Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildung in Krisenzeiten

Wie kann es in Krisenzeiten mit der Ausbildung weitergehen? Diese Frage stellen viele Auszubildende im "Dr. Azubi"-Forum. Wir möchten euch ein Erste-Hilfe-Set mitgeben, wie ihr mit der momentanen Corona-Situation umgehen könnt.

Liane macht eine Ausbildung in der Gastronomie. In das Beratungsforum von "Dr. Azubi" schreibt sie:
"Aktuell ist die Situation durch die Corona-Krise angespannt. Da Auszubildende nicht in Kurzarbeit gehen können, muss unser Betrieb uns weiterhin beschäftigen. Aber ist es Sinn der Sache, dass die Azubis jede Woche einen riesigen Putzplan abarbeiten müssen? Neben Toiletten putzen, Treppenhäuser wischen, Spinnweben entsorgen… Ich gehe so gesehen auf Arbeit, um acht Stunden zu putzen. Muss ich mir das gefallen lassen?"

Alle Möglichkeiten einer qualifizierten Ausbildung müssen ausgeschöpft werden!
Auch in Zeiten von Corona gilt der Ausbildungsrahmenplan, und der Betrieb darf dich als Auszubildende nicht mit ausbildungsfremden Tätigkeiten beauftragen.

Nach § 14 Berufsbildungsgesetz (BBiG) hat der Betrieb eine Ausbildungspflicht. Und Ausbildung kann auch unabhängig von der tatsächlichen Auslastung der Betriebe durchgeführt werden. Das heißt, dass der Ausbildungsbetrieb alle Mittel ausschöpfen muss, um deine Ausbildung weiter zu gewährleisten.

Dabei hat er beispielsweise folgende Möglichkeiten:

  • Der Ausbildungsplan kann durch Vorziehen anderer Lerninhalte umgestellt werden.
  • Der Betrieb kann dich in eine andere Abteilung versetzen
  • oder dich in die Lehrwerkstatt zurückversetzen.
  • Lerninhalte können theoretisch vermittelt werden (z. B. durch schriftliche Aufgabenstellungen, Lektüre, digitale Lernmedien).
  • Aufgrund der besonderen Situation kann für einen beschränkten Zeitraum auch ein alternativer Ausbildungsort (Homeoffice etc.) sinnvoll sein.

Wichtig ist, dass Liane ihre Ausbildungsnachweise weiterführt und genau auflistet, was sie gemacht hat. Das Berichtsheft dient als wichtiges Dokument, das du für die Abschlussprüfung benötigst. Fällt deine Ausbildung oder die Berufsschule länger aus, und du findest keine alternative Ausbildungsmöglichkeit für dich, hast du einen guten Nachweis.

Kurzarbeit kann als allerletzte Möglichkeit infrage kommen!
Wie Liane schreibt, ordnet ihr Betrieb keine Kurzarbeit für Auszubildende an. Das ist richtig so, denn Kurzarbeit für Auszubildende gibt es in der Regel nicht. Wenn kurzgearbeitet wird, muss dich der Betrieb weiter ausbilden.

Erst wenn alle oben aufgelisteten Ausbildungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, kann Kurzarbeit auch für Auszubildende in Frage kommen. In diesem Fall hast du zunächst Anspruch auf Zahlung der vollen Ausbildungsvergütung für mindestens sechs Wochen (§ 19 Abs. 1 Nr. 2 BBiG).

Erst danach sollte Kurzarbeitergeld infrage kommen. Das ist auch die Sicht der DGB-Jugend. Abweichend von der gesetzlichen Mindestdauer können Ausbildungs- und Tarifverträge längere Fristen vorsehen. Informiere dich bei deiner Jugend- und Auszubildendenvertretung, deinem Betriebs- oder Personalrat oder deiner zuständigen Gewerkschaft, ob es eine Betriebsvereinbarung oder einen Tarifvertrag dazu gibt.

Andreas hat "eine dringende Frage":
"Ich soll bis Montag mit meiner Vorgesetzten reden. Mein Ausbildungsbetrieb hat mir kurzfristig Zwangsurlaub auf unbestimmte Zeit wegen der Corona-Krise auferlegt. Alles was über meine aktuellen Urlaubstage hinausgeht, soll mir als Minusstunde angerechnet werden. Demnächst will unsere Firma in Kurzarbeit. Bis dahin sind alle im Homeoffice. Nur ich werde gezwungen, meinen mir zustehenden Urlaub ab Montag zu nehmen. Das hört sich absolut nicht rechtens an."

Auf Urlaub muss sich geeinigt werden, und Minusstunden gibt es nicht in der Ausbildung!
Die aktuelle Situation ist für alle komplett unbekannt. Dennoch handelt Andreas’ Betrieb nicht korrekt: Das Bundesurlaubsgesetz sagt, dass du dich mit der Ausbilder_in auf den Urlaubszeitpunkt einigen musst (§ 7 Bundesurlaubsgesetz). Das bedeutet, weder du noch dein_e Ausbilder_in können einseitig über den Zeitpunkt des Urlaubs bestimmen.

Es gibt betriebliche Gründe, die für Arbeitnehmer_innen und Auszubildende bindend sind, und dazu zählen Betriebsferien: Wenn dein Unternehmen Betriebsurlaub macht, kannst du nicht ausgebildet werden und musst ebenfalls Urlaub nehmen. Es kommt also darauf an, aus welchem Grund du Urlaub nehmen musst.

Wenn der Ausbildungsbetrieb dich nach Hause schickt, verzichtet er auf deine Ausbildungsleistung bzw. Arbeitskraft. Eine Berechnung von Minusstunden ist in diesem Fall nicht rechtens. Denn die Ausbildungsvergütung muss weitergezahlt werden, wenn die Ausbildung aus Gründen, für die du nichts kannst, ausfällt, obwohl du bereitstehen würdest (§ 19 BBiG).

Andreas’ Betrieb müsste auch erst alle Mittel ausschöpfen, ihn weiter auszubilden. Sollte ihn der Betrieb trotzdem nach Hause schicken, dann hat er Anspruch auf Zahlung der vollen Ausbildungsvergütung für mindestens sechs Wochen (§ 19 Abs. 1 Nr. 2 BBiG).

Verlängert sich die Ausbildungszeit, wenn die Abschlussprüfung verschoben wurde?
Erkundige dich am besten regelmäßig bei der zuständigen Kammer, ob und wann die Prüfungen stattfinden. Droht dein Ausbildungsvertrag auszulaufen und du konntest noch keine Prüfung machen, kannst du den Ausbildungsvertrag per Antrag bis zur nächstmöglichen Wiederholungsprüfung, höchstens um ein Jahr, verlängern. Du musst die Verlängerung bei deinem Ausbildungsbetrieb schriftlich beantragen. Dein Ausbildungsverhältnis verlängert sich nicht automatisch!

Eine Verlängerung ist erforderlich, wenn dein Ausbildungsziel gefährdet ist. Dies kann bei einer längeren coronabedingten oder auch sonstigen Ausfallzeit der Berufsausbildung im Betrieb oder in der Berufsschule durchaus der Fall sein.

Sollten dir nicht mehr als 10 bis 15 Prozent deiner Ausbildungszeit fehlen, kannst du dein Ausbildungsverhältnis auch zum vertraglich vereinbarten Zeitpunkt auslaufen lassen – und an der nächsten Prüfung als Externer teilnehmen. Kläre das aber vorab auf jeden Fall mit der zuständigen Kammer. Dort gibt es auch Online-Tools zum Lernen.

Der Nachteil: ist, dass du als Externer die Prüfungsgebühren selbst tragen musst und die Berufsschule und ausbildungsbegleitende Hilfen nicht mehr besuchen kannst.


(aus der Soli aktuell 7/2020, Autorin: Julia Kanzog)

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