Deutscher Gewerkschaftsbund

BAföG ist die erste Wahl, sagt Adrian Weiß vom GEW BASS

Aber die Mittel liegen ungenutzt herum. Adrian Weiß von der GEW stellt der Studien­finanzierung in Zeiten der Corona-Krise ein schlechtes Zeugnis aus.

Adrian Weiß von der GEW

© DGB-Jugend

"Wir müssen richtig ungemütlich werden": Adrian Weiß ist Sprecher des GEW Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten (BASS).

Adrian, du studierst auf Lehramt in Leipzig. Wie läuft das Sommersemester bisher für dich?
Ich mache gerade mein Staatsexamen und habe deshalb glücklicherweise keine improvisierten Zoom-Lehrveranstaltungen. Ich bin mir sicher, viele Dozierende machen das sicher toll, trotzdem denke ich, dass digitale Lehrangebote niemals Präsenzlehre ersetzen kann.

Da das Land Sachsen trotz unserer Petition, die 5.000 Menschen, darunter auch viele Professor_innen, unterschrieben haben, das Staatsexamen in vollem Umfang durchführen will, muss ich mich jetzt weiterhin auf die Prüfungen vorbereiten.

Weil die Bibliotheken geschlossen sind, habe ich mich bei Freunden im Coworking Space einquartiert. Ich bin aber natürlich im Gegensatz zu ganz vielen Studierenden in Deutschland total privilegiert, da ich gerade keine Geldsorgen habe und keine kleinen Kinder oder kranken Angehörigen zu Hause versorgen muss.

Gerade deshalb kann ich mich auch weiterhin politisch engagieren und versuchen, für diese Menschen möglichst gute Bedingungen in der Krise zu schaffen.

Als GEW BASS seid ihr im Bündnis Soforthilfe für Studierende aktiv. Warum ist das gerade so wichtig?
Aus unserer Sicht ist vor allem das Problem der Studienfinanzierung in Deutschland selbstverschuldete Verantwortungslosigkeit: Anstatt im letzten Jahr das BAföG endlich wieder durch deutlich höhere Einkommensgrenzen der Eltern, eine Entbürokratisierung und vor allem auch höhere Mietzuschüsse zu verbessern, gab es nur ein Reförmchen. Weiterhin können sich nur 12 Prozent der Studierenden die Ausbildung durch BAföG finanzieren, 67 Prozent müssen arbeiten gehen.

Dass die typischen Studi-Jobs in der Gastronomie oder im Messebau jetzt erstmal für unbestimmte Zeit wegfallen, ist eine beispiellose soziale Härte, die es so nicht hätte geben müssen. Denn es liegen tatsächlich 900 Millionen Euro BAföG-Mittel ungenutzt im Bundeshaushalt. Hiermit hätte man schnell proaktiv den bedürftigen Studierenden helfen können. Aber die zuständige Ministerin Anja Karliczek (CDU) hat stattdessen zwei Monate lang (fast) nichts gemacht…

Wie lauten hier die zentralen gewerkschaftlichen Forderungen?
Wir fordern schon lange, dass das BAföG endlich wieder als erste Wahl der Studienfinanzierung gestärkt wird. Große Teile der Studierenden versuchen noch nicht mal, dieses Geld zu beantragen, da sie von den Berichten ihrer frustrierten Kommilton_innen demotiviert wurden. In Zeiten der Krise wäre aber vor allem auch ein Soforthilfeprogramm notwendig gewesen, sodass Studierende trotz plötzlicher Arbeitslosigkeit Miete und Lebensmittel bezahlen können.

Die von der Bundesregierung aufgelegten Studienkredite sind eine Unverschämtheit, da sie noch nicht einmal wirklich zinslos sind. Letztlich sind sie die Einführung des amerikanischen Studienfinanzierungsmodells – und dies gerade im Moment der Krise. Auch bezüglich Soforthilfe ist nicht viel passiert, lediglich 100 Millionen Euro konnten Karliczek abgerungen werden.

Das klingt erstmal viel, ist aber bei den geschätzten 750.000 bedürftigen Studierenden lediglich ein einmaliger Betrag von 133,33 Euro pro Kopf. Was sollen diese Kleckerbeträge? Hier wäre es ehrlicher gewesen, wenn man arbeitslosen Studierenden den Zugang zu ALG II gewährt hätte.

Welche Rolle können Gewerkschaften für Studierende hier spielen?
Gewerkschaften sind die solidarischen politischen Player. Studierende können hier Gleichgesinnte finden, die ihre Nöte ernst nehmen und Forderungen nicht sofort zu Luftschlössern erklären.

Noch immer ist es für uns Studis schwer, von der großen Politik ernstgenommen zu werden, deshalb ist es so wichtig, Teil von einem großen Ganzen zu sein oder zu werden und auf kollektives Wissen und Erfahrungen in Campaigning und Lobbying zugreifen zu können. Nur eben kein Lobbying für niedrigere Steuern oder höhere Abgaswerte, sondern für das gute Leben für alle. Und das kann man ja nur zusammen erreichen.

Ein Blick in die Zukunft: Was braucht es, damit Arbeitnehmer_innen und ihre gewerkschaftliche Organisierung gestärkt aus der Krise hervorgehen können?
Ich glaube die Öffentlichkeit und unsere Gewerkschaftskolleg_innen müssen mal wieder merken, dass wir zusammen etwas erreichen und auch echt ungemütlich werden können. Viele Politiker_innen und Unternehmensbosse ignorieren einfach unsere Forderungen.

Wenn wir sie damit einfach so weitermachen lassen, verlieren wir auch unsere Glaubwürdigkeit. Deshalb hier mein Appell: Lass uns als Gewerkschaftsjugend mal wieder richtig auf den Putz hauen und unsere Stimme erheben! Wenn wir es nicht machen, machen es nämlich andere.


(aus der Soli aktuell 7/2020, Autorin: Susanne Braun)

Die GEW-Studis
Studierende in der GEW streiten für ein besseres Studium, für eine Demokratisierung der Hochschulen und für bessere Arbeitsbedingungen im Job. In der GEW organisieren sie sich vor Ort in Hochschulgruppen, in Landesausschüssen (LASS) sowie im Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten (BASS). Sie tauschen sich gemeinsam aus, um Debatten oder politische Anliegen auf den Weg zu bringen, planen Veranstaltungen oder Publikationen und vernetzen sich mit anderen hochschulpolitischen Akteuren.

Der BASS ist ein Satzungsgremium der GEW und setzt sich auch innerhalb der Gewerkschaft für die Belange der Studierenden ein. Er ist eine von zwei Jugendorganisationen der GEW und im Hauptvorstand der GEW vertreten.

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