Deutscher Gewerkschaftsbund

You'll Never Walk Alone

Die Corona-Krise stellt die Gewerkschaftsjugend vor große Probleme, weil der direkte Austausch fehlt. ­Solidarität geht aber immer und ist eine Frage der guten Organisation, sagt Josef Holnburger.

© Simone M. Neumann

Josef Holnburger ist politischer Referent der DGB-Jugend.

Josef, die Corona-Beschränkungen beeinträchtigen die Gewerkschaftsarbeit ganz erheblich. Wo direkter Kontakt schwierig ist, soll es die Digitalisierung richten. Wie findest du digitale statt Face-to-face-Diskussionen?
Natürlich kann eine digitale Kommunikation dem direkten Austausch nicht das Wasser reichen. Es ist etwas anderes, leidenschaftlich und gemeinsam über ein Thema zu diskutieren und zu gemeinsamen Positionen zu kommen, wenn man sich in einem Raum befindet. Wie wahrscheinlich die meisten festgestellt haben, finden Debatten und Rückmeldungen über Video­konferenzen oft seltener statt, als das vorher der Fall war. Das macht Sitzungen zwar effektiver, weil sie schneller vorbei sind – aber es gehört ja mehr zu Sitzungen, als nur Beschlüsse zu fassen.

Welche Programme benutzt ihr denn und womit habt ihr die besten Erfahrungen gemacht?
Wir hatten schon vor der Corona-Krise Tools genutzt, die unsere Beschlussfassungen transparenter und digitaler machen. Unsere letzten Jugendkonferenzen hatten wir beispielsweise komplett papierlos organisiert! Auf der Bundesjugendkonferenz konnten alle Anträge digital gelesen und auch – über das Handy oder den Laptop – digital abgestimmt werden. Das hat uns sehr geholfen, denn wir konnten die dafür eingesetzte Software auch für unsere Bundesgremien anpassen und so unsere erste digitale Sitzung des DGB-Bundesjugendausschusses noch im April durchführen.

Die Software heißt OpenSlides und ist Open Source, d. h. der Quellcode der Software ist öffentlich zugänglich und kann gemeinsam weiterentwickelt werden. Diese Ansätze finden wir super. Deshalb wurde auch damals der Entschluss gefasst, diese Software für unsere Konferenzen und auch unseren ordentlichen Bundeskongress einzusetzen.

Aber Gewerkschaften tragen ihre Forderungen explizit auch auf die Straße. Ist das Internet überhaupt ein passender Ersatz?
Natürlich gehen wir gerne wieder auf die Straße! Solidarität ist aber der Grundgedanke jedes gewerkschaftlichen Engagements – und in diesem Jahr heißt und hieß das für uns eben: Abstand halten und die Verbreitung des Coronavirus eindämmen. Aus Solidarität mit den Beschäftigten in der Gesundheitsvorsorge und aus Solidarität mit denjenigen, die zur Risikogruppe zählen.

Das heißt aber nicht, dass wir unser Engagement einstellen! Wir haben mit dem 1. Mai gezeigt, dass wir unsere Forderungen und unseren Zusammenhalt auch auf anderen Wegen zeigen können. Unter dem Motto "Solidarisch ist man nicht alleine!" hatten die Kolleg_innen ein extrem starkes Programm auf die Beine gestellt. Mein Highlight war das gemeinsam gesungene "You’ll Never Walk Alone". Ich hatte Gänsehaut und mir hat es gezeigt: Wir können auch das!

Wie finden denn Veranstaltungen und große Treffen derzeit statt?
Die gewerkschaftlichen Bildungszentren haben schnell begonnen, Hygienekonzepte zu entwickeln und prüfen. Unser Jugendbildungszentrum in Hattingen hat am 26. Juli wieder seine Pforten geöffnet und bietet Seminare unter Beachtung dieser Konzepte an. Bis dahin wurden – und werden vermutlich auch weiterhin – Online-Angebote ausgebaut. Verschiedene Gewerkschaftsjugenden hatten während der Krise schon webbasierte Seminare zu aktuellen Themen angeboten.

Was ist mit der Datensicherheit?
Da uns auch die ein großes Anliegen ist, testen und prüfen wir derzeit viele unterschiedliche Plattformen und Softwarelösungen – etwa BigBlueButton. Grundsätzlich bietet uns Open-Source-Software hier den Vorteil, besser nachvollziehen zu können, was mit den Daten passiert – weshalb auch das DGB-Bildungswerk zum Beispiel auf Open-Source-Systeme setzen will. Auch bei der Nutzung von Software in der DGB-Bundesvorstandsverwaltung ist natürlich unser Betriebsrat immer mit am Tisch. Das ist auch wichtig und richtig so.

Wie sieht es bei der Arbeit an Tarifverträgen aus?
Tarifverhandlungen fanden und finden laufend statt, auch während der Corona-Krise. Gerade in der Anfangszeit mussten aber auch Verhandlungen verschoben werden, weil noch nicht klar war, wie Verhandlungsrunden unter Berücksichtigung der Hygienemaßnahmen durchgeführt werden können.

Je nach Branche können sich natürlich auch die Forderungen während der Krise verändern. Die IG Metall etwa konnte für ihre Mitglieder bessere Regelungen durchsetzen, wenn ein Betrieb von Kurzarbeit betroffen war oder ist.

Derzeit starten wieder viele Tarifrunden. Und hier gilt es oft zu zeigen, wie viele Menschen hinter den Forderungen stehen. Das muss nicht physisch passieren, digitale Petitionen, virtuelle Demonstrationen und innovative Aktionen in den Betrieben können das durchaus sichtbar machen. Und wer weiß: Vielleicht gibt es ja auch mal einen digitalen Streik?

Wie sieht es mit der Perspektive aus – ist irgendwann Schluss mit Videokonferenz und Co.? Wann herrscht wieder Regelbetrieb?
Wir haben für uns klargezogen, dass wir Präsenztermine nur mit einem Hygienekonzept anbieten, das den Schutz der Teilnehmenden ermöglicht. Wo das möglich ist und ein Präsenztreffen auch sinnvoll ist, kann man auch wieder zusammenkommen. Aber wann es wieder "normal" wird, weiß ich nicht.

Was wird von all den Strategien bleiben?
Viele haben gemerkt, dass es oft nicht nötig ist, für eine kurze Absprache und Sitzung in eine andere Stadt oder sogar ein anderes Land zu fliegen. Die Erkenntnis, dass das digital oft sogar besser und eben auch schneller geht, bleibt hoffentlich bestehen. Den Pragmatismus, die Bereitschaft für Neues und die große Solidarität in der gewerkschaftlichen Welt habe ich auch mitgenommen. Aber ich hoffe auch, dass diese Bereitschaft ebenso aus Politik und Wirtschaft kommt.

Die kommende Zeit wird definitiv eine große Herausforderung. Vor allem für junge Menschen. Die letzten Krisen haben schon gezeigt, dass es die junge Generation oft am schlimms­ten trifft. Bereits jetzt hat jeder sechste junge Mensch in Europa seinen Job verloren. Es braucht nun vor allem wirksame Sofortprogramme – und bei der Entwicklung dieser Programme wollen wir dabei sein. Egal ob digital oder in Präsenz.


(aus der Soli aktuell 8/2020, Autorin: Soli aktuell)

Noch mehr Digitalisierung