Deutscher Gewerkschaftsbund

Wasser ist digital, sagt Sophia Nerrether

Ausbildung 4.0? Gewerkschaft 4.0! Versorgungsbetriebe haben eine hohe technische Komponente. Sophia Nerrether über die Digitalisierung der Ausbildung in den Berliner Wasserbetrieben.

Sophia Nerrether

© Privat

Sophia Nerrether, 24, ist Fachkraft für Abwassertechnik bei den Berliner Wasserbetrieben und JAV-Vorsitzende. Sie hatte diesen Sommer eine Betriebsbesichtigung für die Abteilung Jugend und Jugendpolitik beim DGB-Bundesvorstand organisiert.

Sophia, hat Wasser eine digitale Komponente?
Ja, definitiv! Unsere Wasser- und Klärwerke, aber auch das Rohrnetz und die Abwasserableitung sind digital erfasst und arbeiten zum Teil vollautomatisch.

Wie bist du zu den Berliner Wasserbetrieben gekommen und in die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV)?
Auf die Wasserbetriebe bin ich durch die Agentur für Arbeit und auf Anraten von Familie und Freunden aufmerksam geworden. Mein früh verstorbener Großvater war Schichtleiter im mittlerweile geschlossenen und rückgebauten Klärwerk Marienfelde. Ich stellte fest, dass diese Ausbildung bei den Wasserbetrieben die inhaltlich Interessanteste wäre von all den Berufen, für die ich mich begeistert hatte.

Der Einstellungstest und das Vorstellungsgespräch liefen sehr gut. Im September 2015 fing ich meine Ausbildung zur Fachkraft für Abwassertechnik an und hatte wirklich spannende Inhalte. Durch den Ablauf der Ausbildung konnte ich viele Dienststellen, Werke und Mitarbeiter_innen kennenlernen und die Zusammenhänge des Unternehmens verstehen.

Am 1. Mai 2016 war ich das erste Mal gemeinsam mit der damaligen JAV, den Personalrät_innen und unserer Gewerkschaft ver.di am Tag der Arbeit dabei. Ich wollte mich von Beginn an mehr ins Unternehmen einbringen, als man es von einer Auszubildenden erwartet. Schon im ersten Ausbildungsjahr war ich sehr am Amt in der JAV interessiert. Dann, als Wahlen im Jahr 2018 waren, habe ich mich zusammen mit meinen Kolleg_innen aufstellen lassen.

Du bist Abwasserexpertin. Wie umfangreich ist der Einsatz von digitalen Geräten und Netzen bei deiner Arbeit?
Sehr umfangreich, das fängt schon bei der Arbeitssicherheit an, wie zum Beispiel beim Gaswarngerät. Auch diese Prozesse werden digital erfasst, gesteuert und wiedergegeben.

Dokumentation und Einheitlichkeit sind sehr wichtig für die Nachvollziehbarkeit von Prozessen und Handlungen; aber auch um zu verstehen, wieso unsere Anlagen so reagieren, wenn ich bestimmte Eingaben mache oder bestimmte (Wetter-)Ereignisse eintreten.

Ihr habt auch mit Sprengstoff zu tun…
Ja, um die Ablagerungen an unseren Brunnen zu entfernen. Darum kümmern sich aber Expert_innen. Arbeitssicherheit wird bei uns sehr groß geschrieben und es darf niemand zu Schaden kommen, weder Mitarbeiter_innen noch Umwelt. Darauf legen wir sehr großen Wert.

In vielen Branchen wird an einer Azubi-App gefeilt. Gibt es bei euch so etwas?
Nein, aber wir haben ein Intranet, wo die Auszubildenden wie alle anderen Mitarbeiter_innen ihre Infos beziehen, auch rund um das Thema Ausbildung und JAV. Mitarbeiter_innen, die keinen PC-Arbeitsplatz haben, haben die Möglichkeit, sich an einem Gemeinschafts-PC anzumelden und zu informieren. Grundsätzlich kann jeder von jedem Computer aus arbeiten. Ansonsten gibt es noch das ganz klassische Mitarbeitermagazin in Papierform.

Wie digital ist die Ausbildung in einem Wasserwerk oder Klärwerk?
Da digitale Prozesse ein Kernstück unserer Arbeit sind, lernen die Auszubildenden den Umgang mit ihnen: Wie bediene ich ein Prozessleitsystem, sodass die gewünschte Aktion eintritt? Wie sensibel sind die Sensoren und woran bemerke ich Defekte? Aber sie betreffen auch einfache Dinge – wie ordne ich meine Dokumente zum Beispiel so, dass ich sie wiederfinde, auch nach Jahren? Was muss ich beim Datenschutz beachten, was sind überhaupt meine Möglichkeiten? Dies sollte den Auszubildenden mit auf den Weg gegeben werden, und vielleicht können ja unsere älteren Kolleg_innen auch etwas von ihnen lernen: Schließlich sind junge Leute mit der Technik von Anfang ihres Lebens an konfrontiert und kennen es im Grunde genommen nicht anders.

Bemalte Wand

© Jürgen Kiontke

Ausbildung mit Bild: Die Wasser-Berufe an der Betriebsmauer

Wie sieht dein JAV-Alltag aus?
Jeder Tag ist ein wenig anders. Mal gibt es reine Terminorganisation – wer geht wann wohin; mal sind den ganzen Tag Vorstellungs- oder Abschlussgespräche. Es gibt Tage, an denen ich viel bei unserer Gewerkschaft ver.di, bei den Personalräten oder in Sitzungen bin. Aber auch die Probleme und Sorgen von Auszubildenden oder Ausbilder_innen können spontan einen Arbeitstag füllen. Hier muss man abwägen: Was ist wichtig, was kann ich delegieren, was sollte bzw. kann ich selber erledigen? Grundsätzlich sind die Arbeitsabläufe gleich – und doch sind sie es nicht, weil man jedes Mal mit anderen Personen zu tun hat.

"Unsere Prozesse werden digital gesteuert, erfasst und wiedergegeben."

Welche Anforderungen kannst du beim Thema Digitalisierung und Ausbildung formulieren? Welche digitalen Prozesse zeigen sich in der JAV-Arbeit?
Digitale Organisation sollte im Ausbildungsrahmenplan als fester Bestandteil hinzugefügt werden. Das ist unabdingbar. Zudem muss der Umgang mit unseren digitalen Kommunikationsmedien richtig geschult werden. Wir bekommen ja auch Termine von Auszubildenden und Ausbilder_innen in digitaler Form. Und dann nicht zu wissen, wie man die Firmenmailsoftware benutzt, kann sehr kontraproduktiv sein.

Wir haben einen gemeinsamen digitalen Kalender für unsere Termine. Jeder schreibt dort rein, wann er Berufsschule, Prüfungen, Urlaub oder wichtige Kurse hat. Das hilft mir super weiter, da ich so die Termine zuverlässig verteilen kann, ohne den anderen Jugendvertreter_innen hinterhertelefonieren zu müssen. In unseren gemeinsamen Laufwerken finden sich alle wichtigen Dokumente wie Vorlagen, Sitzungsprotokolle, Bilder und Listen. Zum Austausch nutzen wir unser Firmenmailprogramm und andere Messenger.

Und bei den Themen?
Rund um Ausbildung, Arbeit und Gewerkschaft stellen sich viele Rechtsfragen. Das große Thema allerdings sind tatsächlich Zugriffsberechtigungen für Programme während des Praxiseinsatzes. Die sind zeitlich begrenzt, und um ihre Arbeit erledigen zu können, warten Auszubildende manchmal tagelang auf den Zugriff. Also tatsächlich ein digitales Problem.

Welche Probleme haben eure Auszubildenden darüber hinaus?
Unsere Werke und Dienststellen liegen verstreut, wir haben viele und lange Fahrwege. Manchmal verlieren wir den Kontakt zu den vielen Auszubildenden, wenn sie nicht mehr im Ausbildungszentrum oder in der Unternehmenszentrale sind.

Terminabsprachen sind auch oft schwer zu vereinbaren, da hier viele Personen beteiligt sind, die alle zu unterschiedlichen Zeiten anfangen zu arbeiten, andere Arbeitsabläufe haben und vieles mehr. Viele Dinge laufen gleichzeitig ab, sodass es da manchmal schwierig wird.

Automatisierung und Digitalisierung sind fortlaufende Prozesse. Wenn du zehn Jahre weiterdenkst: Wie wird euer Arbeitsplatz dann aussehen?
Viele Dinge werden zunehmend von den Mitarbeiter_innen selber getragen, wie zum Beispiel die Urlaubsplanung. Das wird sich noch auf andere organisatorische Bereiche ausweiten. Die technisch-gewerblichen Mitarbeiter_innen werden mehr auf sich allein gestellt sein, was Organisation betrifft. Ich glaube, dass es mehr Aufgabenfelder und mehr Verantwortung für jeden einzelnen gibt. Know-how ist sehr wichtig, die körperliche Arbeit wird durch technische Unterstützung immer leichter werden. Aber das sind Spekulationen.

Dein Upgrade für die Ausbildung
Mit Digitalisierung setzt sich die Gewerkschaftsjugend intensiv auseinander. In der digitalen Welt ist jedes Werkstück, jede Schraube und jeder Beschäftigte durch Computerchips und Sensorik miteinander vernetzt, jeder Homeoffice-Arbeitsplatz direkt mit dem Betrieb verbunden. Die Schraube erkennt selbstständig, ob sie schon fest genug angezogen ist, der Beschäftigte hat klare Vorgaben bezüglich der Dauer und Ausführung einen Arbeitsschritts.

Das alles wird überwacht und gesteuert in Echtzeit. Wollen Unternehmen im Zeitalter der Digitalisierung zukunftsfähig bleiben, müssen sie die Interessen und Erwartungen der jungen Beschäftigten ernstnehmen. Die Gewerkschaftsjugend gestaltet die Entwicklung der Arbeitswelt mit. Sie hat klare Vorstellungen von guter Arbeit und Ausbildung, die auch beim Thema Digitalisierung nicht aufhören.

Bei der Reform des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) ist die Transformation allerdings noch nicht angekommen. Der derzeitige Entwurf bleibt hinter unseren Erwartungen zurück. Die Mindestausbildungsvergütung ist ein erster wichtiger Schritt.

Junge Menschen müssen ihren Berufswunsch verwirklichen können – unabhängig von ihren Eltern oder zusätzlichen Nebenjobs. Die Mindestausbildungsvergütung ist als untere Haltelinie, da wo es keine Tarifverträge gibt, längst überfällig. Wir fordern eine Mindestausbildungsvergütung, die sich am Durchschnitt der tariflichen Ausbildungsvergütungen orientiert.

Die Rahmenbedingungen für Auszubildende und dual Studierende müssen grundlegend verbessert werden, der Geltungsbereich eines modernen BBiG muss um die Praxisphasen der dual Studierenden und der betrieblich-schulischen Ausbildungsberufe erweitert werden. Auch bei der Freistellung für die Berufsschule und der ehrenamtlichen Prüfer_innen, bei der Lehr- und Lernmittelfreiheit sowie einem gesicherten Übergang von zwei- in dreijährige Berufsausbildungen sind dringend Nachbesserungen erforderlich. Macht es jetzt! Richtig und für alle!


Weitere Infos und Forderungen der DGB-Jugend zur Digitalisierung und zu Ausbildung 4.0: jugend.dgb.de/ausbildung4punkt0

(aus der Soli aktuell 9-10/2019, Autorin: Soli aktuell)

(geändert am 12. September 2019)