Deutscher Gewerkschaftsbund

Die Aufgabe, nicht zu vergessen

Gedenkkultur: Am 27. Januar jährt sich die Befreiung des KZ Auschwitz zum 75. Mal. Kai, Kathi, Nico und Moritz nahmen an der Schulung für Multiplikator_innen der DGB-Jugend teil. Dabei besuchten sie auch die Gedenkstätte in Oświęcim (Auschwitz).

© DGB-Jugend

Erinnern heißt Kämpfen, dass Auschwitz nie wieder sei. Die DGB-Jugend in Oświęcim (Auschwitz).

Dunkelheit liegt über dem Land

Dunkelheit liegt über dem Land, eine Kapelle spielt, Menschen werden verbrannt. Geschrei, Trauer und Angst regieren hier, obwohl sie einst gern lebten hier.

Noch ein Ruf, noch ein Schlag, das Arbeitskommando schreitet zur Tat. Götter schreien von oben her, baut unsere Fabrik, das ist doch nicht so schwer. Der Junge bricht zusammen, ist erst 18 Jahr, wen interessiert das, dem Offizier ist das egal.

Er hat seine Tochter heute Abend wieder im Arm.

Dunkelheit liegt über dem Land, eine Kapelle spielt, Menschen werden verbrannt.

Der Junge mit 18 Jahr beim Appell fehlt, man weiß, was mit ihm geschah.

Kalter Wind fliegt durch die Barracken, keine Liebe, keine Wärme in diesen Tagen. Der Lagerkommandant schreit, die Alliierten sind bereit. Der Widerstand weiß, sie werden befreit. Der Todesmarsch beginnt, die Häftlingszahl sinkt.

Raketen werden gebaut, Stollen werden geschlagen, doch es hat keinen Sinn, ihr seid schon längst geschlagen.

Die Sonne scheint wieder über dem Land. Sie wurden befreit - Doch der Schatten für immer bleibt. Familien zerrissen, Kinder und Lücken. Wie eine Blume verwelkt, die Geschichte zerfällt. Doch wir müssen gedenken, durch Solidarität und Erinnern die Gesellschaft lenken.

Darauf, dass Auschwitz nie wieder sei.

(In Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. An Familien, Mütter, Väter und Kinder.)

Nico Ketzer

Solidarität ist kein Fremdwort
Von Nico Ketzer

Ich wollte mit nach Oświęcim (Auschwitz) fahren, weil ich finde, dass es gerade heute immer wichtiger wird, sich an unsere Geschichte zu erinnern. In einer Zeit, wo es wieder zum Alltag gehört, dass ganz offen gegen Minderheiten gehetzt wird, Parteien wie die AfD Spitzenwerte bei den Wahlen erzielen und Solidarität bei Vielen nur noch ein Fremdwort ist.

Den Gipfel von Hass, Gewalt und verdrehten Weltanschauungen gab es schon einmal, heute nennen wir ihn Holocaust. Und nur, wenn wir uns an die Geschichte erinnern und den Opfern ein Gesicht geben, können wir aus dem Vergangenen lernen. Ich möchte auch anderen jungen Menschen die Möglichkeit geben, Gedenkstätten zu besichtigen und daraus zu lernen. Deshalb war ich sehr froh darüber, dass der DGB mir die Möglichkeit gab, an einer Multiplikator_innen-Qualifizierung teilzunehmen.

In der Gedenkstätte hatte ich gemischte Gefühle: Einerseits ein bedrücktes Gefühl, da man ja weiß und auch sieht, was dort einmal war. Durch die vielen Eindrücke – Fotografien in den Ausstellungen oder den Ort an sich – war ich erst einmal auf emotionaler Ebene angeschlagen. Aber ich war auch froh darüber, die Möglichkeit zu haben, diesen Ort zu sehen und neues Wissen zu sammeln.

Was mir am deutlichsten im Kopf bleiben wird, sind die Ausmaße von Auschwitz und die Planung der Lager. Dass Auschwitz nicht nur ein Vernichtungslager war, sondern eine Stadt.

Ich finde, innerhalb der Gewerkschaftsjugend muss Gedenken und Erinnern einen hohen Stellenwert haben. Wir als junge Gewerkschafter_innen sind die Zukunft in Betrieben und der Gesellschaft. Wir müssen uns zusammen dafür einsetzen, dass sich so etwas nie wiederholt. Wir müssen aufklären und bilden. Wir müssen aufstehen gegen Hass, Hetze und rechte Gewalt. Wenn wir als Jugendorganisation das nicht machen – wer dann?

Auf meine Arbeit innerhalb der Gewerkschaft wird die Fahrt auf jeden Fall Auswirkungen haben. Ich werde mich mit einem noch stärkeren Willen aktiv gegen Rassismus und für eine offene und bunte Gesellschaft einsetzen und natürlich auch meine dazugewonnenen Eindrücke und Informationen in Gesprächen einfließen lassen. Sei es auf Seminaren, auf der Straße oder auch Zuhause.

Da wir nach dem Besuch in Auschwitz-Monowitz zusammen in der Gruppe den Opfern des Nationalsozialismus gedenken wollten, habe ich mich dazu entschieden, etwas zu schreiben, um es vorzulesen. Durch das Gedicht habe ich die Eindrücke der vorherigen Tage besser verarbeiten können. Meiner Meinung nach ist ein gemeinsames Gedenken bei solchen Fahrten wichtig, da es uns als Gruppe hilft, das Gesehene zu verarbeiten.

Nico Ketzer ist Konstruktionsmechaniker und arbeitet als Schweißer in Zweibrücken. Er ist in der IG Metall Jugend und als ehrenamtlicher Teamer aktiv.


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Verantwortung für die Vergangenheit
Von Katharina Fuhrmann

Die Taten der Nationalsozialisten habe ich während meiner Schulzeit nur in Ansätzen verstanden. Durch die Gedenkstättenfahrt habe ich mich intensiv mit den Geschehnissen auseinandergesetzt. Bereits vor dem Besuch in Auschwitz war für mich klar: Wir dürfen nicht vergessen, was in der Vergangenheit geschehen ist, und müssen aus den Fehlern lernen.

Die Besuche der ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Stammlager, und Monowitz haben mich in die Vergangenheit versetzt. Mir wurde bewusst, dass auf dem Boden, auf dem ich stehe, Millionen Menschen ermordet wurden. Sie wurden dorthin gebracht aus einem einzigen Grund: um vernichtet zu werden. Das kann man sich kaum vorstellen.

Aber genau das ist der Punkt: Wir müssen uns mit der Vergangenheit beschäftigen. Wir müssen den Opfern ein Gesicht und eine Stimme geben und ihrer gedenken. Wir müssen die Verantwortung für die Vergangenheit tragen. Wenn wir das nicht tun, dann können sich die Verbrechen jederzeit wiederholen und das will ich nicht!


Katharina ist Sozialversicherungsfachangestellte, als JAV-Vorsitzende freigestellt und in der ver.di Jugend aktiv.


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Die Ideologie ist noch lebendig
Von Moritz Tremmel

"Auschwitz" war für mich ein Begriff, den ich vor der Schulung zwar oberflächlich verstanden hatte, aber nie richtig durchdringen konnte. Jetzt weiß ich, es geht um viel mehr als um eine Zahl ermordeter Menschen. Es zeigt sich hier die ganze menschenverachtende Ideologie der Nazis. Sie brachte Menschen dazu, andere Menschen grausam zu töten, und das in einem unvorstellbaren Ausmaß. Vor allem Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma und politisch Andersdenkende wurden in dem Lagerkomplex Auschwitz vernichtet. Von der Generation meiner Urgroßeltern.

Warum ist mir das Erinnern und Gedenken an den Holocaust wichtig? Die Ideologie der Nazis ist weder tot noch in Vergessenheit geraten. Sie lebt weiter in den Köpfen der politischen Rechten, die sich gerade wieder lautstark auf die Straße trauen. Wir sind es den Millionen von Opfern schuldig, nie zu vergessen, wer sie waren und von wem sie ermordet wurden. Aber wir sind es auch den heute lebenden Menschen schuldig. Wir müssen die einzig sinnvolle Lehre ziehen, nämlich jede faschistische Bewegung konsequent zu bekämpfen. Erinnern heißt Kämpfen, dass Auschwitz nie wieder sei.

Mitgefahren bin ich, weil ich gewerkschaftlicher Antifaschist bin. Ich bin auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene in der Jugend tätig und vielfältig gegen rechtes Gedankengut aktiv. Durch die Schulung in Auschwitz wollte ich zum einen mich selbst bilden und zum anderen mich dazu befähigen, selbst Gedenkfahrten durchführen zu können.

Man kann die Verbrechen der Nazis nie zu jeder Zeit präsent im Kopf haben. Dafür sind sie viel zu grausam. Aber ein regelmäßiges ins Bewusstsein Rufen ist trotzdem wichtig. Um heutige faschistische Strömungen und Ansätze besser erkennen und bekämpfen zu können.


Moritz Tremmel studiert Biologie und ist bei der ver.di Jugend aktiv.

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Das darf nie wieder passieren
Von Kai Reinartz

An einem Tag haben wir das Lager Auschwitz-II-Birkenau besucht. Wer diesen Ort einmal gesehen hat, kann sich die Ausmaße der Verbrechen der Nationalsozialisten wirklich vorstellen. Niemand, aber wirklich niemand kann an diesem Ort leugnen, dass es den Holocaust gegeben hat.

Wenn man sieht, wozu Menschen fähig sind, dann erkennt man, dass so etwas immer wieder passieren kann. Mir ist bewusst geworden, dass selbst als der Krieg schon verloren war, der Massenmord der Nazis weiterging. Diese Verbrecher haben die Vernichtung nicht gestoppt. Der Satz "Auschwitz darf nie wieder sein" hat für mich eine neue Bedeutung gewonnen. Alles, was damals war und passiert ist, darf nie wieder passieren! Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, dass diese Verbrechen nicht vergessen werden.


Kai Reinartz ist Sozialversicherungsfachangestellter und Vorsitzender der ver.di Jugend.

Erinnern und Gedenken
Am 27. Januar 1945 erreichte die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz und befreite rund 7.000 Überlebende. Zuvor waren die marschfähigen Häftlinge von SS-Wachen in Richtung Westen abgeführt worden und befanden sich bereits auf einem grausamen Todesmarsch, bei dem viele ihr Leben verloren.

Auschwitz steht symbolisch für den Massenmord an den europäischen Juden – und für das Leid von Millionen anderen Menschen, die vom Nazi-Regime verfolgt und umgebracht wurden. Insgesamt ermordeten die Nationalsozialisten dort und im angrenzenden Birkenau zwischen 1940 und 1945 etwa 1,1 Millionen Menschen. Der 27. Januar ist weltweiter Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Bisher hielten vor allem Zeitzeug_innen die Erinnerung wach. Doch sie werden immer älter oder sind schon verstorben. Die Gewerkschaftsjugend hat sich das Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus zur Aufgabe gemacht.

Auch im Programm der Multiplikator_innenschulung der DGB-Jugend Ende letzten Jahres, die die Teilnehmer_innen befähigen soll, selbst Gedenkveranstaltungen zu organisieren, war dies der Schwerpunkt. Die Teilnehmer_innen setzten sich mit dem jüdischen Leben in Oświęcim auseinander, besuchten die Gedenkstätte des KZ Auschwitz-Birkenau, beschäftigten sich mit den Zwangsarbeitsstätten der Buna-Werke und der I.G. Farben. Darüber hinaus konnten sie sich mit der Geschichte des besetzten Polens vertraut machen.

In den letzten Jahren sehen sich Gewerkschafter_innen immer wieder auch im Betrieb immer deutlicher rechten Tendenzen gegenüber. Unser Gegenmittel ist das Wissen darüber, dass Solidarität unteilbar ist. Dafür kämpfen wir im Betrieb, in der Schule und in den Dienststellen.


(aus der Soli aktuell 2/2020)