Deutscher Gewerkschaftsbund

Dr. Azubi und die eigene Wohnung

Auszubildende wollen zu Hause ausziehen. Bei geringer Vergütung, hohen Mietkosten und wenig finanzieller Unterstützung gar nicht so leicht. Doch es gibt einige Hilfen.

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog

Einkommen
Der Ausbildungsreport der DGB-Jugend beschäftigt sich dieses Jahr mit Mobilität und Wohnen. Was die finanzielle Situation angeht: die Ergebnisse deuten da immer noch auf eine wenig befriedigende Situation hin (siehe Seite 4). Wenn dann noch die Akzeptanz der Arbeitgeber fehlt, wird es für Auszubildende noch schwieriger, ihren Lebensunterhalt zu sichern.

So wie bei Andreas. Er wendet sich hilfesuchend an das "Dr. Azubi"-Forum: "Ich arbeite in einem Betrieb und verdiene definitiv zu wenig. Es sind 550 Euro im ersten und 50 Euro mehr für jedes weitere Jahr. Der Betrieb ist nicht tarifvertragsgebunden, diese Zahlen liegen weit unter dem, was als angemessen gewertet wird. Als ich das Anfang letzten Jahres erfahren habe, habe ich meinen Chef mal darauf angesprochen, ob das denn richtig ist. Die Reaktion war ziemlich negativ, und da ich mir den Rest der Ausbildung nicht zu Hölle machen wollte (kleiner Betrieb, kann da zu leicht passieren), war der Plan, das fehlende Geld erst gegen Ende einzufordern…"

"Dr. Azubi" rät: Seit 1. Januar 2020 gilt für alle neu abgeschlossene Ausbildungsverträge die Mindestausbildungsvergütung. Daran muss sich sein Betrieb halten. Grundsätzlich kann Andreas seine Vergütung auch nach der Ausbildung einfordern. Es kann aber auch gut sein, dass es Ausschlussfristen gibt und er nicht so lange Zeit hat, sein Geld einzufordern. Und für einen sicheren Lebensunterhalt ist es ratsam, wenn er sich direkt an die Gewerkschaft wendet und sein Geld einfordert. Schließlich steht es ihm jetzt schon zu!

Fahrtkosten
Gerade in der Ausbildung ist der Geldbeutel oftmals leer und Auszubildende sind darauf angewiesen, den Betrieb und die Berufsschule mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut und kostengünstig zu erreichen. Die Ergebnisse des Ausbildungsreports machen deutlich: Mit öffentlichen Verkehrsmitteln können 35 Prozent der befragten Auszubildenden ihren Betrieb nur schlecht und fast 20 Prozent kaum die Berufsschule erreichen.

Anna-Lena schreibt an "Dr. Azubi": "Ich bin im 1. Ausbildungsjahr zur Bäckerin. In der Zeit bin ich mit meiner Familie etwas weiter weggezogen, da wir woanders keine Wohnung bekommen haben. Ich muss jetzt 60 Kilometer einfache Strecke bestreiten. Im Grunde gehe ich nur für Sprit und Unterhaltskosten arbeiten. Allmählich fressen mich diese Kosten auf und ich überlege, die Ausbildung abzubrechen…"

Dr. Azubi rät: Die Fahrtkosten zu deinem Betrieb musst du aus eigener Tasche bestreiten. Etwas anderes gilt, wenn du an Ausbildungsorten eingesetzt wirst, die nicht in deinem Ausbildungsvertrag festgehalten sind.

Ein Beispiel: Du wirst in eine andere Filiale versetzt oder musst auf eine Baustelle, die weit vom Ausbildungsbetrieb entfernt ist. Den Mehraufwand der Fahrtkosten muss dein Betrieb tragen, ebenso die für Schulungen und Lehrgänge. Fahrtkosten in die Berufsschule werden in einigen Bundesländern über das zuständige Landratsamt erstattet, wenn sie eine bestimmte Grenze übersteigen. Frage bei deiner Berufsschule nach.

Hinweis: Die Gewerkschaftsjugend fordert ein kostengünstiges Azubi-Ticket und einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Die eigene Wohnung
Die meisten Auszubildenden wohnen noch bei ihren Eltern (72 Prozent). Mehr als zwei Drittel sind mit dieser Situation nicht zufrieden und möchten gerne in den eigenen vier Wänden leben. Der Wunsch vieler Auszubildender, auf eigenen Beinen zu stehen, ist angesichts der Tatsache, dass Auszubildende beim Eintritt in die Berufsausbildung im Durchschnitt 20 Jahre alt sind, nachvollziehbar.

Das lässt sich aber aufgrund niedriger Ausbildungsvergütungen und hoher Mieten nicht realisieren.

Auch die Anfragen im "Dr. Azubi"-Forum zeigen dies. Marlene schreibt: "Ab September beginne ich eine Ausbildung zur Kauffrau im Groß- und Außenhandel. Da ich bereits 23 bin und langsam auf eigenen Beinen stehen will, würde ich gerne von daheim ausziehen. Da ich aber in einer Stadt lebe, wo das Wohnen überteuert ist, wollte ich fragen, ob ich irgendeine Hilfe beantragen kann."

"Dr. Azubi" rät: Unter bestimmten Umständen kannst du eine finanzielle Förderung des Staates in Form der Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) beantragen. Die Agentur für Arbeit gewährt diese Beihilfe, wenn du während deiner dualen Erstausbildung nicht mehr in deinem Elternhaus wohnst, deinen Lebensunterhalt aber nicht selber finanzieren kannst. Deine Eltern erhalten Kindergeld bis zur Vollendung deines 25. Lebensjahres, wenn du in der Ausbildung bist. Wenn du ausziehst, steht dir das Kindergeld zu.

Wohngeld gibt es während der dualen Ausbildung sehr selten. Nur in dem Ausnahmefall, wenn dein BAB-Antrag dir "dem Grunde nach" abgelehnt wird, weil du deine Zweitausbildung machst, kannst du Wohngeld beantragen. Wenn du mit mehreren Familienmitgliedern in einem Haushalt wohnst, kann es sein, dass ihr als Haushalt Anspruch auf Wohngeld habt.

Hinweis: Den Antrag gibt es bei der Wohngeldstelle deiner Gemeinde.

Wenn es nichts gibt
Wenn du keine finanzielle Unterstützung bekommst oder sie nicht ausreicht, kannst du auch einen Nebenjob annehmen. Am günstigsten ist für dich ein 450-Euro-Job, da hier keine Steuern und Sozialabgaben anfallen. Du musst deinen Ausbildungsbetrieb über deinen Nebenjob informieren.

Nur wenn du für ein Konkurrenzunternehmen arbeitest oder der Nebenjob sich negativ auf deine Ausbildungsleistung auswirkt, darf dein Betrieb ihn dir verweigern. Dabei werden deine Ausbildungszeit und die Zeiten deines Nebenjobs addiert. In Summe musst du die Bestimmungen des Arbeitszeit- oder Jugendarbeitsschutzgesetzes einhalten.

Fazit
Die Gewerkschaftsjugend fordert mehr bezahlbaren Wohnraum und die flächendeckende Einrichtung von öffentlich geförderten Azubi-Apartments. Als Auszubildende_r hast du Anspruch auf einige Vergünstigungen, die dir helfen können, mit knappen Mitteln über die Runden zu kommen: Ermäßigte Eintritte bei Kinos, Museen, ein kostenloses Girokonto oder ein vergünstigtes Ticket für den Nah- und Fernverkehr für Auszubildende sind einige Beispiele. An den Wohnkosten kannst du sparen, indem du in eine Wohngemeinschaft oder ein Azubi-Wohnheim ziehst. Ein guter Haushaltsplan hilft dir, den Überblick zu behalten.

Letztlich brauchen wir aber eine faire Vergütung für alle, von der man leben kann. Die Gewerkschaftsjugend kämpft für bessere Tarifverträge und mehr Geld in den Taschen!


(aus der Soli aktuell 11/2020, Autorin: Julia Kanzog)

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