Deutscher Gewerkschaftsbund

Die neue Teilzeitausbildung

Mit der BBiG-Novelle gelten auch neue Regeln für die Teilzeitausbildung. "Dr. Azubi" beantwortet wichtige Fragen.

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog

Teilzeit für alle
Jonas
, angehender Industriekaufmann, wendet sich an das "Dr. Azubi"-Forum: "Guten Tag, vor ein paar Tagen habe ich gelesen, dass die Ausbildung auch in Teilzeit möglich ist. Allerdings wird das immer im Zusammenhang mit Müttern und Vätern beschrieben. Gibt es auch die Möglichkeit, wegen einer Krankheit oder auch ohne richtigen Grund eine Teilzeitausbildung zu machen, wenn der Betrieb einverstanden ist? Oder wird durch die zuständige Kammer geprüft, ob ein berechtigter Grund vorliegt?"

"Dr. Azubi" antwortet: War die Teilzeitausbildung bisher reduziert auf Eltern mit einem pflegebedürftigen Kind, öffnet sie sich mit der Novellierung des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) seit dem 1. Januar 2020 nun für alle Auszubildenden und gibt somit leistungsschwächeren Menschen mit Behinderung oder sonstigen Einschränkungen eine Chance. Jonas hat also die Möglichkeit, eine Teilzeitausbildung zu absolvieren, wenn sein Betrieb damit einverstanden ist. Die Kammer prüft den Grund nicht mehr.

Einverständnis notwendig
Susann
, Vollzeitauszubildende im 1. Ausbildungsjahr und Mutter eines kleinen Kindes, hat diese Frage: "Werde am Montag meinem Chef eine Teilzeitausbildung vorschlagen (schaffe es zeitlich nicht, mein Kind mit einer 40-Stunden-Woche plus Wegezeit zu versorgen). Kann er mich dann kündigen? Was, wenn er das nicht will; also nicht drauf eingeht?"

"Dr. Azubi" antwortet: Eine Ausbildung in Teilzeit ist weiterhin nur möglich, wenn der Betrieb auch damit einverstanden ist. Es gibt also weiterhin keinen Rechtsanspruch auf eine Teilzeitausbildung. Es gilt also, den Betrieb davon zu überzeugen, denn Unternehmen und Auszubildende profitieren beide von diesem Modell. Im Fall von Susann könnten dies die Argumente sein: Junge Eltern sind sehr motivierte und verantwortungsbewusste Auszubildende, und Betriebe können dadurch ihre Fachkräfte sichern.

Gut zu wissen: Wie auch in Susanns Fall ist eine Teilzeitausbildung auch noch während der Ausbildungszeit möglich. Sie sollte aber noch ihre Probezeit abwarten, bevor sie das Gespräch sucht, damit sie von einem besonderen Kündigungsschutz profitiert, der erst nach der Probezeit eintritt. Sollte ihr Betrieb mit der Teilzeitausbildung einverstanden sein, muss diese bei der Kammer eingetragen werden.

Starre Vorgaben
Laura
schreibt in das "Dr. Azubi"-Forum: "Ich bin im ersten Ausbildungsjahr ungeplant schwanger geworden. Ich möchte die restliche Ausbildung gern in Teilzeit (25 bis 30 Stunden) fortsetzen, ohne dass sich die Gesamtdauer der Ausbildung noch weiter verlängert. Meine Chefin ist damit jedoch nicht einverstanden. Ihrer Meinung nach ist es nicht möglich, das Ausbildungsziel in Teilzeit ohne eine Verlängerung der Ausbildungsdauer (plus ein halbes Jahr) zu erreichen. Wie ist hier die rechtliche Lage?"

"Dr. Azubi" antwortet: War die Teilzeitausbildung bisher eher für leistungsstärkere Auszubildende geeignet, da der gleiche Stoff in kürzerer Zeit erlernt werden musste, verlängert sich die Ausbildung mit der Neuregelung bis um das Eineinhalbfache der Ausbildungszeit. Laura muss also eine Verlängerung ihrer Ausbildungszeit in Kauf nehmen. Allerdings kann sie ihre Ausbildung weiterhin während der Ausbildungszeit aufgrund guter Noten verkürzen (§ 8 Abs. 1 BBiG).

Das Manko hierbei: Stellt sich ihre Chefin quer, kann es zu Problemen bei der Verkürzung kommen, da sie nur auf gemeinsamen Antrag von Auszubildender und Betrieb hin erfolgt. In diesem Fall ist es ratsam, wenn sich Laura an ihre zuständige Gewerkschaft wendet. Die Dauer der Teilzeitausbildung kann mit der Neuregelung in § 7a BBiG auf maximal 50 Prozent der wöchentlichen oder täglichen Arbeitszeit reduziert werden. Möchte Laura ihre Ausbildungszeit auf 25 bis 30 Stunden reduzieren, muss sie die konkrete Stundenanzahl und die Aufteilung der Tage mit ihrer Chefin verhandeln.

Achtung: Weiterhin muss die Berufsschule bei Teilzeitauszubildenden regulär besucht werden. Eine Verkürzung ist nicht drin. Dies kann oft mit den Kinderbetreuungszeiten kollidieren. Fragt hier am besten noch einmal bei eurer Berufsschule nach, ob es individuelle Regelungen gibt.

Neuregelung zur Vergütung
Am 1. Januar 2020 wurde die Mindestausbildungsvergütung für alle neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge eingeführt. Mit dieser Gesetzesregelung geht auch einher, dass die Ausbildungsvergütung bei Teilzeitauszubildenden anteilig verkürzt wird (§ 17 BBiG). Dies sehen wir als Gewerkschaftsjugend sehr kritisch, da die Ausbildungsvergütung nicht als Arbeitsentgelt gesehen werden soll, sondern als Unterstützung, um das Ausbildungsziel zu erreichen.

Tipp: Wendet euch auf jeden Fall an eure Agentur für Arbeit, um nach finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten zu fragen.

Gesetzesregelung: § 7a BBiG-Teilzeitberufsausbildung
(1) Die Berufsausbildung kann in Teilzeit durchgeführt werden. Im Berufsausbildungsvertrag ist für die gesamte Ausbildungszeit oder für einen bestimmten Zeitraum der Berufsausbildung die Verkürzung der täglichen oder der wöchentlichen Ausbildungszeit zu vereinbaren. Die Kürzung der täglichen oder der wöchentlichen Ausbildungszeit darf nicht mehr als 50 Prozent betragen.

(2) Die Dauer der Teilzeitberufsausbildung verlängert sich entsprechend, höchstens jedoch bis zum Eineinhalbfachen der Dauer, die in der Ausbildungsordnung für die betreffende Berufsausbildung in Vollzeit festgelegt ist. Die Dauer der Teilzeitberufsausbildung ist auf ganze Monate abzurunden. § 8 Absatz 2 bleibt unberührt.

(3) Auf Verlangen der Auszubildenden verlängert sich die Ausbildungsdauer auch über die Höchstdauer nach Absatz 2 Satz 1 hinaus bis zur nächstmöglichen Abschlussprüfung.

(4) Der Antrag auf Eintragung des Berufsausbildungsvertrages nach § 36 Absatz 1 in das Verzeichnis der Berufsausbildungsverhältnisse für eine Teilzeitberufsausbildung kann mit einem Antrag auf Verkürzung der Ausbildungsdauer nach § 8 Absatz 1 verbunden werden.


Was ist alles neu im BBiG? Lest unsere Pocketbroschüre! Im Download auf jugend.dgb.de/-/abj

(aus der Soli aktuell 3/2020, Autorin: Soli aktuell)

Erste Seite  Vorherige Seite 
Seite: 1 2 3 4
Letzte Seite 

Mehr von der Azubi-Ratgeberin

Erste Seite  Vorherige Seite 
Seite: 1 2 3 4
Letzte Seite