Deutscher Gewerkschaftsbund

Ohne Praxis in die Prüfung - Das "Schwarzbuch Ausbildung"

Das "Schwarzbuch Ausbildung" der DGB-Jugend verzeichnet eklatante Missstände in den Betrieben.

Schwarzbuch Ausbildung

Marie schreibt: "Ich stehe kurz vor einem Zusammenbruch. Ich gehe jeden Tag mit Bauchschmerzen zur Arbeit. Mein Beruf (Hörakustikerin) an sich macht mir sehr viel Spaß, aber das Arbeiten in der Filiale fällt mir schwer. Ich, 17, Azubi im ersten Lehrjahr, muss alle Hiwi-Arbeiten ausführen. Ich gehe bloß Einkaufen, bringe die Post weg, hole Geld, kümmere mich um das Altpapier."

Michelle fragt: "Ist das in Ordnung, dass ich im zweiten Lehrjahr nur einscanne, und ab wann darf ich was dagegen sagen, damit ich auch andere Sachen lerne?" Paul, kurz vor der Prüfung zum Maurergesellen, berichtet: "Ich habe in meiner kompletten Lehrzeit zwei, drei Stunden gemauert! Ich habe große Bedenken, dass ich meine praktischen Prüfungen schaffe. Ansprechpartner gibt es keinen in der Firma."

Fälle wie diese und schlimmere versammelt das neue "Schwarzbuch Ausbildung" der DGB-Jugend. Sie stammen aus der Beratungspraxis des Online-Forums "Dr. Azubi", wo Expert_innen der DGB-Jugend den anfragenden Auszubildenden helfen und sie auf die passenden gewerkschaftlichen Angebote hinweisen. Die Beratung ist anonym und kostenlos. Es gibt sie bereits seit 2003, und viele tausend Anfragen sind bis heute beantwortet worden.

Die Jugendlichen berichten von Kränkungen, Mobbing, Überarbeitung, Problemen mit Geld und Ausbilder_innen. Die hohen Vertragslösungsquoten – in manchen Berufen, wie bei Köch_in, bis zu 50 Prozent – sprechen Bände.

Mit der erneuten Auswahl besonders krasser Vorgänge am Ausbildungsplatz – bereits 2005 ist ein "Schwarzbuch" erschienen – macht die DGB-Jugend auf Missstände in der dualen Ausbildung aufmerksam. "Überstunden, ausbleibende Gehaltszahlungen und ausbildungsfremde Tätigkeiten sind belastend und hinderlich für die Ausbildung", sagt DGB-Jugend-Referent Daniel Gimpel.

Die Fälle zeigen: Es besteht dringender Handlungsbedarf. Besser ist in all der Zeit nichts geworden. Deswegen kämpft die Gewerkschaftsjugend derzeit um eine Reform des Berufsbildungsgesetzes. "Wir brauchen endlich ein belastbares System der Qualitätssicherung in der dualen Ausbildung", sagt Gimpel. "Die von Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden oft favorisierte Flexibilisierung und Modernisierung der Ausbildung ist eine gefährliche Sackgasse. Schmalspurausbildungen lehnen wir als Gewerkschaftsjugend ab."

Denn die würden Marie, Michelle und Paul echt nicht helfen. Die brauchen eine korrekte und gute Ausbildung, garantiert durch gute gesetzliche Rahmenbedingungen. Und eine starke gewerkschaftliche Mitbestimmung.


Das "Schwarzbuch Ausbildung" findet ihr auf http://jugend.dgb.de/ broschueren

(aus der Soli aktuell 5/2019, Autorin: Soli aktuell)