Deutscher Gewerkschaftsbund

Da bist du erstmal perplex

Wer wie Sandro Hänel im öffentlichen Sektor arbeitet, wird oft erheblich beleidigt, bedroht und sogar angegriffen. Der DGB startet deshalb jetzt die Initiative "Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch".

Junger Mann in Bahnuniform

Traut oft seinen Ohren nicht: EVG-Mitglied Sandro Hänel, 20, absolviert seit 2017 eine Ausbildung zum Kaufmann für Verkehrsservice bei der DB Regio.

Mehr als zwei Drittel der Beschäftigten im öffentlichen Sektor (67 Prozent) wurden in den letzten zwei Jahren während der Arbeit beleidigt, beschimpft, bedroht oder angegriffen. 57 Prozent der Befragten gaben an, die Gewalt habe zugenommen. Dies sind zentrale Ergebnisse einer neuen DGB-Studie.

Ihnen geht es so wie Sandro Hänel, 20 Jahre alt, der eine Ausbildung zum Kaufmann für Verkehrsservice bei der DB Regio macht und bei dem es fast täglich kracht. "Oft muss ich mir grobe Beschimpfungen anhören. Selbst ein netter älterer Herr, der wirklich ganz seriös wirkte, wurde letztens extrem aggressiv und beschimpfte mich aufs Übelste. Da ist man dann erst einmal perplex."

Und die Sicherheitskräfte, die immer in den Zügen sind? "Sie sind auf Strecken präsent, wo eigentlich kaum etwas passiert", sagt Hänel. "Ich würde mir wünschen, dass deren Einsätze überdacht werden. Wir brauchen die Sicherheitskollegen auf Nachtfahrten, an den Wochenenden und auf Strecken, wo es häufig Zwischenfälle gibt und eskaliert. Also eigentlich immer samstagnachts auf den Regionallinien. Ich würde mich in bestimmten Situationen sicherer und besser gewappnet fühlen", fordert der angehende Verkehrskaufmann.

"Oft muss ich mir grobe Beschimpfungen anhören. Letztens wurde selbst ein netter älterer Herr, der wirklich ganz seriös wirkte, extrem aggressiv und beschimpfte mich aufs Übelste. Da ist man dann erst einmal perplex." Sandro Hänel

Die jahrelangen Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand haben offenbar großen Einfluss auf die individuelle Gefühlslage: Personalmangel, dürftige Ausstattung, schlechte Services und ein hoher Bürokratieaufwand werden häufig als Auslöser für Aggressionen bei Bürger_innen ausgemacht. 86,2 Prozent der Befragten sagen, an ihnen werde der "Frust am Staat" ausgelebt. Fast alle Betroffenen (92 Prozent) vermissen den gesellschaftlichen Respekt gegenüber anderen Menschen und gegenüber Beschäftigten im Dienst der Gesellschaft.

"Die Beschäftigten im öffentlichen Bereich sind oftmals die Blitzableiter für Versäumnisse der Politik", sagt die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. Kein freier Termin auf dem Amt, fehlende Kitaplätze, verspätete Züge bei der Bahn – in den letzten Jahren wurden viele Bereiche regelrecht kaputtgespart. Hier dürfe sich der Staat als Dienstherr und Arbeitgeber nicht länger in die Tasche lügen.

"Die Unzufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger mit dem öffentlichen Dienst und dem privatisierten Sektor hängt auch mit dem fehlenden Personal zusammen", sagt Hannack. "Wir brauchen mehr Geld für mehr Personal; für eine moderne und funktionstüchtige Infrastruktur. Der Staat muss in der Fläche wieder präsenter sein."

Wer seine Arbeit im Dienst der Gesellschaft leistet, und wer dazu beiträgt, dass unser Gemeinwesen funktioniert, verdient Respekt, heißt es beim DGB. Der hat deshalb die Initiative "Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch" gestartet. Sie richtet sich an die breite Öffentlichkeit, aber auch an Arbeitgeber, um Missstände zu beseitigen. Sie soll zusätzlich konkrete Hilfestellungen bieten: mit guter Prävention, Schutzmaßnahmen und Nachsorge.

Demnächst wird es eine zentrale Anlaufstelle geben, die Infomaterial, Dienstvereinbarungen, Strategien und Beispiele guter Praxis bündelt.


Infos zur Initiative und Umfrageergebnisse auf dgb.de/mensch

(aus der Soli aktuell 4/2020, Autorin: Soli aktuell)

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