Deutscher Gewerkschaftsbund

Bunt, laut, digital! Buchautor Dierk Hirschel über Transformation

Klimawandel, Armut, Kriege: Dierk Hirschel denkt in seinem neuen Buch darüber nach, wie die Krisen des 21. Jahrhunderts angegangen werden können.

Dierk Hirschel ver.di

© Kay Herschelmann

Autor Dierk Hirschel leitet den bereich Wirtschaftspolitik bei ver.di.

Dierk, dein neues Buch heißt "Das Gift der Ungleichheit". Außerdem ist es auf der einen Seite giftgrün und neben dem Verlagslogo ist sogar eine Schlange abgebildet! Der Rest ist rot. Nun, was ist so giftig – und was so rot, dass es helfen könnte?
Ein entfesselter Kapitalismus verspritzt "das Gift der Ungleichheit". Es schadet unserer Gesundheit, senkt die Bildungschancen und erhöht die Kriminalität. Damit aber nicht genug: Der sozial und ökologisch blinde Kapitalismus zerstört unsere Umwelt, gefährdet die Demokratie und zwingt Millionen Menschen zur Flucht. Rot ist die Farbe der Arbeiterbewegung, die den Betrieb der kapitalistischen Teufelsmühle immer wieder empfindlich störte – oder um im Bild zu bleiben, ein wirksames "Gegengift" entwickelte.

Du schreibst, dass wir eine sozial-ökologische Transformation brauchen. Was ist damit gemeint?
Das Ziel der sozialen Transformation ist eine gerechte und solidarische Gesellschaft. Das heißt aus gewerkschaftlicher Sicht: mehr gut bezahlte, sichere, gesunde, sozial abgesicherte und mitbestimmte Arbeit. Die Mittel dafür sind Tarifverträge, ein existenzsichernder Mindestlohn, sichere Beschäftigung, eine armutsfeste soziale Sicherung, bezahlbares Wohnen, eine kostenlose gute Bildung und Gesundheitsversorgung sowie mehr Wirtschaftsdemokratie. Die ökologische Transformation will das fossile Betriebssystem des Kapitalismus überwinden – durch erneuerbare Energien, eine klimaneutrale Produktion, emissionsfreien Verkehr und mehr ökologischen Landbau. Das Eine geht aber nicht ohne das Andere. Der ökologische Umbau muss einhergehen mit sozialem Fortschritt!

Du meinst, es reicht nicht, den "Kapitalismus grün anzustreichen"…
Grüne Märkte – CO2-Zertifikate, Ökosteuer etc. – reichen nicht aus, um die Klimaziele zu erreichen. Verbraucher_innen und Arbeitnehmer_innen können durch umweltbewussteres Verhalten nicht das Klima und die Natur retten. Nur ein investierender und regulierender Staat kann die fossilen Konsum- und Produktionsmuster aufbrechen. Deswegen brauchen wir ein grünes Zukunftsinvestitionsprogramm für den ÖPNV, für emissionsfreien Individualverkehr, klimaneutrale Produktionsanlagen und erneuerbare Energien.

"Gewerkschaften waren immer einer der wichtigsten Dompteure des Kapitalismus."

Welche Rolle spielen Gewerkschaften bei deinen Überlegungen?
Sie waren immer einer der wichtigsten Dompteure des Kapitalismus. Ohne Gewerkschaften gäbe es keine gute Arbeit und keinen Sozialstaat. Eine gesellschaftliche Bewegung für wirksamen Klimaschutz und eine gesunde Umwelt wird nur erfolgreich sein, wenn die vom ökologischen Umbau betroffenen Industriebeschäftigten und ihre Gewerkschaften mitmachen.

Im Buch heißt es: "Wenn die linken Parteien glaubwürdige Antworten auf die sozialen Fragen der Zeit geben, dann wird eine der Hauptquellen des Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus wieder versiegen." Gibt es da Vorbilder?
Viele sozialdemokratische und sozialistische Parteien Europas haben nach dem Zweiten Weltkrieg die Arbeitswelt humanisiert, die großen sozialen Lebensrisiken abgesichert, das Bildungs- und Gesundheitswesen ausgebaut sowie die Wirtschaft ansatzweise demokratisiert. Die Politik der deutschen und skandinavischen Sozialdemokratie, der britischen Labour Party oder der französischen Linken war bis in die 1980er Jahre eine Politik für die Vielen.

Das Gift der Ungleichheit Cover

© Dietz-Verlag

Antworten auf die Fragen der Zeit
Das 21. Jahrhundert droht ein enormer Verstärker extremer Ungleichheit zu werden. Nicht nur zwischen Nord und Süd, West und Ost – auch die Klassengesellschaft kehrt zurück, auch in Deutschland. Die soziale Spaltung gefährdet unsere Demokratie.

Der weltweite Raubbau an der Natur zerstört die Zukunft. Verantwortlich dafür ist ein entfesselter, sozial und ökologisch blinder Kapitalismus. Wie kann man dem begegnen? Das fragt sich Dierk Hirschel in seinem neuen Buch, bei der Gewerkschaft ver.di Leiter des Bereichs Wirtschaftspolitik. Er plädiert in seinem neuen Buch für eine sozialökologische, übergreifende Bewegung unter Einbeziehung von Gewerkschaften, Sozial- und Umweltverbänden, sozialen Bewegungen und linker Parteien.

Dierk Hirschel: Das Gift der Ungleichheit. Wie wir die Gesellschaft vor einem sozial und ökologisch zerstörerischen Kapitalismus schützen können, Dietz-Verlag, Bonn 2020, 256 S., 22 Euro

Du kommst auch auf die Corona-Pandemie als "Geißel der Menschheit" zu sprechen. Krankheiten gab es immer, was ist an Corona das Besondere?
Corona wurde von Wildtieren auf den Menschen übertragen. Zwei Drittel neuer Infektionen und Krankheiten stammen heute von wildlebenden Tieren. Die Zerstörung unserer Ökosysteme und der Verlust der biologischen Vielfalt sind maßgeblich für das vermehrte Auftreten von Virenerkrankungen verantwortlich. Dieser Raubbau an der Natur ist die zwangsläufige Folge einer expansiven kapitalistischen Produktionsweise. Covid-19 ist die Krankheit, der Kapitalismus ist die Krise.

Kommen wir zur jungen Generation. Du sagst, sie sei "bunt, laut, digital". Hast du ihr eine bestimmte Rolle zugedacht? Und wo steht die Gewerkschaftsjugend in der sozial-ökologischen Transformation?
Die Jugend war immer eine treibende Kraft sozialer Bewegungen. Die heutigen Jugendlichen sind eine sehr politische Generation. Fridays for Future ist die größte Jugendbewegung seit 1968. Unsere Gewerkschaftsjugend sollte mit den jungen Klimaschützer_innen eng zusammenarbeiten und sie für die sozialen Fragen des ökologischen Umbaus sensibilisieren. Viele junge Menschen haben unsichere und schlecht bezahlte Jobs. Die Gewerkschaftsjugend kann Ihnen vermitteln, wie wichtig es ist, sich zu organisieren, um die eigenen Interessen besser durchzusetzen.

"Wer, wenn nicht wir" heißt dein Schlusskapitel nach einem alten Slogan der Gewerkschaftsjugend. Schaust du eher traurig oder zuversichtlich in die Zukunft?
Ich halte es mit dem italienischen Philosophen und Politiker Antonio Gramsci: "Wir brauchen den Pessimismus des Verstandes und den Optimismus des Willens." Geschichte wird von Menschenhand gemacht. Wir können und werden eine bessere und gerechtere Welt schaffen.


(aus der Soli aktuell 2/2021, Autorin: Soli aktuell)