Deutscher Gewerkschaftsbund

Das Ausbildungsmainstreaming

Ausbildung 4.0? Gewerkschaft 4.0! Angelique Müller-Götzmann ist Vorsitzende der Haupt-Jugend- und Auszubildendenvertretung (HJAV)  des Landes Berlin. Sie vertritt die Interessen von 8.500 Auszubildenden. In der digitalen Welt sind aber noch nicht alle angekommen.

© Simone M. Neumann

Angelique Müller-Götzmann – eine Frau, die sich in der Mitbestimmung wie im Betrieb engagiert. Seit September 2017 ist sie für die Haupt-Jugend- und Auszubildendenvertretung (HJAV) freigestellt, zuvor war sie in der JAV ihres ausbildenden Bezirksamtes.

Angelique, die Verwaltung in Berlin hat nicht den besten Ruf. Auf Termine muss man ewig warten, von Chaos in der Hauptstadt ist die Rede. Die Gewerkschaftsjugend fordert eine "Ausbildung 4.0", die junge Menschen für die Zukunft fit macht. Wie ist das bei euch, schreibt ihr noch auf Schiefertafeln?
Das nicht. Wir sind zwar bei Weitem nicht auf dem neuesten Stand der Technik, aber arbeitsfähig. Allerdings ist der technische Stand in der Verwaltung berlinweit auch nicht überall gleich. Das ist nur eine der vielen Herausforderungen, vor denen der öffentliche Dienst noch steht.

Was würdest du sagen: Wie sieht eine gute Ausbildung in der Verwaltung aus?
Zukunftsorientiert. Aktuelle Entwicklungen und zukünftige Arbeitsweisen müssen in die Ausbildung integriert werden, um die Auszubildenden auf ihre künftige Arbeit vorzubereiten. Dabei sollten Auszubildende von motiviertem, gut geschultem Personal angeleitet werden und mit modernen Arbeitsmitteln ausgestattet werden. Nur mit einer guten Ausbildung ist die Verwaltung zukunftssicher aufgestellt und kann einen guten Service bieten.

Damit es so kommt, habt ihr sechs Jahre für die "Rahmenvereinbarung Ausbildung" gekämpft. Mit ihr wollt ihr erreichen, dass in den über 40 Berufen der Berliner Verwaltung nach gleichen Maßstäben ausgebildet wird. Gartenbau und Gerichte – wie kriegt man die denn unter einen Hut?
Sie schafft, wie der Name schon sagt, lediglich einen Rahmen, ohne auf die spezifischen Eigenheiten des Ausbildungsberufes einzugehen. Dabei werden Mindeststandards für die Ausbildung festgeschrieben, die ein Auszubildender im Gartenbau ebenso erwarten kann wie der im Gericht.

Die Inhalte sind daher auf den organisatorischen Ausbildungsablauf, die Anleitung von Auszubildenden oder die Ausstattung in der Ausbildung bezogen. Die konkrete Umsetzung erfolgt in den ausbildenden Behörden. Wenn in der Rahmendienstvereinbarung also die Rede von "Ausstattung" ist, geht es beim Gartenbau beispielsweise um Arbeitskleidung und beim Gericht um einen Bürostuhl. Die örtlichen Interessenvertretungen sind gefragt zu prüfen, wie die einzelnen Behörden die Regelungen umsetzen.

Du bist Verwaltungsangestellte. Wo hast du deine Ausbildung gemacht und warum hast du diesen Beruf gewählt?
Mein Ausbildungsort war ein Bezirksamt. Ich wollte nach der Schule mit und für Menschen arbeiten und dabei einen sicheren Arbeitsplatz haben. Diese Eigenschaften habe ich im öffentlichen Dienst gefunden. Als Verwaltungsfachangestellte habe ich die Strukturen des öffentlichen Dienstes und den Umgang mit Gesetzestexten kennengelernt. Nun bin ich als "Allrounder" in der öffentlichen Verwaltung einsetzbar. Da gibt es viele interessante Möglichkeiten für mich.

Viele große Betriebe in Deutschland haben eine "Azubi-App" eingeführt. Auszubildende führen ihr Berichtsheft digital, können Lerneinheiten aufs Handy laden. Habt ihr so etwas auch?
Nein, leider nicht. Der Großteil der Auszubildenden führt das Berichtsheft am dienstlichen PC. Einige Auszubildende schreiben ihr Berichtsheft sogar noch handschriftlich auf Papier, etwa im Garten- und Landschaftsbau. Besonders in den fachspezifischen Ausbildungsberufen haben Auszubildende nicht immer Zugang zu einem PC. Stattdessen steht "im Idealfall" ein PC für mehrere Auszubildende zur Verfügung. Eine gleichzeitige oder längere Nutzung ist daher ausgeschlossen. Eigentlich undenkbar, wo doch alle über Digitalisierung reden!

Wie umfangreich ist denn der Einsatz digitaler Geräte bei deiner Arbeit – über den PC hinaus?
Als freigestelltes Mitglied der Haupt-JAV habe ich Dienstlaptop und -handy. Beides nutze ich sehr oft. Da ich viel unterwegs bin, sind diese Geräte eine große Hilfe. Zwischen meinen Terminen kann ich meine Mails lesen und beantworten oder bei umgeleiteten Anrufen vom Diensthandy zurückrufen. Mobile Geräte passen daher optimal in meinen Arbeitsalltag. Die Nutzung von Tablets wäre an sich auch möglich. Leider werden die Funktionen durch die Dienststelle derzeit so eingeschränkt, dass sie für mich nicht zu meiner Arbeit passen.

Was hat dich dazu gebracht, dich ehrenamtlich zu engagieren?
Ich fand das Thema Ausbildungsbedingungen von Anfang an total interessant. In den diversen Praxisstellen habe ich in der Ausbildung dazu so meine Erfahrungen gemacht. Da hatte ich den Wunsch, mitzureden und meine Erfahrungen einzubringen. Ich wollte an einer Ausbildung mitwirken, die nicht nur für mich, sondern auch für die Auszubildenden nach mir einfach besser läuft. Dafür bin ich gewerkschaftlich aktiv geworden und habe mich zur JAV-Wahl aufstellen lassen.

Wie sieht deine Arbeit als HJAV-Vorsitzende aus? Du vertrittst ja die Interessen von sehr vielen Auszubildenden…
Sie ist sehr vielseitig. Zu Gesetzen und sonstigen landesweiten Regelungen, die Auszubildende, dual Studierende und/oder Anwärter_innen betreffen, kann die HJAV Stellungnahmen abgeben. Dabei prüfen wir, ob die Interessen unseres Betreuungskreises ausreichend berücksichtigt wurden. Sollte dies nicht der Fall sein, kritisieren wir Regelungen und geben schriftlich Verbesserungsvorschläge ab. Dabei sind wir in engem Kontakt mit den örtlichen JAVen und dem Hauptpersonalrat.

Außerdem beraten wir die örtlichen JAVen, nehmen daher auch öfter an deren Sitzungen teil oder laden sie zum Austausch zu uns ein. Hinzu kommen die regelmäßigen Sitzungen unseres neunköpfigen HJAV-Gremiums und die des Hauptpersonalrats. Um die Interessen der Auszubildenden hochzuhalten, haben wir viele Termine mit den Vertreter_innen der Senatsverwaltungen, der Gewerkschaften, Abgeordneten und externen Vereinen, die sich mit Ausbildungsthemen beschäftigen.

Welche Probleme aus den Betrieben kommen bei dir an?
Wir sind ein berlinweites Gremium, da wird vieles an uns herangetragen. Es gibt aber auch jede Menge gleichartige Problemfelder: Berlinweit läuft die Ausbildung an der Kapazitätsgrenze. Nach jahrelangen Einsparungen wird zwar wieder massiv ausgebildet. Aber leider wachsen die Ausbildungsressourcen nicht schnell genug mit. Wir stoßen zum Beispiel auf Raum- und Personalmangel. Die Ausbildung leidet in diversen Bereichen massiv darunter. Quantität verdrängt Qualität.

Wie funktioniert denn eure Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften?
Zur HJAV-Wahl treten wir traditionell mit einer gemeinsamen Liste der Gewerkschaften ver.di und GdP an. Die Zusammenarbeit mit beiden funktioniert sehr gut. Wir haben einen guten Austausch und einen vertrauensvollen Umgang miteinander. Informationsaustausch ist immer gut: So können wir bei gemeinsamen Themen von mehreren Seiten Druck aufbauen. Das hat in der Vergangenheit schon zu einigen Erfolgen geführt. Mit ver.di und der GdP haben wir starke Unterstützung an unserer Seite!

Seid ihr zufrieden mit dem neuen Berufsbildungsgesetz (BBiG)?
Wir sind sehr zufrieden mit den erreichten Änderungen. Die Einführung einer bundesweiten Mindestausbildungsvergütung ist der Hammer! Auch über die anderen Änderungen im BBiG sind wir froh.

Mit Bedauern mussten wir feststellen, dass die Praxisphasen der dual Studierenden und die betrieblich-schulischen Ausbildungsgänge nicht mitaufgenommen wurden. Hier sehen auch wir die starke Notwendigkeit, sie in den Geltungsbereich des BBiG zu integrieren: Im öffentlichen Dienst werden zunehmend duale Studiengänge angeboten, es ist uns daher sehr wichtig, dass auch deren Ausbildungsbedingungen durch gute, verbindliche Regelungen festgelegt werden.

Was würdest du in Sachen Zukunft der Ausbildung in euren Betrieben für absolut notwendig halten?
Natürlich, dass unsere Rahmendienstvereinbarung in allen ausbildenden Behörden umfänglich umgesetzt wird und die Ausbildung so verbessert wird. Ich halte es grundlegend für notwendig, der Ausbildung einen höheren Stellenwert zukommen zu lassen – nicht nur dadurch, dass man mehr Menschen ausbildet. Vielmehr muss sie in allen anstehenden Prozessen mitgedacht werden und dabei ordentlich mit entsprechenden Mitteln unterstützt werden.

Eine Art Ausbildungsmainstreaming – Ausbildungsbelange werden bei allem immer mitgedacht…
Ja! Wenn wir beispielsweise an die Digitalisierung denken, kann es nicht nur darum gehen, wie die E-Akte eingeführt werden kann oder welche Arbeitsprozesse dadurch verbessert werden können. Sondern auch darum, wie schon die Ausbildung durch die Digitalisierung verbessert werden kann und wie Auszubildende dabei an dieses zukünftige Arbeiten herangeführt werden können.

Berlin: Die Rahmendienstvereinbarung Ausbildung
Mit ihrem Gremium, der Haupt-Jugend- und Auszubildendenvertretung (HJAV) des Landes Berlin, hat Angelique Müller-Götzmann beim Deutschen Personalräte-Preis Ende 2019 den Sonderpreis der DGB-Jugend gewonnen.

Das Projekt: Seit 2013 haben die HJAVis auf eine Rahmendienstvereinbarung zur Vereinheitlichung der Ausbildung in über 40 Berufen hingearbeitet. Im letzten Jahr konnte sie nun endlich abgeschlossen werden. Sie gilt auch für dual Studierende während des praktischen Teils ihrer Ausbildung und für Studierende in Pflichtpraktika, ebenso wie für die Beamtenanwärter_innen.

Insgesamt betrifft sie 8.500 junge Menschen. Ausbildung ist in Berlins Verwaltungen jetzt eine Dienstaufgabe, die "von den Führungskräften anzuerkennen und zu unterstützen" ist, Ausbilder_innen können nun wegen ihrer Ausbildungstätigkeit von anderen Aufgaben entlastet werden und an fachspezifischen Fortbildungen teilnehmen, um so die Qualität der Ausbildung zu sichern.

Infos: berlin.de/hjav. Näheres zum Projekt: tinyurl.com/Sonderpreis-DGB-Jugend-2019


Unser JAV-Preis im öffentlichen Dienst

Ab sofort könnt ihr euch beim Deutschen Personalräte-Preis mit eurem JAV-Projekt für den JAV-Preis der DGB-Jugend im öffentlichen Dienst bewerben. Die Bewerbungsfrist läuft bis Ende Mai 2020. Ausgezeichnet werden praktische Beispiele erfolgreicher Gremienarbeit. Hat eure JAV ein spannendes Projekt zur Digitalisierung auf den Weg gebracht? Oder habt ihr euch mit dem Thema Ausbildungsqualität beschäftigt?

Dann macht mit! Mit der Auszeichnung beispielhafter Projekte wird der Arbeit und dem Einsatz der Jugendvertreter_innen Anerkennung und öffentliche Aufmerksamkeit verschafft. Die Kriterien für die Bewertung der einzelnen Arbeiten sind u. a. die Umsetzbarkeit und Übertragbarkeit der Projekte sowie die konkreten Auswirkungen auf den Alltag in der Dienststelle. Darüber hinaus prüft die Jury, wie innovativ die eingereichten Arbeiten sind und wie es um die Teamleistung steht. Weitere Kriterien sind Originalität, Nachhaltigkeit und sozialer Einsatz.


Bewerbungsschluss: 31. Mai 2020. Infos: dprp.de

(aus der Soli aktuell 3/2020, Autorin: Soli aktuell)