Deutscher Gewerkschaftsbund

Big college is watching you! Uni-Prüfungen in Baden-Württemberg

Baden-Württemberg: Erstmals wird eine rechtliche Grundlage für Online-Prüfungen geschaffen. Von Alexander Ropohl

Alexander Ropohl

© DGB-Jugend

Alexander Ropohl ist als DGB-Jugendbildungsreferent in Baden-Württemberg für Studierendenarbeit zuständig.

Digitalisierung und Prüfung
Vor dem Hintergrund der fortschreitenden Digitalisierung unserer Gesellschaft war es nur eine Frage der Zeit, wann analoge Prüfungsformate mit digitalen ergänzt werden. Die Corona-Krise hat diese Entwicklung massiv beschleunigt und macht das schnelle Schaffen von Rechtssicherheit erforderlich. Mit der Einführung des § 32 Landeshochschulgesetz schafft die Landesregierung in Baden-Württemberg nun Fakten.

Bei Online-Prüfungen werden grundsätzlich zwei Formate unterschieden: Einerseits sogenannte Online-Open-Book-Prüfungen, die ohne Aufsicht geführt werden und wo beliebig Materialien genutzt werden können. Andererseits "Online-Proctoring", (von Englisch to proctor, beaufsichtigen) sprich digitale Prüfungsformate mit "Beaufsichtigung" – eher ein Euphemismus für Überwachung.

Das sind die Probleme
Kernprobleme des Online-Proctorings sind die Beschneidung von Grundrechten und der massive Eingriff in die Privatsphäre. So gibt es Programme, die das Kamerabild tracken und den Ton abhören, aber auch umfangreich Prozesse im Rechner beobachten. "Es kann nicht sein, dass das Laptop für die Prüfung zum 'gläsernen Rechner' wird und sich die Studierenden neben dem Prüfungsdruck dem bedrückenden Gefühl einer Überwachung preisgeben müssen", sagt Annelie Schwaderer, die Landesfachbereichsleiterin bei ver.di.

Darüber hinaus ist die Software extrem anfällig für Fehler und damit angreifbar für Hacking. Auch technische Fehler kommen vor. Ein Kritikpunkt ist beispielsweise der racial bias: Da die Algorithmen häufig nur für das Tracking von "weißen Gesichtern" trainiert werden, kann es bei anderen Hautfarben zu Fehlalarmen kommen und fälschlicherweise ein Betrugsversuch vorgeworfen werden.

Ein anderer Aspekt: Chancengerechtigkeit und der Eingriff in die Unverletzlichkeit der Wohnung. Wie viel muss ich von Arbeitsplatz und Privatsphäre preisgeben? Sind technische Ausstattung und geeigneter Internetzugang eigentlich für alle gleich? Einige Studierende werden diese Fragen für ihr Zuhause verneinen müssen.

Rechtssicherheit gefordert
Gut ist daher, dass in Baden-Württemberg das Proctoring zumindest von zu Hause aus freiwillig werden soll und auch generell nur unter Vorgaben zulässig ist. Nichtdestotrotz sollte dieses Prüfungsformat als Corona-Notfall-Instrument nur zeitlich begrenzt eingesetzt werden dürfen. Diese Einschätzung teilt auch die Landesvorsitzende der GEW, Monika Stein: "Die Schaffung von Rechtssicherheit für Online-Prüfungen ist ein wichtiger Schritt – jedoch fehlte der notwendige Diskurs über Vor- und Nachteile sowie die faire Ausgestaltung."


Eine Stellungnahme zum Online-Proctoring kann auf der Homepage des DGB Baden-Württemberg abgerufen werden.

(aus der Soli aktuell 2/2021, Autor: Alexander Ropohl)