass Kinder zur Arbeit gezwungen werden. Das Übereinkommen 138 – über das Mindestalter für die Zulassung zur Beschäftigung –, das bei 15, in besonderen Fällen bei 14 Jahren liegt, haben 14 Länder, u.a. die USA, immer noch nicht ratifiziert. Diese Länder müssen sich hier bewegen. Alle Länder, die die benannten Übereinkommen in nationales Recht übersetzt haben, und die Unternehmen, die dort durch ihre globalen Lieferketten operieren, müssen dies konstant überprüfen.

In Bolivien haben Kinder sogar eine Gewerkschaft gegründet. Sie sagen, arbeiten müssen wir sowieso, weil unsere Eltern nicht genug verdienen. Dann lieber mit Tarifvertrag. Wie steht ihr zu ihrem Anliegen?
Hier kommt meiner Meinung nach der Doppelcharakter von Gewerkschaften zum Tragen: Gewerkschaften kämpfen oft in (Status quo) einem System gegen dieses (Überwindung) an. Es ist jedoch ganz klar: Die Abschaffung von Kinderarbeit ist ein Muss! Die Verbesserung nur der Arbeitsbedingungen für Kinder als Arbeiter_innen ist nicht ausreichend. Essentiell für die Entwicklung eines Menschen ist eine allgemeine Schulbildung. Ohne Vermittlung von Wissen und Qualifikationen fehlt jedem Land das wirtschaftliche Fundament für seine Zukunft!


Infos zur Arbeit der IGB-Jugend (ITUC Youth) findet ihr auf www.ituc-csi.org/youth (Engl.)

(aus der Soli aktuell 5/2021, Autorin: Soli aktuell)