Deutscher Gewerkschaftsbund

Melina Marquez über Digitalisierung in der Gesundheitsbranche

Ausbildung 4.0? Gewerkschaft 4.0! Melina Marquez über die Digitalisierung in den Ausbildungsberufen der Gesundheits- und Krankenpflege.

© Kay Herschelmann

"Mancher Auszubildende fühlt sich in seiner Abteilung alleingelassen oder überfordert": In der Gesundheitsbranche ist täglich Intensivstation

Melina, als stellvertretende Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) hast du einen besonderen Einblick in die Arbeitsabläufe. Wo begegnet dir bei der Ausbildung im Krankenhaus Künstliche Intelligenz?
Eher kaum. Das hören wir auch aus den umliegenden Krankenhäusern, wir tauschen uns da regelmäßig aus. Digitalisierung finden wir da relativ wenig. Es gibt erste Programme, um den Dienstplan online abzurufen oder auch Urlaubstage und Fehlstunden einzusehen. Vielmehr gibt’s da aktuell noch gar nicht.

Euer Arbeitgeber arbeitet an einer "Azubi App"…
Dazu haben wir vor kurzem eine Anfrage bekommen, ja. Der Arbeitgeber überlegt, eine App für Auszubildende einzuführen. Darüber haben wir aber wenig Hintergrundinfos, die Frage ist ja: Was soll diese App alles können? Welche Daten werden gespeichert? Und für wen sind die Daten einsehbar?

Welche Anforderungen hättest du an sie?
Generell ist Datenschutz eine wichtige Sache: Den gläsernen Azubi oder Mitarbeiter wollen wir nicht. Außerdem muss nachvollziehbar sein, wer sich was wann anschaut. Also einerseits ist uns eine gewisse Anonymität wichtig, andererseits größtmögliche Transparenz, was mit den Daten passiert. Bekommt der Anwender einen Nutzernamen? Die Digitalisierung kann auch rein durch ihre Präsenz Probleme schaffen: Wenn einer kein Smartphone hat, darf er deswegen nicht benachteiligt werden.

Ihr habt ja mit einer Menge Daten zu tun – etwa mit der digitalen Patientenakte.
Davon halte ich viel, wenn es vernünftige Rahmenbedingungen gibt, etwa datenschutzrechtliche Bestimmungen. Die Akte erspart uns natürlich jede Menge Papierkram und sie ist schnell abrufbar. Wenn ein Patient über die Notaufnahme erneut zu uns kommt, hat man längst alle Informationen, ohne dass einer im Archiv wühlen geht. Wir wissen, warum ein Mensch in Behandlung war, haben Bluttest- und andere Ergebnisse. Aber sie muss natürlich gut gesichert sein.

Alles, was im Netz steht, kann gehackt werden.
Die Frage ist, wie einfach man das den Leuten macht.

Du arbeitest auf der Intensivstation. Wie sieht es dort mit digitalen Geräten aus?
Wir haben ein digitales Dokumentationssystem und jede Menge Daten, die von den Monitoren kommen. Werte des Beatmungsgeräts und anderen Maschinen, die an den Patienten angeschlossen sind. Sie werden in time auf Computer übertragen. Soweit die Theorie.

Im Prinzip muss man aber alles noch mal kontrollieren, was diese Geräte machen. Das ist Pflicht. Wenn was Falsches aufgezeichnet wird, muss das jemandem auffallen. Sollte es zu Problemen kommen, steht man in der Verantwortung.

Aber an sich ist das schon eine Arbeitserleichterung. Die Werte von Blutabnahmen werden im Labor eingescannt, wir können sie dann umgehend abrufen. Die Medikamentenabgabe wird digital gesteuert. Ich kann im Stationszimmer sehen, wie viel Milliliter geflossen sind, ohne dass ich zum Patienten reingehe. Das ist ein Schritt in die nächste Generation.

Werden Arbeitsabläufe so maschinisiert, dass Arbeitsplätze wegfallen?
Nein. Wir haben eher Personalmangel. Das, was die Maschinen übernehmen, erleichtert die Arbeit. Wenn ich die ganze Zeit dokumentieren müsste, welche Temperatur der Kühlschrank XY hat, weil das Gesundheitsamt das gerne gerade möchte, wäre das recht zeitaufreibend. Ich bin da lieber am Patientenbett.

© Privat

Melina Marquez, 27, ist Gesundheits- und Krankenpflegerin auf der Intensivstation in der Uni-Klinik Düsseldorf und stellvertretende JAV-Vorsitzende

"Hi, Ai" heißt ein schöner Film, der kürzlich im Kino war. Da bekommt eine alte Dame einen Pflegeroboter, der sie vor Demenz schützen soll. Bald stellt sich raus, der Roboter ist ein Trottel und pflegebedürftiger als sie. Welche Probleme kann Digitalisierung schaffen?

Wenn alles läuft, schafft sie Erleichterung. Aber wenn es irgendwo hakt, hat man in der Tat ein Problem. Dann werden Prozesse nicht ordentlich dokumentiert, und man muss das alles nachholen. Die Fehlersuche beginnt. Wir haben die ganzen Technik-Support-Sachen. Aber die sind nicht unbedingt sonntagnachts um 3 Uhr verfügbar. Wenn wir Nachtdienst haben und da akut was ausfällt, wird es schwierig.

Kommt das oft vor?
Gelegentlich.

Worüber klagen eure Auszubildenden?
Dass sie nicht vernünftig angeleitet werden. Dass sie als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden, ausbildungsfremde Arbeiten verrichten. Dann die theoretische Ausbildung: Unterrichtsinhalte stimmen nicht immer mit der Praxis überein.

Wie sieht dein Arbeitsalltag als JAVi aus?
Ich bin zwei Tage die Woche für die JAV freigestellt. Da habe ich viele Termine – in verschiedenen Ausbildungszentren; ich führe Krisengespräche mit Azubis, mache Stations- und Arbeitsplatzbegehungen, führe Vorstellungs- und Übernahmegespräche, Anhörungen.

Krisen welcher Art?
Mancher Auszubildende fühlt sich in seiner Abteilung alleingelassen oder überfordert. Oder wird nicht gut angeleitet. Umgekehrt bekommen wir Infos von der Station, dass sie dort nicht mit dem Azubi zufrieden sind, weil er nicht die Leistung bringt, die man gern hätte.

Wäre ein Ausbildungsroboter sinnvoll?
Ja, vielleicht für die theoretischen Sachen. In gewissem Sinne gibt es schon so etwas: Viele Inhalte werden per Video vermittelt. Es kommt immer gut an, wenn es etwas anderes als Frontalunterricht gibt.

Worin siehst du die Hauptaufgabe der Gewerkschaftsjugend bei diesen Prozessen? Den ganzen Fortschritt zu begleiten und in eine vernünftige Form zu bringen, sodass er etwas Gutes für die Auszubildenden hat. Sie muss Betriebsräte und JAVen unterstützen, sich in dem Thema fit zu machen. Es gibt schon Seminare zur Digitalisierung am Arbeitsplatz, auch wenn das noch nicht Routine ist.

Inwiefern betreffen digitale Modernisierungsaspekte der Ausbildung die Mitbestimmung?
Bis jetzt gibt es noch keine Dienstvereinbarungen dazu. Aber Datenschutz ist ein ganz großes Thema. Vereinbarungen müssen sinnvoll sein.

Kürzlich konnte eure Gewerkschaft ver.di einen Tarifvertrag für schulische Auszubildende abschließen, für diese Initiative habt ihr sogar den JAV-Preis der DGB-Jugend gewonnen. Spürt ihr schon Auswirkungen?
Die Auszubildenden haben vorletzten Monat ihr erstes Gehalt bekommen – und sind sehr, sehr glücklich! Einfach zufriedener. Die wissen: Wir kommen nicht mehr umsonst, jetzt gibt es eine gewisse Gegenleistung. Was die Bewerberzahlen angeht, da hat sich das noch nicht so extrem rumgesprochen. Im Bereich Medizinisch-Technische Radiologie-Assistenz habe ich aber das Gefühl, es gibt schon mehr Bewerber_innen.

Ein sehr technisierter, digitalisierter Beruf. Sind das andere Charaktere als Krankenpfleger-Auszubildenden?
Ja, in der Regel schon. Die sind technisch versierter und suchen gezielt diese Ausbildung, weil sie großes Interesse an Physik und Chemie haben. Denen liegt das einfach. Die haben zwar Patientenkontakt, aber nicht so wie in der Krankenpflege, wo es ja mitunter sehr intime Situationen gibt.

Wo siehst du die Digitalisierung in den nächsten zehn Jahren?
Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Letztlich zählt immer der menschliche Umgang mit den Patienten. Und da sollte sich auch nichts dran ändern.

Maschinen machen nicht unbedingt gesund?
So ist es.


(aus der Soli aktuell 6/2019, Autorin: Soli aktuell)