Deutscher Gewerkschaftsbund

Mitbestimmung macht gleich

Flora Antoniazzi und Laura Rauschnick machen sich fit für drei wichtige Tage.

© K. Müller

Laura Rauschnick (r.), 33, leitet das DGB-Projekt "Was verdient die Frau? Wirtschaftliche Unabhängigkeit!" Flora Antoniazzi, 26, ist Politische Referentin in der DGB-Abteilung Frauen, Gleichstellungs- und Familienpolitik.

Der 8. März ist seit letztem Jahr Feiertag in Berlin, aber dieses Jahr fällt er gleich auf einen Sonntag. Equal Pay Day ist dieses Mal am 17. statt am 18. März, aber nur, weil Schaltjahr ist. Die Gleichstellung hat es schwer.
Flora:
Stimmt! Ich sage nicht, dass sich nichts tut, aber wir haben noch viel vor uns. Wir machen dieses Jahr auf einen weiteren Tag aufmerksam, den Equal Care Day am 29. Februar, weil wir mit dem Equal Pay Day zwar das Thema Bezahlung abdecken, aber dieses Jahr stärker betonen können, was da alles mit reinspielt. Mit dem Equal Care Day kämpfen wir einerseits für faire Bezahlung, die Aufwertung von Pflegeberufen und sozialen Dienstleistungen, und andererseits für die faire, partnerschaftliche Verteilung von Sorgearbeit.

Gleich zu Beginn des Jahres hast du ein Treffen des DGB-Zukunftsdialogs zum Thema Gleichstellung in Weimar organisiert.
Flora:
Da sind rund 120 ehren- und hauptamtliche Gewerkschafterinnen zusammengekommen. Wir wollten die Frauen im DGB zusammenbringen, gemeinsam unseren Forderungen Nachdruck verleihen und Strategien entwickeln, sie umzusetzen.

Der DGB-Zukunftsdialog fragt ja: Was wollt ihr – und wie kommen wir dahin?
Ich glaube, es war ganz gut, dass sich alle besser kennengelernt haben. Viele denken doch, sie seien allein auf weiter Flur. Wir müssen uns aber nur besser vernetzen.

Was können die DGB-Frauen Berufseinsteigerinnen bieten?
Laura:
Wir bringen ihr Thema auf die politische Agenda: die faire Bezahlung, auf Branchen und Berufe bezogen. Gerade wenn es um die Aufwertung von frauendominierten – sozialen – Berufen geht. Um das zu unterfüttern, bringen wir den "Comparable Worth Index" in die Diskussion ein, den eine Forscherinnengruppe erarbeitet hat: Er bringt eine völlig andere Bewertung von Berufen ins Spiel, bei der Arbeitsanforderungen und -belastungen geschlechtsneutral verglichen werden.

Ein Beispiel: Nach diesem Index müsste eine Pflegekraft so viel verdienen wie ein Elektroingenieur, weil beide die gleichen Anforderungen haben. Aber wenn man die Löhne miteinander vergleicht, geht's komplett auseinander. Das ist der Punkt, wo man was ändern muss. Und da müssen wir ansetzen.

Der DGB macht am 8. März auf gute Tarifpolitik aufmerksam: dgb.de/schwerpunkt/internationaler-frauentag-weltfrauentag

Dieses Jahr werden die Jugendvertretungen in den Betrieben gewählt. Seid ihr der Meinung, dass sich junge Frauen in der Mitbestimmung besonders engagieren sollten.
Laura:
Ja, sie sollten sich einmischen, sich Verbündete suchen. Frauen können gleichstellungspolitische Themen in den Gremien der Mitbestimmung auf die Agenda setzen. Und sie können dafür sorgen, dass andere junge Frauen sich auch engagieren, indem sie gegenseitige Netzwerke bilden. Viele Gremien sind männerdominiert. Frauen sollten sich nicht in Konkurrenz zueinander setzen, sondern sich gegenseitig in Ämter und Positionen bringen!

Auch die Gleichstellung in der Bildungspolitik ist unser Thema. Und das bedeutet: gute Ausbildung. Da arbeiten wir natürlich mit der DGB-Jugend zusammen, aber auch mit Initiativen außerhalb, wie dem "Boys' Day" und dem "Girls' Day" oder "Klischeefrei", wo wir uns um gleiche Chancen schon im Kindergarten und der Schule kümmern.

Wie seid ihr eigentlich beim DGB gelandet?
Flora:
Ich habe ein Praktikum beim DGB absolviert und bin vor allem inhaltlich über die Gleichstellungspolitik und -arbeit zum DGB gekommen. Mit den Themen Gute Arbeit und Gleichstellung kommst du zwangsläufig auf die Gewerkschaften.
Laura: Wenn du gegen die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt kämpfen willst, dann sind die Gewerkschaften die erste Adresse.

Wie sähe eine Welt aus, in denen die gewerkschaftlichen Vorstellungen zur Gleichstellung zu 100 Prozent realisiert sind?
Laura:
Schön! Es wäre egal, welchen Geschlechts man ist. Die ganzen Gaps wären geschlossen: Gender Pay Gap, Gender Pension Gap, Gender Care Gap, Gender Time Gap. Es würde eine partnerschaftliche Arbeitsteilung von Frauen und Männern geben, und das würde zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit aller führen.

Flora: Das Schöne an den ganzen Gaps ist: Wenn man eines schließt, wirkt sich das positiv auf die anderen Gaps aus. In der perfekten Welt hat ein Umdenken stattgefunden: Niemand sagt mehr: "Es ist Frauensache", bei den Kindern zu Hause zu bleiben.

Equal Care Day
Der Equal Care Day liegt alle vier Jahre auf dem 29. Februar. Care, also Sorge- und Pflegearbeit, wird zu 80 Prozent von Frauen übernommen, beruflich wie privat. Männer brauchen demnach viermal so lange, um denselben Umfang an Fürsorge- und Care-Arbeit beizutragen.
equalcareday.de

Internationaler Frauentag 2020
Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Der DGB nutzt den Termin, um auf die besondere Bedeutung der Tarifbindung für Frauen aufmerksam machen. Denn dort, wo es Tarifverträge gibt, ist die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen erheblich geringer. Wo Tarifverträge gelten, liegt der Stundenlohn um fast ein Viertel über dem von Frauen in nichttarifgebundenen Betrieben. Tarifgebundene Betriebe verfügen zudem häufiger über Betriebsräte, die sich für eine diskriminierungsfreie Einkommensstruktur einsetzen.
dgb.de/schwerpunkt/internationaler-frauentag-weltfrauentag

Equal Pay Day 2020
21 Prozent beträgt die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern. Nach wie vor belegt Deutschland mit diesem Ergebnis eine der hinteren Positionen im europäischen Vergleich. Die Lohnlücke hat sich in den letzten Jahren kaum geändert. Der Termin für den Equal Pay Day ist der Stichtag: Am 17. März 2020 sind 21 Prozent des Jahres vorüber. Nehmt an einer der vielen Aktionen in ganz Deutschland teil, unterstützt die Kampagne in den sozialen Medien (#epd2020, #aufaugenhöhe, #wirsindbereit).
equalpayday.de

(aus der Soli aktuell 3/2020, Autorin: Soli aktuell)

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