Deutscher Gewerkschaftsbund

Berufsschullehrer Carsten Müller über Corona

Carsten Müller bildet in Leipzig KFZ-Mechatroniker_innen aus. Der Berufsschullehrer und GEW-Personalrat sagt, wie Berufsschulen, Betriebe und Politik mit der Corona-Krise umgehen und wie es um die die Zukunft der dualen Ausbildung steht.

Berufsschullehrer Carsten Müller

© DGB-Jugend

Das Interview mit Carsten Müller basiert auf einem Gespräch für den Ausbildungsreport der DGB-Jugend Sachsen, den sie im Januar 2021 veröffentlicht hat. Für den Ausbildungsreport wurden über 1.100 Auszubildende zu Punkten wie Ausbildungsqualität, -zufriedenheit und Jugendarbeitsschutz befragt, speziell zur Corona-Krise 741 Auszubildende. https://sachsen-jugend.dgb.de/-/HXf

Carsten, die pandemiebedingte Schließung der Berufsschulen Mitte März 2020 stellte die Akteure der Berufsbildung vor völlig neue Herausforderungen. Wie lief bei euch die Kommunikation zwischen dem sächsischen Kultusministerium, dem Landesschulamt und den Berufsschulen?
Die Entscheidung die Schulpflicht ab dem 16. März 2020 auszusetzen, kam am Freitag, dem 13. März 2020, rein. Darauf waren wir nicht vorbereitet: Viele unserer Berufsschüler_innen waren noch nicht in das Lernportal "Lernsax" eingetragen. Insgesamt hat sich dieses Kommunikationsverhalten von Seiten des Kultusministeriums leider gehalten: Viele Entscheidungen wurden den Schulen so kurzfristig mitgeteilt, dass wir nur sehr schwer proaktiv planen konnten.

Man hat aus der Krise gelernt, sodass heute die Einbindung in "Lernsax" sehr viel besser ist. Insgesamt ist der Datenschutz aber noch eine große Baustelle. Wir haben aber immer noch keine Dienstgeräte bekommen. Zudem ist die digitale Ausstattung der Schulen oft noch unzureichend. Dies erschwert die Kommunikation mit den Auszubildenden außerordentlich.

Wie haben die Betriebe auf die Entscheidung, die Schulpflicht auszusetzen, reagiert?
Sie war ein Grundfehler des Umgangs mit der Krise. Denn die Aussetzung führte dazu, dass die Regelungen des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) von einigen Ausbildungsbetrieben nicht eingehalten wurden. Leider hat sich im Zuge der Krise gezeigt, dass es immer noch viele schwarze Schafe unter den Ausbildungsbetrieben gibt: Die haben die Auszubildenden arbeiten lassen und keine oder zu geringe Lernzeiträume eingeräumt. Andere Betriebe waren redlich und haben die schulischen Ausbildungszeiten 1:1 in den Betrieben eingeräumt. Mit denen haben wir uns auch über Möglichkeiten der digitalen Lehre ausgetauscht.

Letzten Sommer haben zahlreiche Auszubildende ihre Abschlussprüfungen abgelegt, diesen Winter kamen außerdem noch weitere Prüfungsteile der gestreckten Gesellenprüfung...
Die Prüfungen im Sommer liefen tatsächlich insgesamt gut ab, aber bis zum März 2020 gab es ja auch noch Präsenzunterricht. Probleme werden vermutlich vor allem die jüngeren Jahrgänge bekommen, die wichtige Inhalte pandemiebedingt verpasst oder nur per Fernunterricht mitbekommen haben. Auch für die Prüfungsvorbereitung sind wir auf die Mitarbeit der Ausbildungsbetriebe angewiesen: Räumen diese den Auszubildenden keine Zeit zum Lernen ein, sondern lassen sie arbeiten, ist die Gefahr gegeben, dass viele Auszubildenden die Prüfungen nicht gut genug meistern können. Im Kontext der "Pandemiepraxis" kann es sein, dass Lehrplanvorgaben nicht komplett umgesetzt werden können. Dann ist das Nachholen bzw. Wiederaufrufen und Verbessern der Lernfeldnote nur sehr schwer umzusetzen.

Wird es eine "Generation Corona" geben?
Wir werden die Effekte der Schulschließungen erst verzögert wahrnehmen können. Wichtig ist für die Berufsschüler_innen, dass für den Rest ihrer Ausbildung klare Regeln gelten, an denen sie sich orientieren können. Die Betriebe müssen hier "mitspielen" und die gesetzlichen Regelungen einhalten. Der Sommerreifenwechsel in der Kfz-Werkstatt darf nicht wichtiger sein als der erfolgreiche Abschluss der Ausbildung!

Wie gut läuft es denn in den Berufsschulen mit der Einhaltung der Hygienemaßnahmen?
Es fehlt noch vielerorts an ausreichend Desinfektionsmittel, Schutzhandschuhen und wirksamen FFP2-Masken zumindest für die Lehrpersonen. Für die Berufsschüler_innen gibt es leider keinerlei Regelungen, durch die sie Anspruch auf Schutzkleidung etc. auch in der Zeit des Besuches der Berufsschulen hätten.

Was müsste jetzt von der Politik kommen?
Wieder einmal hat sich gezeigt, dass Berufsschulen keine öffentliche Lobby haben, die Bedürfnisse der Berufsschüler_innen oftmals vernachlässigt werden. Um die aktuellen Probleme der Berufsbildung zu lösen, müssen alle beteiligten Akteure – Ausbildungsbetriebe, Handwerks-, Industrie-, Handels- und Landwirtschaftskammern -, mit Gewerkschaften und Politik zusammenarbeiten.

Es kann nicht sein, dass Regelungen des BBiG und der (Jugend-)Arbeitsschutzgesetze unterlaufen werden und dafür niemand sanktioniert wird. Darunter leidet allgemein die Qualität der dualen Ausbildung. Ein weiteres Problem: die noch immer unzureichende Ausstattung der Schulen. Über den baulichen Zustand an vielen Standorten müssen wir gar nicht erst reden.

In der aktuellen Krise hat sich gezeigt, dass die Schulen zu hohe bürokratische Hürden gehen müssen, um an das Geld aus dem "Digitalpakt Schule" zu gelangen. Wir brauchen eine deutliche Entbürokratisierung der Mittelausschüttung und außerdem – neben dem pädagogischen Fachpersonal – auch IT- und Datenschutz-Expert_innen, die den Lehrer_innen mit Rat und Tat zur Seite stehen, um die Berufsschule des 21. Jahrhunderts zu gewährleisten.


(aus der Soli aktuell 3/2021, Autorin: DGB-Jugend Sachsen)

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