Deutscher Gewerkschaftsbund

Max Höß über Digitalisierung in der Chemie

Ausbildung 4.0? Mitbestimmung 4.0! Der Blick auf die Digitalisierung in der Chemieindustrie ergibt ein buntes Bild, sagt Maximilian Höß.

© IG BCE

Maximilian Höß, 25, war zunächst Jugendvertreter und ist jetzt Betriebsrat bei der Roche Diagnostics GmbH in München, einem Betrieb mit 300 Auszubildenden.

Hallo Maximilian, warum arbeitet man in einem Chemiebetrieb?
Mein Chemielehrer hat mich in ein Praktikum bei Roche vermittelt. Danach war mir klar: Ich will eine Ausbildung im Labor machen.

Warum bist du in die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) gegangen? In der Gewerkschaft bist du auch aktiv…
Ich war bereits Klassensprecher und wollte mich auch während meiner Ausbildung engagieren. Zur Gewerkschaft kam ich dann über die JAV und unseren betreuenden Betriebsrat. Das Reizvolle an der Mitbestimmung ist, dass man die bestehenden Verhältnisse in der Firma mitgestalten und manchmal auch ein bisschen an ihnen rütteln kann.

Und dann auch als JAV-Vorsitzender?
Ich mochte die Möglichkeiten, die man als Vorsitzender hat: als Teamkapitän und Sprachrohr "der JAV" im Betriebsrat und der Firma. Ich habe dadurch viel gelernt und einen interessanten Einblick in die Funktionsweise meiner eigenen Firma erhalten.

Mit welchen Fällen hattest du es in deinem JAV-Alltag zu tun?
Manchmal mit sehr individuellen Sachen: etwa den richtigen Ansprechpartner an einen einzelnen Auszubildenden vermitteln. Es gab allerdings auch weiterreichende Themen:

Wir haben während meiner Zeit einen Auslandsaufenthalt für Auszubildende eingeführt. Dabei mussten wir erstmal gemeinsam mit dem Betriebsrat unseren Arbeitgeber überzeugen, das entsprechende Budget locker zu machen. Anschließend mussten viele Details geregelt werden: Wie werden die Teilnehmer_innen ausgewählt, wo fahren sie hin, wie werden sie betreut?

Wie läuft denn die Kommunikation?
Untereinander verwenden wir häufig WhatsApp, den firmeninternen Messenger oder E-Mails. Außerdem haben wir mit "Todoist" unsere Aufgaben gemeinsam verwaltet. Ich mochte besonders die Funktion, dass ich einzelne Aufgaben direkt im Programm an meine Mit-JAVis weiterleiten konnte und benachrichtigt wurde, wenn diese erledigt waren. Das hat schon mindestens zwei Nachrichten erspart.

Mit den Auszubildenden lief der Austausch nach wie vor über persönlichen Kontakt, die Informationen auf den Jugendversammlungen und unseren quartalsweise verschickten JAV-Newsletter.

Wie umfangreich ist der Einsatz von digitalen Geräten und Netzen bei deiner Arbeit?
In der biotechnologischen Produktion wird bereits fast alles automatisch gesteuert. In der Forschung und Entwicklung erhalten große Datenmengen und deren Auswertung immer mehr Priorität. Einzelne Bereiche werden von digitalen Tools ersetzt: Urlaubsscheine, Zeitnachweise oder Lernanwendungen, mit denen man das Innere einer Kreiselpumpe betrachtet. Das hilft sehr, die Funktion zu verstehen. An anderen Stellen wird dagegen noch viel mit Papier gearbeitet.

Ganz besonders freut mich die Einführung eines digitalen Berichtshefts. Damit kann man die einzelnen Ausbildungsnachweise erstellen und seinem Ausbilder zur Unterschrift weiterleiten. Ich musste das noch per Hand schreiben. Und meinem Ausbilder und mir hätte das bei meiner Handschrift so sicher besser gefallen!

"Ganz besonders freut mich die Einführung eines digitalen Berichtshefts. Meinem Ausbilder und mir hätte das bei meiner Handschrift so sicher besser gefallen!"

Was ist das Irrste, das dir als JAV-Vorsitzender passiert ist?
Einer hat mir mal mit einem Schoko-Osterhasen für meinen Einsatz gedankt. Das hat mich sehr aus dem Konzept gebracht, denn sowas kommt leider sehr selten vor!

Du bist jetzt Betriebsrat. Welche Erfahrungen aus der JAV-Arbeit nutzen dir jetzt besonders?
Durch meine JAV-Arbeit habe ich noch sehr gute Kontakte zu unserer Ausbildungsabteilung, habe viel Wissen rund um die rechtlichen Grundlagen. Dadurch, dass ich bereits als JAV-Vorsitzender hin und wieder mit unserer Geschäftsführung zu tun hatte, weiß ich, an wen ich mich wenden muss, wenn ich etwas für unsere Mitarbeitenden verbessern will.

Welche Rolle spielt deine Gewerkschaft, die IG BCE?
Eine sehr zentrale. In ihren Seminaren lernte ich meine Rechte und Pflichten kennen und bekam viele Tipps von den Referent_innen, da die auch mal JAVis gewesen waren. Durch mein Engagement in der IG BCE bekam ich Kontakt zu vielen anderen JAVen, wir lernten voneinander. Und wir bekamen viel Unterstützung vom zuständigen Jugendsekretär, der uns auf vielen Sitzungen tatkräftig unterstützt hat. Viele Erfolge wären ohne die IG BCE nicht möglich gewesen.

Was ist beim Thema Digitalisierung und Ausbildung besonders wichtig?
Wir müssen schon während der Ausbildung mehr Wert auf "Soft Skills" legen, die in einer digitalisierten Arbeitsumgebung immer wichtiger werden: Fähigkeiten zur Problemlösung oder zum Arbeiten in sehr bunt gemischten Matrix-Teams. Die Auszubildenden brauchen den Umgang mit modernen Techniken oder Maschinen, um deren Funktionsweise zu verstehen. Das klappt innerhalb der Betriebe oftmals schon gut, allerdings haben die Berufsschulen da einen gewaltigen Nachholbedarf.

Ein Blick in die Zukunft: Wie wird die Chemie in zehn Jahren aussehen?
Wenn ich das wüsste, hätte mich längst eine Unternehmensberatung abgeworben, haha! In einigen Firmen wird die Digitalisierung vermutlich das ganze Geschäftsmodell verändert haben. Wir werden in den kommenden Jahren große Umbrüche sehen, leider auch, was Belegschaftsgrößen oder Strukturen angeht. Und während einige Berufe neu geschaffen werden, verschwinden andere komplett.

Werden wir die Maschinen gewerkschaftlich organisieren müssen?
Es würde reichen, wenn die Mitarbeitenden, die es auch in Zukunft geben wird, gewerkschaftlich organisiert sind. Allerdings werden sich auch die Gewerkschaften ändern: In der IG BCE darf ich in einem Team mitarbeiten, das die Wirkung der digitalen Transformation auf die Gewerkschaften analysiert. Die Ergebnisse sind noch nicht abschließend, aber so viel darf ich spoilern: Sie wird auch innerhalb der Gewerkschaften viel ändern. Doch der Kern – dass wir für die Mitarbeitenden da sind und im persönlichen Kontakt zu ihnen stehen – wird erhalten bleiben.


(aus der Soli aktuell 1-2020, Autorin: Soli aktuell)

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