Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildung erfolgreich meistern

"Dr. Azubi" gibt dir wertvolle Tipps, wie du vom ersten Ausbildungsjahr bis zur Prüfung deine Ausbildung erfolgreich absolvierst.

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog

Ausbildung = Hölle
Gratulation! Du hast die Probezeit gut hinter dich gebracht. Jetzt heißt es: Am Ball bleiben, damit es dir nicht wie Maria, die im dritten Ausbildungsjahr ist, geht. Sie steht kurz vor ihrer Prüfung, hat alle Probleme mit sich selber ausgemacht und schreibt nun verzweifelt in das Forum von "Dr. Azubi", dass sie Angst habe, die Prüfung nicht zu bestehen. Im Übrigen sei ihre Ausbildung momentan "mehr Hölle als Arbeit".

Nach der Probezeit stehst du unter einem besonderen Kündigungsschutz. Du kannst nur außerordentlich und fristlos gekündigt werden – und dafür musst du schon extremst gegen deine Pflichten als Auszubildende verstoßen. Also trau dich, deine Rechte einzufordern, wenn deine Ausbildung nicht nach Plan läuft!

Falsche Arbeitszeiten
Im "Dr. Azubi"-Forum gibt es zahlreiche Anfragen von Auszubildenden, die mit ihrer Ausbildung nicht zufrieden sind. Max schreibt: "Hallo, ich arbeite 40 bis 60 Stunden in der Woche, obwohl in meinem Arbeitsvertrag 40 Stunden angegeben worden sind. Ist das normal?"

"Dr. Azubi" sagt: Nein! Gute Ausbildung braucht keine Überstunden. Deine Ausbildungszeit reicht aus, um dir alle wichtigen Ausbildungsinhalte beizubringen. Daher betont das Berufsbildungsgesetz (BBiG) auch, dass Überstunden immer dem Ausbildungszweck dienen und nicht die Regel sein sollen.

Wenn Überstunden anfallen, dann müssen sie in Freizeit oder zusätzlicher Vergütung ausgeglichen werden. Arbeitet ihr, wie Max, mehr als es euer Vertrag vorschreibt, dann kann das ein Hinweis darauf sein, dass ihr mehr billige Arbeitskraft als Auszubildende seid. Max sollte sich ab sofort seine Arbeitszeit genau aufschreiben und einen Ausgleich einfordern.

"Ich muss Sie nicht ausbilden"
Auch Ecem, der im zweiten Ausbildungsjahr ist, schreibt: "Mein Chef lässt mich als Auszubildende, ohne dass er mir die Sachen gescheit erklärt hat, allein. Er sagte auch zu mir: 'Ich bin Ihr Ausbilder, ich muss sie nicht ausbilden.'"

Hier läuft einiges schief. Das Gesetz sagt: Ausbildung kann ohne Ausbilder_in nicht stattfinden. Die Ausbildung ist ja gerade dazu da, einen Beruf zu erlernen. Daher gilt: Ohne Anleitung keine Ausbildung – gute Ausbildung gilt es einzufordern. Ecem sollte zunächst einen Blick in ihren Ausbildungsvertrag werfen. Hier muss die verantwortliche Ausbilder_in vermerkt sein.

Tipp: Auf der zweiten Seite des Vertrages sind die relevanten Gesetzestexte und auch die Pflichten des Ausbildungsbetriebes vermerkt. Mit diesem Wissen und ihrem Vertrag kann Ecem nun gut gewappnet einen Gesprächstermin mit ihrem Chef ausmachen.

Zwei Stunden Putzen am Tag
Simon, angehender Koch, hat ein ähnliches Problem: "Ich putze zwei Stunden meiner täglichen Arbeitszeit (z. B. auch Unkraut harken und Straßenkehren, was mit meinem Beruf mal so gar nichts zu tun hat)."

Das sind klar ausbildungsfremde Tätigkeiten, die nicht zu seinem Berufsbild gehören. Für jeden Beruf gibt es einen Ausbildungsrahmenplan, der genau die Inhalte festlegt. Simon sollte daher schnell die Qualität der Ausbildungsinhalte kontrollieren – und sein bereits geführtes Berichtsheft mit den Inhalten des Ausbildungsrahmenplans abgleichen. Fehlen ihm noch wichtige Anteile seiner Ausbildung, sollte er sie einfordern. Hierbei kann er sich auch auf § 14 Abs. 1 Satz 1 des BBiG berufen.

Tipp: Um geleistete Tätigkeiten nachzuweisen, muss das Berichtsheft wahrheitsgemäß geführt werden. Wirklich alle Tätigkeiten, die ihr während der Ausbildungszeit erledigt habt, sind im Berichtsheft zu notieren. Auch diejenigen, die nicht zu einer Ausbildung gehören.

Ich bin ich: Das Gespräch führen
Ecem und Simon müssen nun ein Gespräch im Betrieb einfordern. Hier gilt: Der Ton macht die Musik. Gerade in heiklen Situationen ist es wichtig, im Gespräch bei sich zu bleiben, um keinen Angriff oder eine Abwehrhaltung zu provozieren.

Ecem könnte also ihre Situation verdeutlichen, indem sie in der Ich-Form spricht: "Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass ich selten eine Ansprechperson an meiner Seite habe." Wenn Ecem sagen würde: "Sie sind nie für mich da", wird sie vermutlich kein offenes Ohr bei ihrem Chef finden. Pauschalisierungen wie "Immer muss ich…" und "Nie lerne ich etwas" sind ein absolutes No-Go in Verhandlungen und provozieren Gegenangriffe.

Die Suche nach Ausnahmen ist dagegen ein wichtiger Punkt. So könnte Simon sagen: "Den Frühstücksdienst kann ich nun schon gut, dennoch fehlen mir noch wichtige Ausbildungsinhalte des gültigen Ausbildungsrahmenplans, um die Abschlussprüfung gut schaffen zu können." Das ruft wahrscheinlich eine ganz andere Wirkung hervor.

Hilfe holen
Es ist noch keine Meister_in vom Himmel gefallen. Wenn Ecem und Simon mit ihren Gesprächen nicht weiterkommen, kann es sinnvoll sein, sich Unterstützung zu holen – sowohl intern wie auch extern. Betriebsrat und Jugend- und Auszubildendenvertretung sind Ansprechpartner wie Sprachrohr in eurer Ausbildung. Manchmal muss man auch eine neutrale, dritte Person mit ins Boot holen, gerade wenn der Konflikt zu eskalieren droht.

Lieber wechseln
Wenn ihr merkt, ihr kämpft gegen Windmühlen, und seitens des Betriebes ist absolut keine Änderung zu erwarten, dann wartet nicht bis kurz vor eurer Abschlussprüfung. Sonst habt ihr nur noch wenig Spielraum.

Daher gilt: Lieber wechseln als abbrechen – aber mit guter Vorbereitung: Sucht euch erst in Ruhe eine neue Ausbildungsstelle, solange ihr noch in einem bestehenden Ausbildungsverhältnis seid. Dann ist eure Verhandlungsposition viel besser. Denn schließlich habt ihr etwas an der Ausbildung auszusetzen und fordert nur euer Recht. Lasst euch hier am besten von eurer Gewerkschaft beraten.


(aus der Soli aktuell 1-2020, Autorin: Julia Kanzog)

Deine Rechte in der Ausbildung
Überstunden, Ausbildungsrahmenplan, ausbildungsfremde Tätigkeiten? Ausbildung kann kompliziert sein. Die DGB-Jugend gibt dir Tipps für den Berufsstart und die Berufsausbildung. Dass du dabei nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte hast, ist das Thema der bewährten Broschüre "Deine Rechte in der Ausbildung", mit der wir dich rund um die Ausbildungssituation informieren.

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