Deutscher Gewerkschaftsbund

Die Tarifrebellion

Diesen Herbst standen Tarifverhandlungen mit den öffentlichen Arbeitgebern an, aber auch bei Telekom, Post und Sozialversicherungen. Trotz der Corona-Beschränkungen waren die Aktionen bunt und laut, sagt Kai Reinartz.

Kai Reinartz

© Privat

"Haben versucht, gemeinsam Themen zu setzen": Kai Reinartz ist ehrenamtlicher Vorsitzender der ver.di Jugend.

Kai, in eurem Arbeitskampf habt ihr euch "Tarifrebell*innen" genannt. Was war so rebellisch?
Mit unserer diesjährigen Tarifkampagne wollten wir den Arbeitgebern einheizen. In den letzten Jahren gab sich die Jugend wild und bunt – mit Aktionen, die die "Erwachsenen" in unserer Gewerkschaft eben nicht machen, z. B. unsere Tape-Art-Aktionen.

War es mit Corona anders als sonst bei Tarifverhandlungen?
Aktionen mit 15.000 Leuten auf dem Platz haben wir nicht veranstaltet. Wir sind mehr auf die betriebliche Ebene gegangen, natürlich mit entsprechender Schutzausrüstung und Abstand. Gesundheit geht vor! Aber wir haben das Beste aus der Situation gemacht.

Das waren ja ganz verschiedene Arbeitgeber. Was war das Gemeinsame bei den Tarifkämpfen?
Wir haben versucht, gemeinsam qualitative Themen zu setzen. Zum Beispiel ein Zuschuss zu einem ÖPNV-Ticket, die geregelte Übernahme oder eine gemeinsame Forderung für eine entsprechende Vergütung.

Wie seid ihr auf eure jungen Mitglieder zugegangen?
In Veranstaltungen ebenso wie über unsere Online-Tools, etwa unserem Telegram-Newsletter. Auf Facebook waren wir ganz oft live und berichteten direkt aus Potsdam von den Verhandlungen. Das ersetzt aber nicht das 1:1-Gespräch im Betrieb.

Wie warnstreikt es sich im Homeoffice?
Man ruft die Kolleg_innen an und informiert sie über den Stand der Verhandlungen!

Welche Rolle habt ihr Ehrenamtlichen gespielt?
Die wichtigste! Wir müssen für unsere Forderungen kämpfen, rausgehen. Wir sind die Gewerkschaft. Da kann der beste Frank (Frank Werneke ist ver.di-Vorsitzender, d. Red.) vorne stehen – ohne starke ehrenamtliche Beteiligung im Rücken holt auch der nichts raus.

Im Gesundheits- und Pflegesektor war großes Geklatsche zu Corona-Hochzeiten. Dann gab es Gegenwind von wegen Lohnforderungen von 4,8 Prozent und Ost-West-Angleichung…
Die Kritiker_innen sind so lange gegen bessere Bezahlung, bis sie selbst auf Hilfe angewiesen sind. Dann sehen sie, was das für ein Job ist und wie gut sich die Kolleg_innen kümmern. Es handelt sich um Berufsgruppen, wo jahrelang nichts getan wurde. Da ist ein unheimlicher Nachholbedarf, sowohl für die Festangestellten als auch für die Leute, die sich im Studium befinden.

Du selbst arbeitest bei der Rentenversicherung. Wie sah es da aus?
Ende September gingen wir erstmals in den Warnstreik. Wir als Gewerkschaftsjugend haben die dual Studierenden und Auszubildenden über die Verhandlungen aufgeklärt und Leute mobilisiert. Gerade die Studierenden zogen gut mit, weil sie erkannt haben, dass sie nur mit der Gewerkschaft ihre Interessen durchsetzen können.

Wie war der Alltag zu Arbeitskampfzeiten?
Ich habe meist ganz normal gearbeitet, ich fange sehr früh an. Ab Feierabend waren dann Videokonferenzen, Telefonschaltungen und Social Media angesagt. Bis teilweise 22 Uhr.


Infos: tarifrebellion.de

(aus der Soli aktuell 11/2020, Autorin: Soli aktuell)