Deutscher Gewerkschaftsbund

Marcel Scheffler zur Wohnungskrise

Junge Beschäftigte, Auszubildende und Studierende haben große Probleme, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Marcel Scheffler sagt, was ihnen helfen könnte.

 

Marcel Scheffler

© Privat

Marcel Scheffler, 26 Jahre alt, ist gelernter Tiefbaufacharbeiter/Gleisbauer. 2016 wurde er Sachbearbeiter bei der DB Netz AG Produktionsdurchführung Berlin. Er ist seit 2014 bei der DB AG in der Betriebsgruppe seiner Gewerkschaft EVG aktiv. Von Juli 2015 bis Mai 2018 war er in der Jugend- und Auszubildendenvertretung tätig, unter anderem als Vorsitzender. Seit den letzten Betriebsratswahlen 2018 ist er freigestelltes Betriebsratsmitglied. Marcel ist Mitglied der EVG-Ortsjugendleitung in Berlin. Darüber hinaus ist er Systemadministrator bei dem American-Football Verein Berlin Bullets aus Berlin-Marzahn.

Marcel, du bist in der EVG Jugend und in der DGB-Jugend aktiv – und dabei interessiert dich das Thema Bezahlbares Wohnen…
Ich versuche, an so vielen DGB-Jugend-Veranstaltungen teilzunehmen, wie ich es zeitlich einrichten kann. Und ja, in diesem Frühjahr habe ich auf einer DGB-Veranstaltung zum Thema Wohnen gesprochen.

Inwiefern betrifft dich dieses Thema?
Mich persönlich betrifft die Wohnungsnot zum Glück nicht. Ich bin 2015 nach Berlin-Hellersdorf gezogen, ich hatte zum Glück schnell eine Wohnung gefunden. Da ich seit 2015 in der Interessenvertretung in meinem Unternehmen aktiv bin und seitdem besonders mit Auszubildenden zu tun habe, treffe ich auf sehr viele junge Menschen, die leider einfach keine bezahlbare Wohnung in Berlin finden, von der man nicht mit dem öffentlichen Nahverkehr über eine Stunde in die Stadtmitte braucht.

Du hast bei DGB-Veranstaltungen über Mieten und Wohnen vor allem von Nachwuchskräften und Auszubildenden gesprochen. Wie brisant ist das Thema für die Gewerkschaften?
Es ist ein sehr wichtiges. Wir stehen als Gewerkschafter_innen vor großen Aufgaben in den nächsten Jahren. Wir müssen in unseren Tarifverträgen für die Nachwuchskräfte mehr aushandeln als nur Lohnerhöhungen. Zum Beispiel einen Mietkostenzuschuss, wie es die EVG in ihrem Nachwuchskräfte-Tarifvertrag ausgehandelt hat.

Wie sieht es eigentlich mit Werkswohnungen und Wohnheimen aus – oder ist das ein veraltetes Konzept?
Auf keinen Fall. Gerade für die großen Unternehmen wie etwa Siemens, Deutsche Bahn AG, Bosch und die ganzen Automobilkonzerne würde sich das lohnen, da sie deutlich an Attraktivität gewinnen, wenn sie ihren Nachwuchskräften flächendeckend Wohnheime und Ähnliches anbieten können. Wir merken ja, wie die Ausbildungen immer mehr zentralisiert werden, und dass man gezwungen ist, für eine Ausbildung auch in eine andere Stadt zu ziehen.

Baut die DB AG denn Dienstwohnungen? Früher hatte die Bahn ja sehr viele…
Leider nein. Wir haben noch in vereinzelten Städten Wohnheime, die aber vorne und hinten nicht ausreichen. Von Dienstwohnungen ganz zu schweigen. Es gibt noch einige, aber es werden keine neuen mehr gebaut.

Und wirklich im Vorteil ist man als Eisenbahner nicht mehr, so eine Wohnung zu bekommen, höchstens den Kautionsnachlass. In Berlin wurde die ESG Berlin leider an die Deutsche Wohnen verkauft, da hat man jetzt als Eisenbahner gar keine Vorteile mehr. Und über deren Machenschaften bekommt man ja aktuell genug mit.

Welche Lösungsvorschläge hast du für die Wohnsituation?
Ich denke, es gibt viele Möglichkeiten, der aktuellen Wohnungsmarktsituation entgegenzuwirken. Für Nachwuchskräfte stelle ich mir z. B. ein Konzept vor, wo größere Unternehmen ab einer bestimmten Anzahl von Nachwuchskräften Wohnungen zur Verfügung stellen müssen.

In allen großen deutschen Städten gibt es viele leerstehende Bürokomplexe, die Unternehmen erwerben und zu Wohnheimen für die Auszubildenden umbauen könnten. Kleinere Unternehmen könnten sich zusammenschließen und gemeinsam ein Wohnheim betreiben. So würden die Kosten aufgeteilt und wären auch für kleine Unternehmen finanzierbar.

Wenn ich morgens zur Arbeit fahre, komme ich an sechs leerstehenden Bürogebäuden vorbei. Eines davon hat 13 Stockwerke und steht komplett leer. Der letzte große Mieter war die Deutsche Bahn und zu Zeiten der DDR gehörte es der Staatssicherheit.

Anstatt dieses Gebäude leer stehen zu lassen, könnte man es umbauen und so vielen Studierenden und Nachwuchskräften günstigen Wohnraum zur Verfügung stellen.

Das ist eine politische Frage…
Ich würde mir wünschen, dass endlich wieder mehr sozial gebaut wird, etwa von staatseigenen Wohnungsbaugesellschaften, da könnte die Politik direkt eine Obergrenze beim Mietpreis setzen. Es müssen auch mehr bezahlbare Wohnungen in der Stadt gebaut werden und nicht nur im Speckgürtel.

Wohnungsgenossenschaften wären auch eine gute Alternative zu den unzähligen Wohnungsgesellschaften am Kapitalmarkt: Die Mieter_innen sind bei einer Genossenschaft direkt auch Anleger und können so mehr Einfluss nehmen.

Eine Möglichkeit wäre auch, dass die Regierung die Mietpreisbremse deutlich verschärft und besser kontrolliert, sodass die Mieter_innen nicht alleine dastehen, ohne den großen Unternehmen die Stirn bieten zu können.


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DGB und Gewerkschaften zum Thema Wohnen
Wohnen stellt immer mehr Menschen vor Probleme: Steigende Mieten und ein Mangel an Wohnraum zwingen sie dazu, mehr als die Hälfte ihres Einkommens fürs Wohnen auszugeben oder lange Pendelwege in Kauf zu nehmen. Dies betrifft vor allem Menschen mit geringem Einkommen: Auszubildende, Studierende, Teilzeitbeschäftigte, Alleinerziehende, Rentner_innen oder Geflüchtete.

Sie können sich das Leben in Großstädten und Ballungszentren kaum noch leisten oder sind auf Unterstützung angewiesen. Das verhindert ein eigenständiges Leben und gesellschaftliche Teilhabe und führt im schlimmsten Falle zu Obdachlosigkeit. Die DGB-Jugend hat einen Forderungskatalog aufgestellt: Er sieht unter anderem mehr Investitionen in kommunalen Wohnungsbau vor, die Förderung von Genossenschaften und eine echte Mietpreisbremse.


Hier geht es zum Dossier Wohnen des DGB und zur Petition "Housing for All": https://www.dgb.de/wohnen
Wohnungspolitische Forderungen der DGB-Jugend: https://bw-jugend.dgb.de/themen/wohnen

(aus der Soli aktuell 7-2019, Autorin: Soli aktuell)

Update:
Jahrelang hat die EVG Druck auf die DB AG aufgebaut, Maßnahmen zu bezahlbarem Wohnraum für Eisenbahner_innen zu ergreifen. Dieses Lobbying zeigt seine Wirkung: Noch immer vorhanden sind viele tausend Wohnungen bei den Wohnbaugesellschaften und Wohnbaugenossenschaften, die sogenannten Eisenbahnerwohnungen.

Ein zusätzliches Plus für die Mitglieder: Eine Kaution muss bei der Vergabe für diese Wohnungen nicht gezahlt werden.

Zusätzlich stellt die DB AG in sechs Städten temporären Wohnraum zur Verfügung. Ebenfalls vorhanden für Auszubildende und dual Studierende sind Belegplätze in Azubi-Heimen in Hamburg, die demnächst um Plätze in München erweitert werden. Zudem geht die DB AG neue Wege und kooperiert mit Partnern vor Ort, um zukünftig Werkswohnungen zur Verfügung zu stellen. Aktuell entstehen in München über 70 Wohnungen, deren Vergabekriterien in einer Konzernbetriebsvereinbarung geregelt sind. Ebenso werden aktuell Grundstücke für weitere Bauvorhaben gesucht.

Hinzu kommen die dargestellten tariflichen Leistungen, wie der Mietkostenzuschuss für Auszubildende und dual Studierende, aber auch optionale Leistungen wie die Übernahme der Umzugskosten sowie Leistungen zur doppelten Haushaltsführung und Familienheimfahrten.

(geändert am 8. Juli 2019)