Deutscher Gewerkschaftsbund

Gemeinsam sind wir stärker! Luca Karg und Maurice Laßhof über Autobauer-Azubis und Fridays for Future

Die Jugend kriegt die Krise(n): Die Gewerkschafter Luca Karg und Maurice Laßhof vergleichen die Auswirkungen des Klimawandels und der digitalen Transformation auf Autobauer-Auszubildende und Fridays-for-Future-Aktivist_innen.

© Privat

Luca Karg (l.), 26, studiert Soziologie und Humanwissenschaften an der TU Darmstadt. Maurice Laßhof, 26, studiert Soziologie und Wirtschaftswissenschaften an der TU Darmstadt. Beide arbeiten als wissenschaftliche Hilfskräfte am Institut für Soziologie, Lehrstuhl für Arbeitsund Organisationssoziologie von Prof. Ulrich Brinkmann. Sie möchten nach dem Studium promovieren. Karg und Laßhof sind aktive IG Metall-Mitglieder und haben in der IG Metall-Geschäftsstelle Darmstadt vor ca. einem Jahr den Studierendenausschuss mitgegründet. Beide sind Delegierte der Geschäftsstelle und im IG Metall-Ortsjugendausschuss aktiv. Laßhof ist außerdem Mitglied des Ortsvorstands und im Leitungskomitee des Studierendenausschusses.

Luca und Maurice, ihr habt in eurer Arbeit geschaut, wo sich die Interessen und politischen Ziele von Autobauer-Auszubildenden und Fridays for Future (FFF) überschneiden oder unterscheiden. Wie seid ihr auf das Thema gekommen?
Als wir unser Forschungsvorhaben geplant haben, war die Klimakrise die zentrale Arena politischer Auseinandersetzungen. In den Medien konnte man häufig lesen, FFF vertrete die Stimme einer ganzen Generation. Wir haben uns gefragt, ob diese Behauptungen empirisch haltbar sind oder ob Jugendliche in einer differenten Lebenslage andere politische Belange artikulieren und wie sie die (Klima-)Krise wahrnehmen.

Das Thema beider Gruppen ist die digitale oder auch sozialökologische Transformation. Arbeitsplatzsicherheit steht ganz oben auf der Agenda der Auszubildenden. Wie sieht die Zukunft bei FFF-Aktiven aus?
Für FFF hat die gesellschaftliche Bearbeitung der Klimakrise aktuell höchste Priorität, auch im Vergleich zu anderen politischen Themen. Demnach stimmten rund 71 Prozent der FFF-Aktiven der Aussage "Umweltschutz ist wichtiger als der Erhalt von Arbeitsplätzen" "eher" bzw. "voll" zu. Hierbei handelt es sich um den größten Interessengegensatz zwischen beiden Jugendgruppen.

Die befragten FFF-Aktiven sind v. a. Schüler_ innen, die aktuell ihr Abitur machen und ein Studium anstreben, und Studierende. Ein hoher Bildungsabschluss gilt für sie als Versprechen einer sicheren Zukunft. Ihr sozioökonomischer Background schützt sie bisher vor sozialer Unsicherheit, aber nicht vor der Klimakrise. Zwar thematisieren sie auch soziale Themen, doch im Zentrum ihres politischen Aktivismus steht die ökologische Frage. Hingegen erzeugen die Erfahrungen mit Transformationsprozessen, dem neoliberalen Umbau kollektiver Sicherungssysteme sowie Unternehmenskrisen unter den Auszubildenden mehrheitlich Angst vor einer prekären Zukunft.

© Simone M. Neumann

Arbeit in der Autoindustrie und Transformation: Gewerkschaften als Vermittler.

Können die Autobauer-Auszubildenden - in einem Betrieb wie Opel, der auf der Kippe steht - bei den Vorstellungen von FFF mitgehen und wenn ja, inwiefern?
Auch unter den Auszubildenden ist die Klimakrise ein wichtiges Thema. Sie teilen zwar die Überzeugung, dass der Klimawandel bekämpft werden muss, kritisieren ebenso wie FFF den Kapitalismus und sprechen der "Politik", dem Lebensstil der Bevölkerung und v. a. Großkonzernen "viel" oder gar "sehr viel" Schuld an der Klimakrise zu. Doch wir haben auf den Jugendversammlungen auch festgestellt, dass die Opelaner auf FFF nicht durchweg gut zu sprechen sind. Das liegt vor allem an deren Kritik am Verbrennermotor und Individualverkehr.

Mit ihren Forderungen nach einer radikaleren Klimapolitik und der Abkehr von Kraftfahrzeugen bedrohen sie die materielle Existenzgrundlage der Auszubildenden. Durch die Verurteilung des Automobils, mit dem sich die Auszubildenden identifizieren, signalisiert FFF den Auszubildenden mangelnde Wertschätzung und Anerkennung ihrer Arbeitsleistung.

Die Auszubildenden sind in hohem Maße gewerkschaftlich organisiert. Welche Hoffnungen setzen sie in Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV), Betriebsrat, Gewerkschaften und in die Politik?
Von den Politiker_innen fühlen sich die Auszubildenden in ihren Belangen nicht vertreten. 38,2 Prozent würden nicht, "Eine andere Partei" oder "Die Partei" wählen. Ihr Wahlverhalten darf allerdings nicht als Politikverdrossenheit verstanden werden, sondern als Unzufriedenheit mit der vorgefundenen Politik.

Eine umso wichtigere Rolle spielen die Interessenvertretungen in der Krisenlage: Viele Auszubildende haben großes Vertrauen in ihre JAV, den Betriebsrat und die IG Metall und sehen sie als Hoffnungsträger in der Krise.

"Wir brauchen bei der Transformationskrise eine Reformallianz, die nicht nur bellt, sondern beißt."

Allerdings kritisieren die Opelaner ihre Gewerkschaft dafür, dass bisher zu viele Zugeständnisse an PSA (Peugeot Société Anonyme, die Konzernmutter von Opel, d. Red.) gemacht wurden und sie zu wenig für ihre Zukunft kämpfen konnten. Der Fokus auf Stellvertreterpolitik birgt die Gefahr, dass das Vertrauen in die Gewerkschaft zukünftig leidet. Am Ende ist das strategische Vorgehen jedoch immer auch eine Frage der Machtressourcen.
 
Was wäre aus eurer Sicht nötig, um beide Gruppen zusammenzuführen?
In ihren politischen Themen und ihrer Kritik weisen die befragten Jugendgruppen eine große Schnittmenge auf. Außerdem teilen sie die enttäuschende Erfahrung, dass sie von Politiker_innen zwar gehört werden, diese jedoch keine Lösungen präsentieren. Bei einer Zusammenführung müssen diese Gemeinsamkeiten betont werden.

Doch auch die Unterschiede müssen diskutiert werden. Vor allem der vermeintliche Konflikt zwischen Klimaschutz und Arbeitsplatzsicherheit muss gelöst werden, da er zukünftig eine sozialökologische Allianz zerreißen kann. Hier spielen Gewerkschaften eine wichtige Rolle. Sie haben im Gegensatz zu FFF die Ressourcen und die Infrastruktur, gemeinsame Veranstaltungen umzusetzen und zwischen den Interessen zu vermitteln. Kommunikation und gemeinsame Aktionen sind essenziell, wenn die beiden Jugendgruppen zusammenfinden wollen.

Ihr sprecht von einer "Kooperationsmacht ". Was ist damit gemeint?
Kurzum: Gemeinsam ist man stärker. Eine Allianz der beiden Jugendgruppen birgt für beide Vorteile. FFF profitiert im Konflikt mit Konzernen von starken Verbündeten im Betrieb. Auszubildende und ihre Interessenvertretungen benötigten in tariflichen Auseinandersetzungen zur Transformation einen breiten gesellschaftlichen Rückhalt. Praktizierte Solidarität und gemeinsame Konzepte sind hierbei der Schlüssel für eine nachhaltige Bearbeitung der Transformations- und Klimakrise.

FFF-Plakat

© Jürgen Kiontke

 Klimakrise hat höchste Priorität für FFF-Aktive.

Ihr seid studentische Mitarbeiter an eurem Institut. Wie seht ihr denn persönlich auf die anstehenden Veränderungen der Arbeitswelt? Kommt irgendwann die Soziologie-App, die Wissenschaftler ersetzt?
Uns persönlich betrifft die Digitalisierung vor allem thematisch in unserer aktuellen Forschung zur Ausbildung 4.0 und weniger im Arbeitsprozess selbst. Zwar nutzen wir auch digitale Tools zur Unterstützung unserer Arbeit, aber eine Soziologie-App, die Wissenschaftler_innen ersetzen kann, ist eher unwahrscheinlich. Noch ist wissenschaftliche Arbeit schwer zu algorithmieren.

Aber unabhängig davon ist wissenschaftliche Arbeit sehr prekär: Über 92 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen und fast 17 Prozent der administrativ-technischen Mitarbeiter_ innen an der TU Darmstadt sind befristet angestellt. Das macht eine persönliche Zukunftsplanung fast unmöglich und schränkt die Forschung und Lehre massiv ein. Deshalb hat sich an unserer Uni die Initiative darmstadt unbefristet gegründet. Gemeinsam mit Gewerkschaften kämpfen wir u. a. für die Entfristung der Beschäftigungsverhältnisse.


(aus der Soli aktuell 4/2021, Autorin: Soli aktuell)

Empirische Forschung von der Jugend über die Jugend für die Jugend
Auszubildende, vor allem in der Automobilindustrie, sind anders vom gesellschaftlichen Umgang mit Krise(n) betroffen als Schüler_innen und Studierende der Fridays-for-Future-Bewegung, sagen die jungen Wissenschaftler Luca Karg und Maurice Laßhoff. Und stellen deshalb die Frage: Hat die Jugend eine gemeinsame Stimme?

Um sie empirisch beantworten zu können, haben Karg und Laßhof im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Technischen Universität Darmstadt sowohl junge FFF-Klimaaktivist_ innen als auch Auszubildende von Opel in Rüsselsheim und Volkswagen in Kassel- Baunatal befragt und mit ihnen diskutiert. Deutlich werden aus der quantitativen und qualitativen Erhebung Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Wahrnehmung der Jugendgruppen.

Das Fazit der Autoren: "Die Klimakrise ist gesellschaftlicher Imperativ und darf nicht auf Kosten der lohnabhängig Beschäftigten bearbeitet werden. Es gilt, den Gordischen Knoten des vermeintlichen Gegensatzes "Beschäftigungssicherung vs. Klimaschutz" zu durchschlagen. Erst gemeinschaftlich können die destruktiven Kräfte des kapitalistischen Wachstumszwangs ins Gericht genommen werden. Auf dem Feld der Transformationsund Klimakrise braucht es eine sozialökologische Reformallianz, die nicht nur bellt, sondern beißt."


Luca Karg/Maurice Laßhof: Die Jugend kriegt die Krise(n). Wahrnehmungen von Fridays-for-Future-Aktiven und Auto-Azubis im Vergleich. Sozialismus.de, Supplement zu Heft 1/2021, Hamburg 2021, 64 S., 7 Euro

 

 

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Wir arbeiten für die Kooperation

Von Florian Stenzel

Es gibt Probleme, die kann man nicht ignorieren, da sie sich mit fortschreitender Zeit verschärfen. Der Klimawandel ist so ein Problem dieser Kategorie. Als IG Metall Jugend beschäftigen wir uns nicht erst seit gestern mit der Klimakrise, das ist spätestens seit dem IG Metall-Aktionstag 2019 zu diesem Thema klar. Wir wissen: Die Industrie der Zukunft wird klimaneutral produzieren, die Dekarbonisierung ist im vollen Gange.

Mit unseren Jugend- und Auszubildendenvertreter_ innen, Betriebsrät_innen und über zwei Millionen Mitgliedern machen wir Druck auf Politik und Arbeitgeber, dass dieser Umbau nicht auf Kosten von uns Beschäftigten gehen darf. Wir suchen daher Bündnispartner_innen aus allen Teilen der Gesellschaft, auch mit Fridays for Future stehen wir im Kontakt.

Betriebliche Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Bewegungen politisch zu verknüpfen - dafür steht der Begriff Kooperationsmacht. Das setzt allerdings auch die Bereitschaft voraus, sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen. Mit Aussagen wie "Umweltschutz ist wichtiger als der Schutz von Arbeitsplätzen" werden sich Arbeitnehmer_innen und Auszubildende nicht identifizieren. Grundvoraussetzung für Kooperationsmacht ist Kooperationswillen - an der dafür notwendigen Verständigung sollten wir in den nächsten Jahren mit Nachdruck arbeiten.


Florian Stenzel ist Gewerkschaftssekretär im Ressort Junge IG Metall.

(aus der Soli aktuell/42021, Autor: Florian Stenzel)