Deutscher Gewerkschaftsbund

"Man bekommt mehr Ahnung": Ein Prüfer erzählt

Denis Freitag unterrichtet in seiner Behörde und nimmt Prüfungen ab. Wir sprachen mit ihm über Chancen und Schwierigkeiten des Prüferamts.

© Simone M. Neumann

Ein wichtiges Amt: Prüfen will gelernt sein – und bringt sehr viel!

Denis, wie sieht deine Tätigkeit als Prüfer aus?
Ich erstelle die Unterlagen für die Abschlussprüfung der Auszubildenden. Als Prüfer nehme ich die Abschlussprüfung selbst und auch die mündlichen Prüfungen ab.

Wie viel Zeit beansprucht das?
Das kann ich nicht auf die Stunde genau angeben. Das hängt davon ab, wie viele Auszubildende an den Prüfungen teilnehmen. Ich habe eine gewisse Anzahl an Klausuren, die ich korrigieren muss. Es hängt auch davon ab, wie die Klausur geschrieben wurde: Wenn jemand relativ wenig schreibt, bin ich zügig durch mit der Kontrolle. Eine Klausur zu korrigieren, kann schon mal 40 bis 65 Minuten dauern. Dieses Jahr hatte ich 28 Klausuren als Erstprüfer. Dann bekomme ich noch mal die Hälfte als Zweitprüfer, also 14. Da kommt einiges an Zeit zusammen!

Das neue Berufsbildungsgesetz (BBiG) ist am 1. Januar 2020 in Kraft getreten. U. a. sieht es eine Freistellung für euch Prüfer_innen vor.
Wenn man für die Klausuren freigestellt wird, käme mir das entgegen.

Seid ihr nicht freigestellt?
Die Prüfertätigkeit mache ich neben meiner regulären Arbeit. Ich arbeite als ganz normal Beschäftigter an meinem Platz mit meinen Aufgaben. Komplett freigestellt für die Funktion als Prüfer wird man nicht.

Das Gesetz sieht das so vor.
Eine Freistellung ist bis dato nicht vorgesehen.

Habt ihr euch bei eurem Arbeitgeber deswegen noch nie beschwert?
Seitdem ich das jetzt mache – also seit drei, vier Jahren –, jedenfalls nicht. So wie es bisher gelaufen ist, ist es schon immer gelaufen.

Warum bist du Prüfer geworden?
Ich war bereits als Dozent tätig. In meinem Unterrichtsthema korrigiere ich auch die Klausuren. Wichtig ist, dass ich mit anderen Fachleuten – aus anderen Fachbereichen – im Austausch stehe. Das finde ich sehr interessant. So bekommt man Rechtsänderungen und Verfahrensweisen mit, die man aus seinem Bereich so nicht mitbekommt.

Wieso sollte man Prüfer_in werden?
Für mich ist der Umgang mit den Auszubildenden interessant. Viele Auszubildende sind nervös vor den Prüfungen, da ist es wichtig, sie ein wenig zu beruhigen. Und ich halte mich rechtlich auf dem Laufenden. Durch den Austausch mit Kolleg_innen aus angrenzenden Bereichen bekomme ich viele Neuerungen mit. Du hast schlichtweg mehr Ahnung.

Ich habe die Ausbildung fertig, ich werde Prüfer_in – geht das?
Bei mir war das so: Ich habe 2008 die Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten bei der Deutschen Rentenversicherung im Rheinland angefangen. Drei Jahre war ich Bearbeiter im Ausbildungsbereich Reha. Drei Jahre blieb ich dort als Bearbeiter und Ko-Ausbilder, d. h. ich war schon mit im Ausbildungsprozess und an Beurteilungen beteiligt. 2014 habe ich dann im Haus die Fortbildung zum Sachbearbeiter angefangen, das dauerte zwei Jahre. Seit 2016 bin ich auf dem Platz geblieben, nur in anderer Funktion. Kurz danach habe ich dann den Ausbilderschein gemacht, habe die Berufseignung erworben, dass ich auch Ausbilder ausbilden darf. 2017 war mein erstes Jahr als Prüfer, sowohl im Aufgaben- wie auch im Prüfungsausschuss.

Wie läuft das: Kommt da der Betrieb an und sagt: Warum wirst du nicht Prüfer?
Mein Vorgesetzter hatte das Amt niedergelegt. Die mussten einen Nachfolger suchen. Man ist an mich herangetreten, ob ich mir die Tätigkeit als Prüfer vorstellen könnte. Ich wusste nicht recht, was da auf mich zukommt. Ich habe mich dann darauf eingelassen, bin also mutig an die Sache rangegangen.

Wann ist der früheste Zeitpunkt, zu dem man Prüfer_in werden kann?
Du fängst mit ungefähr 16 Jahren eine Ausbildung an, nach drei Jahren Ausbildung und Abschlussnote 1 folgt die Fortbildung zum Sachbearbeiter. Du musst unterrichten – dafür sind Schulungen vorgesehen: Wie organisiert und strukturiert man den Unterricht? Alles in allem geht das so in einem Jahr. Also rund sechs bis sieben Jahre nach dem Ausbildungsstart kann man die Tätigkeit als Prüfer innehaben.

Da wundert es einen ja nicht, wenn es Mangel an Prüfer_innen gibt.
Ja! Aber das liegt nicht nur am Nachwuchsmangel. Sondern auch daran, dass sich die Leute, die das Amt ausüben könnten, die Tätigkeit als Prüfer_in nicht vorstellen können. Das ist ein installierter Apparat, der besetzt sein muss. Ich persönlich finde aber, das sollte jemand mit Überzeugung machen. Es hilft weder dem Auszubildenden noch dem Ausschuss, wenn das jemand gezwungenermaßen macht.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den Gewerkschaften und Prüfungsamt?
Du musst einer Gewerkschaft angehören, um diese Tätigkeit auszuüben. Dass mit der Gewerkschaft der Gedanke des Rechtsschutzes am Arbeitsplatz verbunden ist und dass sie eine Organisation ist, die sich für einen einsetzt, das finde ich gut.


Denis Freitag, 33, arbeitet und prüft im Beruf des Sozialversicherungsfachangestellten in der Abteilung Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung Rheinland in Düsseldorf.

(aus der Soli aktuell 12/2020, Autorin: Soli aktuell)

Die BBiG-Novelle
Das novellierte BBiG, das am 1. Januar 2020 in Kraft getreten ist, ist maßgeblich ein Erfolg der Gewerkschaftsjugend. Das neue Gesetz stärkt die berufliche Bildung und Ausbildung in Deutschland.
Das Ziel der Gewerkschaftsjugend war es, mit der BBiG-Novelle die Ausbildungsbedingungen für Auszubildende und dual Studierende tatsächlich zu verbessern. Durch unseren Einsatz über Jahre konnten wir erreichen, dass unsere Themen gesellschaftlich debattiert wurden. Unsere vielen unterschiedlichen Aktionen und Veranstaltungen haben dazu beigetragen, dass wir wichtige Verbesserungen ins Gesetz bekommen haben und sich auf den letzten Metern noch mal richtig viel bewegt hat.

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