Deutscher Gewerkschaftsbund

"Dr. Azubi" über Burn-out in der Ausbildung

Psychische Belastungen haben durch Corona auch in der Ausbildung stark zugenommen. Was man tun kann, wenn es einem nicht gut geht.

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog

Hilfe suchen und annehmen
Psychische Erkrankungen haben durch die Corona- Krise allgemein stark zugenommen. Auch die Zahl psychisch erkrankter Auszubildender hat sich im letzten Jahr deutlich erhöht. Wegfall von Tagesstruktur, Unsicherheiten am Ausbildungsplatz – zu viel oder zu wenig zu tun, Zukunftsängste: Wie geht es weiter nach der Ausbildung? Die Sorgen um die Familie. Und dann findet auch nur noch Online-Unterricht statt, der Sportverein und die Clubs haben auch geschlossen…

Da können sich schnell Frust, Ängste und Ärger anstauen. Kein Wunder, dass sich auch die Anfragen im "Dr. Azubi"-Forum zu diesen Themen häufen. Die Auszubildende Kathi schreibt uns: "Ich befinde mich zurzeit im Außeneinsatz im Krankenhaus, dabei fühle ich mich nicht gut. Ich schlafe kaum bis gar nicht mehr. Ich bin schnell gereizt, was zum großen Teil meine Familie abbekommt. Ich würde mich am liebsten nur noch verkriechen und habe sehr oft einfach nur Bauchschmerzen. An wen kann ich mich wenden, wenn ich Angst habe, in einen Burnout zu rutschen?"

Überlastung und Symptome
Kathi hat den ersten wichtigen Schritt getan. Sie hat die Warnsignale erkannt und nimmt ihren Körper und ihre Gefühle ernst. Denn langfristiger Stress kann krank machen. Und das kann auch buchstäblich auf den Magen schlagen: Nicht selten sind Magenschmerzen, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen oder Energieverlust Folgen von psychischem Stress. Auch Depressionen oder ein Burnout können Folgen psychischer Belastung sein. Aber nicht jedes Unwohlsein ist ein Indiz für eine psychische Belastung. Erst wenn die Symptome über einen längeren Zeitraum auftreten, sollte man aktiv werden. Eine Eigendiagnose ist hier fehl am Platz. Aber wenn die Symptome über eine längere Phase hinweg auftreten, sollte man die Warnsignale ernstnehmen und sich Hilfe von einem fachlich qualifizierten Arzt holen.

Ursachenforschung
Erstmal: Man sollte sich darauf konzentrieren, dass es einem bald wieder besser geht und sich keine Sorgen wegen der Ausbildung machen. Blöde Kommentare, fiese Bemerkungen oder Ausübung von Druck von Seiten des Betriebes sind nicht in Ordnung.

Der zweite Schritt ist, dass Kathi sich ihren Problemen stellt. Nur wenn man für Veränderungen offen ist, gibt es Möglichkeiten, den Druck positiv zu beeinflussen und Belastungen zu bewältigen. Wer sich zurückzieht und im Stillen leidet, wird den negativen Stress nicht positiv umlenken können.

Die Ursachen von psychischem Stress können sehr unterschiedlich sein. Beispiele sind zu hohe Arbeitsbelastung, Druck am Arbeitsplatz, Unterforderung bis hin zu fehlender Anerkennung von Vorgesetzten oder privaten Problemen. Aber auch Mobbing, Gewalt oder sexuelle Belästigung am Ausbildungsplatz können Auslöser psychischer Belastung sein.

Zunächst ist es richtig, dass man sich Zeit für sich nimmt und der Ursache auf den Grund geht. Diese Ursachenforschung kann mithilfe einer Liste umgesetzt werden:

  • Wann fühle ich mich gestresst?
  • Wo liegt das Problem?
  • Was müsste sich ändern?
  • Was kann ich ändern?
  • Wie kann ich Abstand gewinnen?
  • Wie kann ich Stressfaktoren vermeiden?
  • Wie kann ich eigene Kräfte mobilisieren?

Sorgfaltspflicht des Arbeitgebers
Im nächsten Schritt ist es wichtig, Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen. Das rechtzeitige Gespräch zunächst mit einer Vertrauensperson (Familie, Freund_in, Berufsschulsozialpädagog_ innen, Vertrauensperson im Betrieb) ist unabdinglich. Im Betrieb ist der Betriebsrat bzw. die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) eine gute Ansprechpartner_ in. Ganz wichtig ist es, die Person um Vertraulichkeit zu bitten und eine Gefährdungsbeurteilung schriftlich festzuhalten, um mögliche Belastungssituationen am Arbeitsplatz zu erkennen, zu bewerten und individuell gestalten zu können.

Aus dem Arbeitsschutzgesetz ergibt sich eine Verpflichtung des Arbeitgebers, mögliche Gefährdungen für die Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer_innen zu ermitteln. Nur wenn Probleme mit Mitarbeiter_innen oder mit dem Aufgabenbereich im Betrieb oder im Unternehmen angesprochen werden, können sie auch gelöst werden. Nicht vergessen: Die Ausbilder_innen haben nach dem Berufsbildungsgesetz den Auszubildenden gegen über auch eine Fürsorgepflicht.

Oftmals kann ein Gespräch mit den betroffenen Mitarbeiter_innen, eine gemeinsame Definition der Ausbildungsbereiche anhand des Ausbildungsrahmenplanes oder eine Versetzung in eine andere Abteilung schon Abhilfe schaffen.

Im letzten Schritt besteht auch die Möglichkeit, den Ausbildungsplatz zu wechseln oder einen Berufswechsel anzustreben. Das sollte aber gut überlegt und vorbereitet sein und mit fachlicher Hilfe erfolgen.

Strategien Die Ergebnisse eines früheren Ausbildungsreports der DGB-Jugend verdeutlichen, dass es vermittels einer hohen Ausbildungsqualität und menschengerechter Arbeitsgestaltung möglich ist, psychische Belastungen zu reduzieren. Persönliche Strategien können sein:

  • Zeit- und Selbstmanagement unter die Lupe nehmen
  • sich im Ausbildungsalltag realistische Ziele setzen und diese auch schriftlich festhalten
  • lernen, seine Grenzen wahrzunehmen, Nein zu sagen und sich Freiräume schaffen
  • auf ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und Bewegung achten
  • seinen Hobbys nachgehen
  • und am Wichtigsten: sich Unterstützung holen!

Der DGB fordert Prävention
Die im letzten Herbst veröffentliche Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit zeigt: Psychische Belastungen sind ein relevantes Thema bei der Arbeit. "Jeder dritte Beschäftigte berichtet von starker Arbeitsverdichtung, damit ist eine Grenze überschritten ", sagt DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. "Unter solcher Dauerbelastung werden selbst diejenigen mit guten Ressourcen gegen Stress irgendwann krank."

Der DGB fordert konsequente Prävention: durch Arbeitsschutz, durch mehr Mitarbeiter_ innen in den Arbeitsschutzbehörden und mit einer Anti-Stress-Verordnung. Denn, so Piel: "Ein Burnout ist in vielen Fällen vermeidbar und muss verhindert werden."


(aus der Soli aktuell 7/2021, Autorin: Julia Kanzog)

Mehr von der Azubi-Ratgeberin

Erste Seite  Vorherige Seite 
Seite: 1 2 3 4
Letzte Seite