Deutscher Gewerkschaftsbund

"Wir haben ordentlich zu tun": JAVi Nico arbeitet im Krankenhaus

Ausbildung 4.0 und Krankenhaus­alltag: Der KJAV-Vorsitzende der ­Helios Kliniken, Nico Baumann, über JAV-Arbeit in der Corona-Pandemie.

© Privat

Nico Baumann, 23, arbeitet als Gesundheits- und ­Krankenpfleger in Sangerhausen, wo er die JAV leitet und für ver.di aktiv ist. Er ist Vorsitzender der Konzern-JAV der Helios Kliniken GmbH.

Nico, die letzten Wochen dürften für Krankenhaus-Mitarbeiter_innen etwas Besonderes gewesen sein. Wie erlebt ein JAV-Vorsitzender persönlich eine Corona-Krise?
Als Vorsitzender der Konzern-JAV (KJAV) der Helios Kliniken GmbH erreichen mich viele Anfragen von den örtlichen JAVen und Betriebsräten bundesweit. Da versuche ich, einen kühlen Kopf zu bewahren und gemeinsam mit den Kolleg_innen Strategien zu entwickeln. Die braucht es seit Corona vor allem für die Sicherstellung der Ausbildung, den Arbeits- und Gesundheitsschutz der Auszubildenden und aller, die an der Ausbildung beteiligt sind.

In den Krankenhäusern waren wir in einer Ausnahmesituation, Hygienekonzepte mussten umgestellt und verschärft, Intensivbetten freigehalten werden. Zum Teil wurden extra für die Corona-Pandemie weitere Intensivkapazitäten geschaffen, für diese musste natürlich auch schnellstmöglich Personal qualifiziert werden.

Wie war die Lage bei euch?
Ich bin zwar nicht mehr auf unserer Intensivstation tätig, aber wie ich mitbekam, hatten die Kolleg_innen auch ohne Corona dort ordentlich zu tun. Von Kurzarbeit im Krankenhaus weiß ich bei Helios nichts – bzw. nur wenig. In unserem Haus sind keine Pflegekräfte und Ärzt_innen von Kurzarbeit betroffen.

Die Klinikgeschäftsführer_innen sind aber angehalten worden, Resturlaub zu nutzen und Überstunden abzubauen. Außerdem sollen Arbeiten erledigt werden, die im normalen Stationsablauf liegen bleiben. Hier ist es an uns als Interessenvertretungen, die Rechte der Arbeitnehmer_innen und Auszubildenden zu wahren.

Als die Schulen schließen mussten, wurden alle Auszubildenden aus der Theorie in die Praxis geschickt. Das hatte zur Folge, dass plötzlich überproportional viele Auszubildende auf den Stationen eingesetzt wurden. Eine Praxisanleitung war nicht möglich, weil einfach nicht genug Praxisanleiter_innen vorhanden waren.

Wie wirkt sich eine solche Krise auf die Ausbildungssituation aus?
Lokal betrachtet – also bei mir in der Klinik – spürt man Verunsicherung, vor allem im dritten (und letzten) Ausbildungsjahr in der Gesundheits- und Krankenpflege. Das Projekt "Schüler leiten eine Station", bei dem die Auszubildenden im dritten Ausbildungsjahr in Eigenverantwortung die pflegerische Leitung einer Station übernehmen sollen, fällt ins Wasser. Dafür erhalten sie in der Zeit theoretischen Unterricht und gleichzeitig Prüfungsvorbereitung.

Auf Konzernebene – also globaler betrachtet – läuft die Ausbildung weiter. Es gab die klare Anweisung aus der Zentrale an alle Bildungszentren und Pflegedirektor_innen, dass keinem und keiner Auszubildenden ein Nachteil durch die Pandemie entstehen darf. Daran werden wir Helios messen.

"Alle Bildungszentren wurden geschlossen, ebenso die kooperierenden Schulen. Zum Teil ist es gelungen, die theoretische Ausbildung durch Online-Angebote aufzufangen."

Nach einer Woche war das Problem behoben, als nicht mehr alle Auszubildenden im Frühdienst da waren und sich quasi über die Schichten verteilten. Dadurch konnte viel geübt werden und auch eine qualitativ hochwertige Anleitung erfolgen, da sich die Praxisanlei­ter_in­nen Zeit nehmen konnten, mit den Azubis zu üben.

War denn der Einsatz auch problematisch?
Ja. Zu dem Zeitpunkt, als die Stationen quasi überlaufen waren von Auszubildenden, kam die Leitungsebene auf die Idee, den Service zu entlasten und den Auszubildenden die Besu­cherkontrolle an der Rezeption zu überlassen. Sie sollten die Besucher_innen über die Gegensprechanlage nach Erkältungssymptomen befragen, mussten sie registrieren und so den reduzierten Besucherstrom überwachen.

Außerdem sollten sie Gepäck entgegennehmen – also wenn zum Beispiel frische Wäsche abgegeben wurde – und auf Station bringen. Dies ist eine in unseren Augen ausbildungsfremde Tätigkeit und verfolgt kein Ausbildungsziel.

Außerdem wurde die Mitbestimmung des Betriebsrats bei der Arbeitszeit ebenso umgangen wie die dadurch vorgenommene Änderung des Ausbildungsplans. Nachdem wir uns als JAV dafür stark machten, wurde mir zugesichert, dass Auszubildende nicht mehr diesen Posten übernehmen mussten. Man fragte kurzerhand mich, ob ich das machen könne. Damit keine Auszubildenden und schon gar niemand aus den Examenskursen diese Tätigkeit mehr übernimmt, willigte ich ein.

Auf Konzernebene gab es auch weitere Standorte, an denen ausbildungsfremde Tätigkeiten an Auszubildende übertragen wurden.

Wie sah es mit der Berufsschule aus?
Helios-weit wurden alle Bildungszentren geschlossen, ebenso die kooperierenden Schulen. Zum Teil ist es gelungen, die theoretische Ausbildung durch Online-Angebote aufzufangen. Allerdings merkt man, dass es da noch viel Potenzial für Verbesserungen gibt.

Wie läuft der Unterricht in Krisenzeiten?
Die Auszubildenden, die sich im E-Learning befinden, halten Kontakt mit den Lehrkräften. Dies geschieht in den meisten Fällen über E-Mail oder sogar über Skype. Ebenso wird die Helios-Lernbar, eine Online-Plattform für elektronisches Lernen, vom Lehrkörper genutzt, um mit den Auszubildenden in Kontakt zu treten und individuelle Probleme zu lösen.

Jede_r Auszubildende hat einen Zugang. Darüber kann sogar digitaler Unterricht erfolgen. Die Lehrkräfte tauschen sich dazu konzernweit aus und entwickeln so das E-Learning im Konzern. Außerdem haben alle Auszubildenden Zugänge zum Intranet, wo es eine riesige digitale Bibliothek mit Fachliteratur gibt.

Zum 1. April erhielten alle Auszubildenden in der Pflege auch einen Zugang zu einer Online-Version von "Pflege heute" zur Prüfungsvorbereitung. In der Praxis werden die Auszubildenden von den Praxisanleiter_innen auf den Stationen betreut. Sie kümmern sich darum, dass Auszubildende auch in den Zeiten der Krise angeleitet werden, und arbeiten sie in den Stationsablauf ein.

Zum Teil wurden die Auszubildenden aber auch doppelt belastet. Wie gesagt, wurden sie häufig in die Praxis versetzt und sollten zusätzlich noch Theorie im Selbststudium machen. Um dagegen vorzugehen, steht den Auszubildenden und jungen Beschäftigten die Tür zur JAV und zum Betriebsrat immer offen.

Wir sind ebenso bemüht, dass sie sich gut betreut und vor allem nicht alleingelassen fühlen. Dazu beantworten wir individuelle Fragen und setzen uns weiterhin für gute Ausbildungsbedingungen ein.

Hier der komplette Vorsitz der Konzern-JAV (v. l.): ­Michael Ruhig (Helios Klinikum Hildesheim), Nico und Michelle Gemp (Helios Klinikum Niederberg). Die KJAV hat aktuell 37 Mitglieder und vertritt ca. 4.000 Auszubildende und junge Beschäftigte. Die DGB-Jugend macht Druck bei den Arbeitgeber_innen und der Politik, dass Ausbildung in Corona-Zeiten fortgeführt wird bzw. Ausbildungsplätze erhalten bleiben, und kämpft gemeinsam mit ver.di für mehr Wertschätzung der Gesundheits- und Pflegeberufe.

Wurden Schutzmaßnahmen eingehalten?
Sofern Auszubildende auf Isolierstationen eingesetzt werden, werden sie in die Anwendung von Schutzmaßnahmen eingewiesen und erhalten auch ausreichend Schutzkleidung. Dennoch sind wir alle zu einem bewussten Umgang mit den begrenzten Ressourcen angehalten. Diese Anweisung der Arbeitgeberin scheint sehr paradox, denn um eine_n Auszubildende_n sachgemäß anzuleiten – auch auf einer Isolierstation – benötigt es immer zwei Personen: die oder den Auszubildenden und die oder den Praxisanleiter_in.

Das bedeutet, dass für Tätigkeiten, die im Normalfall von einer Pflegekraft durchgeführt werden, nun doppelt so viele Schutzmaterialien benötigt werden. Ansonsten gilt in allen Kliniken eine allgemeine Maskenpflicht. D. h., auch Azubis werden mit Mund-Nasen-Schutz für den Dienst ausgestattet.

Wie habt ihr als KJAV auf Fehlentwicklungen reagiert?
Wir haben als Konzern-JAV zehn Erwartungen an die Konzern-Geschäftsführung formuliert. Ich zitiere daraus:
"Wir erwarten von Ihnen, dass…

  • die Prüfungsvorbereitung aller Auszubildenden im Hinblick auf die Examensvorbereitung sichergestellt wird
  • Auszubildende für die Bearbeitung von Arbeitsaufträgen und Lernzeiten freigestellt werden
  • die theoretische Ausbildung über E-Learning fortgesetzt wird
  • Auszubildende auch im E-Learning von Pädagog_innen betreut werden
  • digitale Hilfsmittel auf Verbundschulen ausgeweitet werden
  • das Jugendarbeitsschutzgesetz eingehalten wird
  • Gefährdungsbeurteilungen für alle Auszubildenden durchgeführt werden
  • Sonderarbeitsschutzschulungen für Auszubildende stattfinden
  • keine ausbildungsfremden Tätigkeiten übertragen werden
  • sich der Ausbildungsstart der Frühjahrskurse nach hinten verschiebt."

Anschließend führten wir eine Telefonkonferenz mit der Konzerngeschäftsführung. Da die nicht sonderlich bereichernd war, entschieden wir uns in Kooperation mit ver.di für ein Online-Seminar, das den JAVis individuelle Handlungsmöglichkeiten eröffnete.

Eure JAV hat vorgeschlagen, den Ausbildungsstart 2020 zu verschieben. Warum?
Als wir uns über die Ausbildungsstartverschiebung der Frühjahrskurse unterhielten, gingen uns zahlreiche Fragen durch den Kopf. Nicht zuletzt auch, dass die neuen Auszubildenden auf Einkommen verzichten müssten, wenn sie später in die Ausbildung starten. Allerdings überwog die Meinung, dass Auszubildende, die ohne theoretische Ausbildung in die Praxis starten, letztlich auch "nur" den Wissensstand einer Praktikant_in haben.

"Es ist eine politische Aufgabe, das Gesundheitswesen in Deutschland sicherzustellen und Menschen und deren gute Versorgung vor Profite zu stellen. Es braucht gute Arbeits- und Ausbildungsbedingungen, in denen wir gut und lange arbeiten können."

Wir sahen dadurch die Auszubildenden – als auch die Patient_innen – gefährdet und wollten erreichen, dass die neuen Azubis nicht nur zum Bettenschrubben missbraucht werden. In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Auszubildenden auf Station eh schon häuften, hätten die neu Hinzukommenden nur schwer in den Genuss einer Praxisanleitung kommen können.

Habt ihr dual Studierende und betrieblich-schulisch Auszubildende? Und wenn ja, was ist mit ihnen?
Wir haben bei uns in Sangerhausen nur externe Physio-Azubis, aber keine dual Studierenden. Im Konzern gibt es in Wuppertal und Krefeld Auszubildende MTA-R und MTA-L, die an Helios-eigenen Schulen lernen. Im Rahmen der Tarifverhandlungen zum Konzerntarifvertrag ist es uns letztes Jahr gelungen, diese zu tarifieren – ein großer Erfolg der Auszubildenden, die sich dafür in ver.di organisiert haben! Sie sind vollwertig in die Betriebe integriert.

So würde ich es mir auch für einige andere Helios-Häuser wünschen, in denen weiterhin externe betrieblich-schulische Auszubildende für die Praxisphase eingesetzt werden, aber keine Vergütung erhalten oder geregelte Auszubildendenrechte haben.

Wir hören auf einmal viel darüber, dass ein Gesundheitssystem besser für Menschen da ist als für eine profitable Rendite. Hat die Debatte für euch irgendwelche Auswirkungen?
Ich sehe nicht, dass sich der private Konzern, in dem wir arbeiten, wegen der Corona-Pandemie um 180 Grad dreht. Es ist eine politische Aufgabe, das Gesundheitswesen in Deutschland sicherzustellen und Menschen und deren gute Versorgung vor Profite zu stellen. Es braucht gute Arbeits- und Ausbildungsbedingungen, in denen wir gut und lange arbeiten können.

Ebenso braucht es eine angemessene Personalausstattung und Vergütung. Ohne ein gesetzliches Gegensteuern oder dass die Beschäftigten selbst zum Beispiel für gute Tarifverträge kämpfen, bleibt es sonst dabei, dass Helios Buttons mit der Aufschrift "Alltagshelden" verteilt.

Wie sieht es eigentlich generell mit der Digitalisierung eurer Berufe in der Ausbildung aus?
Im Tarifvertrag von Helios ist vereinbart, dass alle Auszubildenden im Geltungsbereich ein Notebook erhalten. Der umfasst leider aber nicht mal 50 Prozent aller ausbildenden Betriebe.

Ansonsten wirbt Helios aber mit einer Online-Bibliothek mit sehr viel Fachliteratur sowie der Helios-Lernbar. Aber solange nicht alle Auszubildenden standardmäßig mit technischen Geräten zur Nutzung dieser Medien ausgestattet werden und diese Medien sich nicht weiterentwickeln, würde ich behaupten, steckt Helios noch in den Kinderschuhen der Digitalisierung, was die Ausbildung anbelangt. Wobei wohl in Planung ist, den Ausbildungsnachweis zukünftig elektronisch zu führen. Bleiben wir gespannt, was die Zukunft bringt!

(aus der Soli aktuell 7/2020, Autorin: Soli aktuell)