Deutscher Gewerkschaftsbund

Solidarität kennt keine Grenzen

Die Mare Liberum ist ein Schiff für Menschenrechtsbeobachtungen in der Ägäis. Ihre Missionen sollen die Aufmerksamkeit auf gefährliche Fluchtrouten lenken. Mechaniker Raimund Meß ist mitgefahren.

© Daniel Kubirski

"Zu den Wartungsarbeiten kamen die Missionsaufgaben: die Überwachung des Einsatzgebietes"... Raimund Meß fährt zur See.

Raimund, was hat dich auf die Mare Liberum geführt?
Besonders im Sommer letztes Jahr war das Thema Seenotrettung mit der Inhaftierung von Kapitänin Carola Rackete wieder stärker in den öffentlichen Fokus gerückt. Deshalb beschloss ich, meine Zeit zwischen Masterstudium und Berufseinstieg einem der Projekte im Mittelmeer zu widmen. Neben den großen und bekannten Organisationen wie Seawatch gibt es auch noch zahlreiche kleinere Organisationen, die wichtige Arbeit im Mittelmeer leisten. So bin ich auf meiner Suche auf das Mare-Liberum-Projekt gestoßen. Ich bot meine Hilfe an und wurde letztlich angeheuert.

Wie lange warst du auf dem Schiff?
Von Mitte September bis Mitte Oktober, etwa vier Wochen. Während meiner Zeit waren mit mir ein Spanier, ein Portugiese, eine Französin, eine Amerikanerin und eine Schweizerin sowie ein deutscher Kapitän unterwegs. Letztlich ein sehr transnationales Aktivistenumfeld.

Was hast du dort genau gemacht?
Meine Kernaufgabe bestand darin, das Schiff als Mechaniker einsatzbereit zu halten. Neben ganz normalen Wartungsarbeiten an Schiffssteuerung und Motor habe ich das Beiboot repariert und eine Solaranlage installiert. Hinzu kamen die Missionsaufgaben: die Überwachung des Einsatzgebietes. Dabei waren wir in Zweier-Gruppen für drei Stunden über den ganzen Tag eingeteilt, haben Ausschau nach Booten gehalten und alle Ereignisse dokumentiert. Einige Zeit verbrachte ich auch an Land. Wir unterstützten lokale NGOs auf der Insel Lesbos. Dort befanden sich etwa 16.000 Geflüchtete.

Wie sah eure tägliche Arbeit aus?
Jeden Morgen fand eine Besprechung der achtköpfigen Crew statt, über den anstehenden Tag und die Vorkommnisse der zurückliegenden Nacht. Hinzu kam eine wöchentliche Telefonkonferenz mit dem "Back Office", also den anderen Mitstreitenden der Organisation, die nicht mit auf dem Schiff sein konnten. Die üblichen Aufgaben waren, Instandhaltungsarbeiten, Kochen, Einkaufen, Manöverübungen und Wachdienste.

Du hast auch das griechische Camp Moria besucht…
Eine der traurigsten und schmerzhaftesten Erfahrungen, die ich bisher sammeln musste. Das Camp selbst ist für 3.000 Menschen ausgelegt, die Marke von 13.000 aber wurde regelmäßig überschritten. Nicht nur die maßlose Überfüllung ist problematisch, dort leben überwiegend Frauen und Kinder auf unbestimmte Zeit zu unmenschlichen Bedingungen. Man hat den Eindruck, dass die europäische Außenpolitik völlig versagt hat.

Am 30. September 2019 kam es im Lager zu einem Brand, bei dem eine Mutter und ihr Kind starben. Es kam zu Protesten aufgrund der schlechten Lagerzustände, die Polizei setzte Tränengas ein. Wir waren vor Ort, um das Verhalten der Polizei zu dokumentieren und logistische Hilfe für die zu dem Zeitpunkt dort aktiven NGOs zu leisten. Viele der Menschen, die wir im Rahmen unserer Recherchearbeit im Camp kennenlernten, beschrieben den Ort als Hölle auf Erden. Manche wünschten sich, sie hätten ihre Heimat, in der Bomben fallen, niemals verlassen. All das passiert nicht irgendwo in einem Schwellenland, sondern in Europa.

© Marie Klenner

Im Frühjahr sticht die Mare Liberum zu einer neuen Mission wieder in See. Infos und Spendenadresse findet ihr auf mare-liberum.org.

Wie bewertest du deine Erlebnisse?
Das Engagement im internationalen Umfeld oder auf einem Schiff ist um einiges intensiver als das bisherige in antifaschistischen oder gewerkschaftlichen Kontexten. Hier stand jede freie Minute quasi dem Ehrenamt zur Verfügung, was insgesamt durchaus eine hohe Belastung darstellte – man ist vor Ort mit vielen Missständen und Unglücken konfrontiert.

Die Bedingungen für Bootsüberfahrten von der Türkei zu den griechischen Inseln sind auch heute alles andere als sicher. Im Jahr 2018 starben 174 Kinder, Frauen und Männer im östlichen Mittelmeer auf dem Weg nach Europa.

Auf den Überfahrten kommt es laut den Aussagen vieler Geflüchteter häufig zu Gewalttaten und Menschenrechtsverletzungen seitens offizieller Behörden. Dieser Missstand war mir in diesem Ausmaß bisher nicht bekannt. Die Mission hat es sich zum Auftrag gemacht, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, die Menschenrechte zu stärken und sich international zu solidarisieren. Für mich als Gewerkschafter ist Solidarität etwas, das auch mit Leben und Kraft gefüllt werden kann. Mein Schluss ist also: Solidarität darf nicht an Grenzen enden.

Was wäre dringend nötig?
Ein Anfang wäre es schon, wenn NGOs überhaupt ihre Arbeit ausüben dürften. Der Mare Liberum wurde in zurückliegenden Jahren die Ausfahrt von den Behörden für längere Zeit verweigert. Auch andere NGOs auf Lesbos werden immer wieder von den örtlichen Behörden an ihrer wichtigen humanitären Arbeit gehindert.

Wie beeinflusst deine Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft dein Engagement?
Solidarität ist für mich ein Grundprinzip des gemeinsamen Miteinanders. Die Menschen, die es in Kauf nehmen, mit ihren Kindern eine Überfahrt auf einem klapprigen Boot zu wagen, tun dies, weil sie ihre Heimat ungewollt verlassen müssen. All diese Menschen sind aber auch irgendwo Arbeiterinnen und Arbeiter, also Kolleginnen und Kollegen. Deshalb gehört es für mich zur internationalen Solidarität, sich für sie hier wie auch im Ausland einzusetzen.

Was treibt dich an, dich zu engagieren?
Je mehr ich mich mit den Problemen dieser Welt beschäftigt habe, umso stärker wurde mir die Ungleichheit, Gewalt und Unmenschlichkeit bewusst. Ich verspürte eine Art Weltschmerz. Der gab mir aber dann auch Kraft, mit anderen über Utopien von einer anderen Welt nachzudenken, in der es so viel Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Gewalt nicht mehr gibt. Dafür brenne ich, dafür setze ich mich ein – als Gewerkschaftssekretär und in meiner Rolle als Mensch in dieser Gesellschaft.


Raimund Meß, 29, ist derzeit Trainee bei der IG Metall. Nach einer Ausbildung zum Gießereimechaniker studierte er Luft- und Raumfahrttechnik.

(aus der Soli aktuell 2/2020, Autorin: Soli aktuell)