Deutscher Gewerkschaftsbund

Christopher Wysotzki über das Azubi-Ticket

Die DGB-Jugend hat lange dafür gekämpft: Nun kommt das Azubi-Ticket zum 1. August 2019 in Deutschlands größtes Flächenland Nordrhein-Westfalen. Soli aktuell sprach mit Christopher Wysotzki über weitere Entwicklungen.

Christopher Wysotzki

© Privat

Christopher Wysotzki von der EVG Jugend ist im Konzernbetriebsrat der DB AG Jugendkoordinator der Region West

Christopher, in einigen Regionen Deutschlands kommt das Azubi-Ticket zum 1. August, also zum neuen Ausbildungsjahr. Kommt es in der Form, wie es die DGB-Jugend eingefordert hat?
Nein, in Nordrhein-Westfalen leider nicht. Unsere Forderung sah vor, dass das Azubi-Ticket zu den gleichen preislichen Konditionen wie ein Semesterticket erworben werden kann. Nun liegen wir bei mehr als dem doppelten Preis.

Kann man das Angebot denn mit dem Semester-Ticket der Studierenden vergleichen?
Vom Umfang her auf jeden Fall! Der gesamte Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in NRW ist mit diesem Ticket nutzbar. Egal, ob dort Busse, Bahnen oder Straßenbahnen fahren, und egal, wer die Strecken betreibt. Nur steht das Azubi-Ticket viel mehr Personengruppen bei Bedarf zur Verfügung: Menschen in dualer und schulischer Ausbildung, denen im Freiwilligen Sozialen Jahr und im Bundesfreiwilligendienst. Sogar Beamtenanwärter_innen können das Ticket erwerben.

Bist du mit der Umsetzung sonst zufrieden? Deine Kritik klang ja beim Preis schon an…
Insgesamt ja. Für mich geht es aber nicht nur darum, dass die Auszubildenden zur Arbeit oder zur Berufsschule kommen, sondern auch darum, dass sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Wenn man viel Geld für wenig Mobilität ausgeben muss, ist das eine große Hemmschwelle, neben der Arbeit noch etwas anderes zu tun, z. B. ehrenamtlich aktiv zu sein oder Sport zu machen. Am Ende des Tages kostet dies alles Geld und davon haben Auszubildende in der Regel wenig. Und genau da liegt für mich der Knackpunkt: Das Azubi-Ticket ist noch zu teuer! Gerade für die Azubis, die wenig Ausbildungsvergütung bekommen, sind 82 Euro ein gewaltiger Batzen Geld.

Was sagen die Arbeitgeber dazu, beteiligen die sich eigentlich an den Kosten?
Im Allgemeinen höre ich öfter Aussagen wie "Der Weg zu Arbeit und nach Hause ist das Problem des Azubis" oder "Wenn die Kosten zu hoch sind, kann man doch näher an die Arbeit ziehen".

Diese Aussagen sind mich auf keinen Fall akzeptabel. Die Kosten für Mieten und den Lebensunterhalt steigen stetig, da Immobilien nicht mehr als Wohnraum, sondern als Kapitalanlagen gesehen werden. Konkret kann ich aber da für die EVG Jugend sagen, dass wir mit der Deutschen Bahn sowohl ein Job-Ticket als auch einen Mietkostenzuschuss für Nachwuchskräfte ausgehandelt haben. Doch freiwillig kam das nicht.

Der Kampf um das Ticket ist lang gewesen. Warum war es jetzt möglich, das Ticket durchzusetzen?
Das Azubi-Ticket konnte nun in Nordrhein-Westfalen durchgesetzt werden, weil wir als DGB-Jugend über zwei Jahre den Druck auf die Landesregierung stetig erhöht haben. Die Gewerkschaftsjugend hat das Thema immer weiter bespielt, die regionalen Zeitungen haben dazu immer wieder berichtet, Politiker_innen der Opposition und der Landesregierung haben sich öffentlich zu der DGB-Jugend-Forderung positioniert. Und zum Schluss haben sich auch die Arbeitgeberverbände und die Industrie- und Handwerkskammern auf unsere Seite geschlagen.

Alles in allem hatte man ein sehr breites Bündnis pro Azubi-Ticket aufgebaut und die Landesregierung zum Handeln "überredet".

Welche weiteren Maßnahmen hat die DGB-Jugend ergriffen?
Zunächst natürlich die klassische Öffentlichkeitsarbeit über Zeitungen und Social Media. Dann kam in den Mitgliedsgewerkschaften und anderen Jugendorganisationen hinzu. Auch musste man oft erstmal ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Mobilität ein Problem für Auszubildende ist.

Anfang 2018 wurde dann beschlossen, das ganze Jahr eine Kampagne zu dem Thema zu fahren. Unter dem Motto "Freifahrt! #Azubi-TicketJetzt" haben wir als DGB-Jugend verschiedenste Aktionen und Veranstaltungen durchgeführt.

Was war am erfolgreichsten?
Die Umsetzung! Für mich persönlich war es der größte Erfolg, dass wir es noch immer schaffen, ein breites Bündnis in der Gesellschaft für ein Thema zu schmieden: Und dass wir auch Leute erreicht haben, die mit Gewerkschaften in ihrem Alltag vielleicht nicht ganz so viel zu tun haben. Zum Beispiel wurden ja auch das FSJ und der Bundesfreiwilligendienst ins Ticket mitaufgenommen.

Kommt spät, aber kommt: das Azubi-Ticket – mit freundlichen Grüßen der DGB-Jugend

In der Soli aktuell hast du letztes Jahr gefordert, dass sich die Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) hinter das Thema klemmen müssten. Welche Erfahrungen habt ihr da gemacht?
Das Thema kam bei den JAVen sehr gut an. Es hat dafür gesorgt, dass sich die JAVen mit allgemeinpolitischen Forderungen beschäftigen, und es wurde über Jugendversammlungen auch in die Betriebe getragen. Und die Leute haben gemerkt, dass man mit Zeit und Engagement Forderungen durchsetzen kann. Jetzt gerade treten einige JAVen an ihren Arbeitgeber heran und fangen an, über die Fahrtkostenübernahme zu verhandeln. Das würde nicht passieren, wenn man die Leute nicht von Anfang an mitgenommen hätte.

Welchen Anteil am Erfolg haben ehrenamtlich tätige Auszubildende und junge Beschäftigte?
Einen wesentlichen. Am Ende des Tages macht die Landesregierung Politik im Sinne ihrer Partei(en) – und wenn der Ruf nach einem Azubi-Ticket unbeantwortet geblieben wäre, hätte man, und das zurecht, der Landesregierung vorwerfen können, kein Interesse an der dualen Ausbildung und an jungen Menschen zu haben.

Aber auch sonst wäre dieser Erfolg so nicht möglich gewesen: Ein Großteil des Drucks ist dadurch entstanden, dass das Thema Azubi-Ticket fast überall präsent war. Ohne engagierte Leute, die das Thema zu Hause an den Frühstückstisch getragen haben, würden die Verhandlungen heute noch laufen.

Sicher hast du als Mitglied der EVG Jugend und Bahn-Mitarbeiter ein spezielles Interesse am Azubi-Ticket. Ist die Bahn-Auslastung nicht schon sehr hoch? Kommen jetzt viele Passagiere hinzu?
Natürlich. Im Speziellen haben wir das Problem, dass unsere Kolleg_innen auch erstmal auf Produkte der DB angewiesen sind. Und da die DB Regio im zentralen Ruhrgebiet fast alle Strecken verloren hat, ist es umständlicher geworden, von A nach B zu kommen. Daher kam das Azubi-Ticket genau zum richtigen Zeitpunkt.

Die Auslastung des ÖPNV ist ja in der Regel ein Teufelskreis: Die Bahnen sind voll, also fahren weniger Leute mit. Dann sinken die Fahrgastzahlen, und das Bahnunternehmen setzt kleinere Züge ein bzw. lässt diese seltener fahren. Also werden die Züge wieder voller – und das Spiel geht von vorne los.

Was ist euch dabei wichtig?
Dass die Fahrgastzahlen steigen. Denn auch wenn dies erstmal unangenehm für den einzelnen Fahrgast ist, so führt es mittelfristig zum Ausbau des ÖPNV. Mobilität ist eines der Bedürfnisse, die unserer Meinung nach nicht gewinnorientiert, sondern bedarfsdeckend betrieben werden müssen. Nur durch Investition, Ausbau und Planungssicherheit für die Verkehrsbetriebe kann der ÖPNV langfristig für eine Verbesserung der Mobilität sorgen. Auch für die Umwelt und die Nachhaltigkeit müssen wir weg vom Individualverkehr mit Autos, hin zu Alternativen, die bereits flächendeckend vorhanden sind.

In ländlichen Gegenden ist es aber oft nicht möglich, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Es gibt sie nicht oder man ist ewig unterwegs. Was ist dort mit den Auszubildenden?
Zum einen kam daher auch die Forderung, dass das Azubi-Ticket freiwillig sein muss. Also nicht wie beim Semesterticket zwingend. Dazu kann man aber auch im ländlichen Raum Park&Ride-Parkplätze nutzen, um dann von dort aus mit den öffentlichen Verkehrsmitteln weiter zu pendeln. Dies entlastet nicht nur die Straßen, sondern spart dann auch Sprit- und Parkkosten.

Natürlich ist mir bewusst, dass wir mit dem Azubi-Ticket nicht alle Probleme lösen können, aber ich glaube, dass der Nutzen insgesamt überwiegt und dass es für viele Auszubildende eine gute Alternative bietet.

Dein Ausblick: Woran muss noch gearbeitet werden?
Ich glaube, da gibt es noch genug zu tun – und an Ideen mangelt es uns auch nicht. In Hessen etwa wird jetzt über ein Senioren-Ticket nachgedacht, das zu den gleichen Konditionen angeboten werden soll wie das Schüler-Ticket – ein Euro pro Tag für ganz Hessen. Wenn man das erweitern möchte, ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Arbeitnehmer-Ticket kommt.

Ein konkretes Ziel ist für mich, dass erstmal jedes Bundesland ein Azubi-Ticket anbietet. Bei den kleinen Bundesländern müsste es dann sogar grenzübergreifend sein. Aber auch der kostenfreie – solidarisch finanzierte – ÖPNV, am besten in ganz Deutschland, ist ein Ziel, das langfristig durchaus erreichbar ist. Im großen Ganzen glaube ich, dass das Thema Mobilität uns noch eine ganze Weile begleiten wird.

Azubi-Ticket – der derzeitige Stand

  • Baden-Württemberg hat kein Gesamt-Ticket, aber vielerorts gibt es ein Angebot analog zum üblichen Schüler-Ticket.
  • Bayern hat kein Azubi-Ticket, obwohl die Ein-Euro-Lösung im Koalitionsvertrag steht. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat mal als Ziel das Jahr 2030 erwähnt. Die DGB-Jugend kämpft mit verschiedenen Parteijugenden für eine raschere Umsetzung.
  • Berlin hat ein Azubi-Ticket genanntes Angebot, derzeit für 31 Euro im Monat.
  • Brandenburg macht streckenweise mit Berlin im Verbund gemeinsame Sache, richtig billig ist das Angebot auch dort nicht (z. B. Monatskarte Potsdam 29,40 Euro/Monat).
  • Bremen hat kein Ticket, hier läuft gerade eine Umfrage der DGB-Jugend.
  • Hamburg wartet auf ein Azubi-Ticket, die Kosten sollen rund ein Euro pro Tag betragen.
  • Hessen hat das Azubi-Ticket bereits 2017 eingeführt, für zunächst drei Jahre. Kosten: 365 Euro/Jahr.
  • In Mecklenburg-Vorpommern gibt es kein Ticket, in Rostock aber ab 2020 kostenlosen Nahverkehr für alle Schüler_innen inkl. Auszubildende.
  • Niedersachsen hat kein Ticket, die DGB-Jugend organisiert dort aber ebenfalls eine Azubi-Umfrage; die Politik sendet positive Signale. Perspektive: Das wird was.
  • Nordrhein-Westfalen, das größte Bundesland, führ des Azubi-Ticket ab dem 1. August 2019 für monatlich 62 Euro in der Basisversion für einen der vier Verkehrsverbünde ein, 82 Euro kostet das NRW-weite Azubi-Ticket.
  • Rheinland-Pfalz wartet auf ein Azubi-Ticket, die DGB-Jugend ist mit verschiedenen Partnern am Ball.
  • Saarland: Ein Azubi-Ticket ist dort in die Schülerfahrkarte integriert. Preis: ab 49 Euro aufwärts. Da ist Luft nach unten.
  • Sachsen hat ab 1, August ein Azubi-Ticket für 48 Euro/Monat. Damit kann man zwei Verbünde nutzen, bei jedem weiteren kostet es 5 Euro mehr. DGB-Bezirksjugendsekretärin Marlen Schröder: "Wir begrüßen diesen richtigen und wichtigen Schritt, erwarten allerdings, dass das Ticket bald wesentlich günstiger wird. Die Kosten für die Lebenshaltung steigen schließlich weiter."
  • Sachsen-Anhalt hat kein Ticket, die Verkehrsverbünde äußern sich jedoch wohlwollend, warten aber auf die politische Ansage. Die DGB-Jugend hat eine Umfrage gestartet.
  • In Schleswig-Holstein gibt es kein Ticket, es wird über eine Einführung debattiert.
    Thüringen hat ein Azubi-Ticket (außer der Landkreis Greiz). Für Azubis fallen 50 Euro/Monat an.


(aus der Soli aktuell 5/2019, Autorin: Soli aktuell)