Deutscher Gewerkschaftsbund

Transformation geht alle an, sagt Jasmin Gebhardt von der IG Metall Jugend

Immer schneller wandeln sich Arbeits- wie Lebenswelt. Für die junge Generation heißt das: Es geht darum, sich einzumischen und die gesellschaftlichen Verhältnisse besser zu machen. Von Jasmin Gebhardt

Jasmin Gebhardt

© Privat

Jasmin Gebhardt, 23, ist JAV-Vorsitzende bei Schaeffler in Herzogenaurach. Dieser Text basiert auf ihrer Rede, die sie am 29. Juni 2019 auf der #fairwandel-Demo der IG Metall in Berlin gehalten hat.

Meine Generation mischt sich ein und geht für ihre Ziele auf die Straße. Warum ist das nötig?

Ich will es an einem Zitat deutlich machen: "Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre. Ich will, dass ihr handelt, als würde euer eigenes Haus brennen. Denn es brennt!"

Diese aufrüttelnden Worte kommen nicht von mir, sondern von der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg. Sie hat diese Worte beim Weltwirtschaftsforum 2019 in Davos gesprochen, dem Hochamt des Kapitalismus.

Dass dieser Satz von Greta den meisten Teilnehmer_innen dort sauer aufgestoßen ist, verwundert nicht. Es passt den überwiegend älteren weißen Männern nicht, dass eine "schwänzende Schülerin" den Finger in die Wunde des Planeten Erde legt.

Diese Sache sollte man, wenn es nach ihnen geht, doch lieber den Profis überlassen. Wir lassen uns von solchen überheblichen Sprüchen nicht blenden. Wir als IG Metall Jugend begrüßen die "Fridays for Future"-Bewegung. Wir sprechen mit ihren Aktivist_innen – nicht über sie. Gemeinsam treibt uns die Frage um, wie eine soziale und konsequente Klimapolitik aussehen kann.

Wir fordern eine Klimapolitik, die auf Investitionen setzt. In Produkte von morgen. In Stromnetze, die digitale Infrastruktur und in Qualifizierung. Unsere ganze Welt ist im Wandel und wir sind mittendrin.

Unsere Kolleg_innen brauchen Perspektiven in diesem Wandel. Denn eines ist klar: Es werden vor allem wir sein, die junge Generation, die die Konsequenzen tragen müssen. Wir sagen daher klar: Ein fairer Wandel geht nur mit anderen Spielregeln. Und deswegen sagen wir selbstbewusst: Die Zukunft gehört uns.

Wir treten an, um die Transformation zu gestalten. Unser Ziel ist es, in Zukunft ein gutes Leben für alle Menschen zu ermöglichen – auf einem gesunden Planeten. Als junge Gewerkschafter_innen sind wir überzeugt: Der Umbau unserer Industrien kann nur mit, durch und für Menschen geschehen.

Eine Antwort ist für uns die Qualifizierung. Es ist unumstritten, dass sich unsere Kolleg_innen anders, besser und vor allem kontinuierlich qualifizieren müssen. Nur so sichern wir Perspektiven. Aber was passiert stattdessen?

Der Vorschlag der Bundesregierung für ein neues Berufsbildungsgesetz (BBiG) ist ein Skandal. Statt Verbesserungen für junge Menschen gibt es halbgare Lösungen für die Wirtschaft. Eine Frechheit! Die verantwortlichen Politiker_innen bleiben weit hinter den Anforderungen der Zeit zurück.

"Gewerkschafterin zu sein, bedeutet für mich: sich für andere und damit auch für sich selbst stark zu machen."

Unser Hauptkritikpunkt: das duale Studium. Es gibt zurzeit etwa 100.000 dual Studierende in Deutschland, Tendenz steigend. Sie alle werden auch künftig nicht vom BBiG erfasst. Bei mir im Betrieb gibt es keine Betriebsvereinbarung für dual Studierende. Sie haben keine Übernahmegarantie.

Bei Siemens in Erlangen legt man unsere Tarifverträge schon heute anders aus: Die Formulierung "in der Regel sind Auszubildende unbefristet zu übernehmen" heißt nicht, dass das auch so passiert. Das Unternehmen entzieht sich seiner Verantwortung, Auszubildende und dual Studierende werden oft nur für ein Jahr befristet übernommen. Auch deshalb fordern wir eine Ankündigungsfrist im BBiG bei geplanter Nichtübernahme in ein festes Arbeitsverhältnis.

Also, liebe Bundesregierung: Hausaufgaben machen und eine echte Reform durchsetzen. Das wäre mutig und zukunftsweisend. Dazu gehört auch eine höhere Mindestausbildungsvergütung und die Absicherung der drei- oder dreieinhalbjährigen Ausbildung als solche. Und wir erwarten eine Lehr- und Lernmittelfreiheit: Es ist nicht diskutabel, dass junge Menschen ausbildungsbedingte Kosten selber tragen müssen.

Bildung muss für alle zugänglich und kostenfrei sein – das muss für alle Formen der Bildung und Ausbildung gleichermaßen gelten. Uns nützt die beste Qualifizierung nichts, wenn die Ausbildung mittendrin abgebrochen wird, weil aufgrund der Transformation der Standort schließt. Die Ausbildungsbetriebe müssen sich qualitativ weiterentwickeln anstatt sich selber abzuwickeln!

Die Welt der Zukunft muss nicht nur klimafreundlicher werden und die Transformation bewerkstelligen. Sie muss auch gerechter werden! Das Gegenteil passiert: Die Ungleichheit wird immer größer statt kleiner. Wir beobachten, dass sich mit steigender Ungleichheit viele Menschen von den lang "etablierten" Parteien und der Politik als Ganzem abwenden. Uns muss es bei der Transformation auch darum gehen, die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Besseren zu transformieren.

Fairwandel  - IG Metall

© IG Metall

Der Wandel muss fair sein: IG Metall-Mitglieder am 29. Juni in Berlin

Eine deutliche Umverteilung ist notwendig. Wohnen ist ein Schlüsselthema. Immer mehr Menschen können sich die eigenen vier Wände kaum mehr leisten, wenden einen viel zu hohen Anteil des Einkommens dafür auf und müssen lange pendeln. Wir erwarten hier wirksame Maßnahmen der Politik auf allen Ebenen, um diesen Irrsinn zu beenden.

In den Betrieben, auf der Straße und auch in der Politik wird der Ton rauer. Offenkundig werden andere Menschen für die eigene Misere verantwortlich gemacht. Früher waren es "Ausländer und Migranten", die als Sündenböcke herhalten mussten, heute sind es häufig "Geflüchtete". Wir Metaller_innen stehen für eine offene und bunte Gesellschaft ein. Wir bekämpfen solche rechte Tendenzen, wo es nur geht. Wir kämpfen für einen #fairwandel – aber wir zeigen auch #klarekante:

  • Wir dulden keinen Fremdenhass!
  • Wir dulden keine Ausgrenzung!
  • Nicht in unseren Betrieben!
  • Und auch nirgendwo sonst! 

Gewerkschafterin und Gewerkschafter zu sein, bedeutet für mich, sich aufzuraffen, sich für andere und damit auch für sich selbst stark zu machen. Solidarität und Weltoffenheit sind erst einmal nur Begriffe. Es kommt darauf an, sie mit Leben zu füllen.

Und es kommt darauf an, sie in entscheidenden Momenten zu verteidigen! Die Demokratie scheitert nicht an ihren extremen Rändern, sondern an der schweigenden Mitte. Wir sehen nicht dabei zu, wie andere den Karren an die Wand fahren.

Weil wir Arbeitgebern und Politik in aller Deutlichkeit klar machen wollen: Nur mit uns gelingt der Wandel! Die Transformation betrifft uns alle. Gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Kräften wollen wir den Wandel gestalten.


(aus der Soli aktuell 9-10 2019, Autorin: Jasmin Gebhardt)

Arbeit der Zukunft
Forderungen für einen fairen Wandel.

Die Gewerkschaften wollen, dass beim notwendigen ökologischen Umbau der Industrie niemand auf der Strecke bleibt, dass der Wandel gelingt – und dass aus technologischem Fortschritt sozialer Fortschritt für alle wird. Ökologie und Soziales dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Die IG Metall hat Forderungen für einen fairen Wandel aufgestellt: Massive Investitionen in Zukunftsprodukte, in Qualifizierung, in Ladestationen für E-Autos, in Stromnetze und öffentlichen Nahverkehr. Beschäftigung in allen Branchen muss nachhaltig gesichert werden. Mehr Mitbestimmung und Beteiligung der Beschäftigten sind notwendig. Soziale Absicherung muss in jedem Lebensalter verlässlich sein.

Die Transformation soll aus der technischen eine soziale Weiterentwicklung machen. Weil deshalb viel Geld für den öffentlichen Nahverkehr und die Schiene notwendig ist, ist die Verkehrs- und Energiewende mit einer Politik der schwarzen Null nicht zu schaffen.

Von den Unternehmen fordern die Metaller_innen Investitionen in neue Produkte und Geschäftsmodelle und die Sicherung von Standorten. Dazu erstellt die IG Metall einen "Transformationsatlas" für jeden Betrieb; ein umfassender Report, der absehbare Veränderungen aufzeigt.

Über 50.000 Beschäftigte haben am 29. Juni an der #FairWandel-Kundgebung der IG Metall am Brandenburger Tor in Berlin teilgenommen. Dass die Transformation auch in hohem Maße junge Menschen bewegt, zeigte die IG Metall Jugend mit einem eigenen Demonstrationszug, mit Aktionen zu Ökologie, Ausbildung, Arbeitszeit, Rechtsruck, Globalisierung und Gleichstellung.

Transformation soll sozial, ökologisch und demokratisch gestaltet werden. Ein Prozess, der in allen Gewerkschaften diskutiert und schon umgesetzt wird. So hat ver.di unlängst beim Containerterminalbetreiber Eurogate einen "Tarifvertrag Zukunft" geschlossen. Er sieht den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2025, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich und einen Qualifizierungsanspruch vor. Eine paritätisch besetzte Automatisierungskommission entscheidet über Beschäftigungsfragen.

Die EVG hat einen "Tarifvertrag Arbeit 4.0", mit dem Interessenvertreter_innen frühzeitig in Digitalisierungsprozesse miteinzubinden sind, und die Bahn ist ein wichtiger Baustein für einen sauberen Verkehr. Auch bei GEW, IG BAU, GdP und NGG gibt es klare Vorstellungen zu einer ökologischen und digitalen Transformation.

Gewerkschafter_innen sehen die Digitalisierung als gesamtgesellschaftliches Projekt. "Wir wollen Beschäftigte auf die Anforderungen und Berufsfelder der Zukunft weiterqualifizieren, bevor sie arbeitslos werden", sagt IG BCE-Tarifvorstand Ralf Sikorski, dessen Gewerkschaft einen Zehn-Punkte-Plan der Transformation mitentwickelt hat (https://tinyurl.com/Zehn-Punkte).

DGB und Gewerkschaften unterstützen die Nationale Weiterbildungsstrategie der Bundesregierung. Ziel ist, die Weiterbildungsprogramme des Bundes und der Länder zu bündeln und zu entwickeln und den Grundstein für eine neue Weiterbildungskultur zu legen. Die Gewerkschaften fordern mehr Kooperation und Vernetzung zwischen den verschiedenen Akteuren der beruflichen Weiterbildung und mehr Investitionen.


(aus der Soli aktuell 9-10/2019, Autorin: Soli aktuell)