Deutscher Gewerkschaftsbund

Der mitbestimmte Osterhase

Ausbildung 4.0? Mitbestimmung 4.0 – Oster-Special: Vera, Lars und Tim bilden die JAV bei Lindt in Aachen. Wie man in der Osterhasenproduktion ausbildet.

Drei goldene Schokoladenhasen

© Lindt & Sprüngli GmbH

Vera, 21, absolviert eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Lars, 23, arbeitet als Elektroniker in der Instandhaltung, ebenso wie Tim, 22, der Mechatroniker ist. Bei Lindt in Aachen arbeiten saisonabhängig bis zu 2.700 Mitarbeiter_innen, darunter 90 Auszubildende. Sie stellen im Jahr rund 220 Millionen Schokoladenhasen her.

Hallo Vera, wie kommt man dazu, in der Schokoladenfabrik zu arbeiten? Ist doch eigentlich ein Kindertraum – in echt auch?
Vera: Ja, das ist es tatsächlich! Früher habe ich alle Goldhasen gesammelt und hätte niemals gedacht, dass ich einmal bei Lindt arbeiten werde. Ich habe nie einen Goldhasen gegessen, weil sie für mich so besonders waren. Und heute ist es für mich ganz normal und es gehört mit zu meinen Aufgaben, den Goldhasen jedes Jahr noch besonderer zu machen. Das hätte ich wirklich niemals gedacht!

Bald ist Ostern, ich nehme an, ihr steckt voll in der Osterhasenproduktion. Muss man eigentlich viel Ahnung von Technik haben für eure Arbeit?
Eigentlich ist eher weniger stressig, da wir im Vorfeld schon produziert haben, um den Ostermarkt zu decken. Ahnung von Technik ist in den jeweiligen Bereichen eine Grundvoraussetzung, aber tiefergehendes Wissen ist nur in der Instandhaltung von Nöten.

Darf man sich Schokolade nach Hause mitnehmen?
Wir haben das große Glück, dass wir viermal im Jahr ein großes Schokoladenpaket erhalten. Das heißt zu Weihnachten, Ostern, im Sommer und im Herbst erhält jeder Mitarbeiter gratis ein Paket mit Schokolade, das er selbstverständlich mit nach Hause nehmen darf. Zusätzlich bekommen wir jeden Monat eine Schokoladentüte umsonst und natürlich erhalten wir in unserem eigenen Werksverkauf Vergünstigungen.

Gibt es bei euch Nachtarbeit?
Ja, es gibt auch Nachtarbeit. Sie geht von abends 21.30 Uhr bis 5.30 Uhr morgens am nächsten Tag. Auszubildende sind von Schichtarbeiten ausgeschlossen, könnten die Schichtarbeit aber freiwillig im Laufe der Ausbildung ausprobieren.

Warum interessiert euch Mitbestimmung? Warum seid ihr in die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) gegangen?
Vera: Ich war früher schon öfter Klassensprecherin und habe mich gerne für die Klasse eingesetzt. Nachdem die Gewerkschaft NGG uns die JAV und ihre Aufgaben vorgestellt hat, bin ich direkt nach dem Termin zu unserem Betriebsrat gegangen und habe gesagt, dass ich gerne in dieses Gremium möchte. Es macht mir wirklich großen Spaß und ich bin froh, dass ich Teil einer so tollen JAV sein kann.

Lars: Ich wollte mich in die JAV aufstellen lassen, weil ich in meiner Ausbildung keine aktive JAV hatte, an die ich mich wenden konnte und weil ich die Ausbildung für folgende Ausbildungsjahrgänge besser mitgestalten will.

Tim: Ich habe mich in die JAV wählen lassen, weil ich Spaß daran habe, anderen zu helfen und mir die Mitgestaltung der Ausbildung am Herzen liegt. Dadurch bin ich in der Position, den Austausch mit der Ausbildungsleitung und den Vorgesetzten zu führen, um wirklich was zu bewegen.

Wie arbeitet und kommuniziert ihr JAVis zusammen?
Vera: Wir JAVis haben drei unterschiedliche Berufe. Zudem sind die anderen beiden mittlerweile nicht mehr in der Ausbildung und arbeiten auf Schicht. Deshalb bleibt uns meist nichts anderes übrig, als über unsere WhatsApp-Gruppe zu kommunizieren. Natürlich telefonieren wir auch mal im Unternehmen, aber das ist meistens schwieriger.

Mit welchen Schwierigkeiten kommen die Auszubildenden zu euch?
Dadurch, dass im Betrieb ein gutes Klima herrscht, gibt es selten Probleme untereinander. Wir besprechen aber Themen wie den Austausch mit anderen Betrieben und Jobtickets für den Weg zur Arbeit bei unseren Treffen.

Ist eure Ausbildung digital? Mit Cloud, Azubi-App, elektronischem Berichtsheft?
Das Berichtsheft wird online in einem Azubi-Portal erstellt und direkt abgeschickt. Den Urlaub beantragen wir über unser Mitarbeiterportal.

Gibt es im Zusammenhang mit Technisierung Probleme?
Keine, die wir nicht lösen könnten!

Wie ist euer Verhältnis zu eurer Gewerkschaft NGG?
Sehr gut. Sie sorgt für den Austausch mit anderen JAVen.

Wie sieht für dich gute Ausbildung aus?

  • Unterstützung von den Ausbilder_innen
  • harmonisches Miteinander
  • faire Bedingungen
  • Mitspracherecht
  • Gleichberechtigung
  • fachkompetente Ausbildung.

Werden in 20 Jahren noch Menschen in der Lebensmittelindustrie arbeiten oder machen das Roboter?
Immer mehr wird von Maschinen und Robotern übernommen, aber man braucht Menschen, die die Maschinen bedienen, und wenn eine Störung auftritt, muss diese behoben werden.

Eines kann nicht so leicht durch Technik ersetzt werden: der Mensch, der eure Produkte aufisst. Welche Rolle spielt er für euch?
Bei uns ist der Kunde König!

Ausbildung 4.0
Wie werden die Lernorte der Zukunft aussehen? Was geschieht mit gesammelten Daten? Aspekte wie diese laufen unter dem Schlagwort "Ausbildung 4.0". Es steht für den immer schnelleren Wandel der Ausbildungswelt.

Die Modernisierungsentwicklungen werfen Fragen auf: Nicht nur, inwieweit sich Berufe verändern. Sondern auch, welche Inhalte überhaupt nötig sind und was Digitalisierung für die Qualität der Ausbildung und für die Mitbestimmung bedeutet.

Soli aktuell hört sich in Betrieben um, fragt nach Weiterbildung und Mitbestimmung: Wie können in einer von extremer Flexibilität geprägten Arbeitswelt weiterhin starke Interessenvertretungen und gute Ausbildung gewährleistet werden?


(aus der Soli aktuell 4/2020, Autorin: Soli aktuell)