Deutscher Gewerkschaftsbund

Aufwertung und Entgrenzung: Ausbildung 4.0 im Handwerk

Ausbildung 4.0? Gewerkschaft 4.0! Heizungsbauer Robert Gaudl über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Handwerkerausbildung.

Robert Gaudl

© Robert Gaudl

Robert Gaudl ist ehrenamtlich bei der DGB-Jugend Hamburg und der IG Metall aktiv

Robert, als Heizungsbauer bist du oft vor Ort auf Baustellen und in Privathaushalten. Wie läuft da die Kommunikation mit den Auftraggebern und der Firma?
Mittlerweile können erste Datenaufnahmen für Reparatur- bzw. Folgearbeiten oder auch die klassische Terminabsprache direkt durch die Monteur_innen vor Ort durchgeführt werden. Auch wenn das je nach Firma anders ausfällt: Es ist immer häufiger der Fall, das Tablets oder andere Endgeräte einen Zugang zur Wochenplanung bieten und man dadurch selber Termine vereinbaren kann.

Verändert sich die Arbeit vor Ort selbst? Welche Verwendung finden digitale Geräte und Prozesse sonst noch im Handwerk und seiner Ausbildung?
Wie gesagt: Dies variiert natürlich je nach Aufgabenbereich und Betrieb. Für die Arbeit im Kundendienst werden digitale Hilfsmittel immer wichtiger. Ob es nun für die Termin-Absprache per Tablet oder die Ersatzteilsuche und Bestellung per App ist. Aber nicht nur digitale Hilfsmittel verändern die Arbeit: Themen wie Smart Home oder Ferndiagnose per Wlan waren vor einiger Zeit undenkbar. Damit verändern sich auch die Anforderungen an die Kolleg_innen.

Leider können digitale Anwendungen auch zur Überwachung und Leistungskontrolle eingesetzt werden. Immer mehr Betriebe rüsten ihre Autos mit GPS aus. Der Chef meint dann oft, man brauche das, um den Kunden nachweisen zu können, wie lange man wirklich vor Ort war.

Auch wenn es nicht zulässig ist: GPS kann natürlich auch genutzt werden, um die Kolleg_innen zu überwachen. Mittlerweile gab es sogar schon Fälle, wo versucht wurde, Kolleg_innen aufgrund der erhobenen Daten abzumahnen.

Welche Veränderungen machen sich sonst noch bemerkbar?
Grundsätzlich ist die Branche schon seit Längerem im Umbruch. Vor einiger Zeit entstand aus eigentlich zwei verschiedenen Berufen der "Anlagenmechaniker SHK (Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik)". Die Fusion hat leider auch zu einer Verkürzung der Ausbildungszeit geführt. Die vorherigen Berufsbilder des Zentralheizungs- und Lüftungsbauers und des Gas- und Wassermonteurs hatten zusammengerechnet eine Ausbildungszeit von 6,5 Jahren. Beim Anlagenmechaniker SHK sind es jetzt nur noch 3,5 Jahre. Die Folge: eine ziemliche Leistungsverdichtung in der Ausbildung. Natürlich finden auch immer größere Veränderungen im Bereich des Klima- und Umweltschutzes statt. Immer mehr Betriebe erweitern mittlerweile ihr Tätigkeitsfeld um das Thema Erneuerbare Energien.

Inwiefern sind speziell Azubis von der Digitalisierung im Handwerk betroffen?
Es gibt sicherlich Branchen, in denen die Digitalisierung stärker und schneller Einzug in die Ausbildung hält als im SHK-Handwerk. Es gibt noch viele Betriebe, in denen das Thema in der Ausbildung nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle spielt. In unserem Betrieb ist es zumindest schon möglich, sein Berichtsheft digital zu schreiben.

In der Berufsschule sieht das schon anders aus: Inhalte werden immer öfter digital, etwa mit Whiteboards, vermittelt. Und es gibt seit einiger Zeit funktionierendes Wlan! Was jedoch mittlerweile immer mehr Azubis betrifft, ist WhatsApp. Diese App vereinfacht die Kommunikation zwar deutlich. Andererseits finden Gespräche immer öfter auch außerhalb der Arbeitszeiten bzw. der Zeiten im Betrieb statt – und dies führt zu einer Entgrenzung der Arbeit.

Welche positiven Züge trägt die Digitalisierung in der Handwerker-Ausbildung?
Auch wenn in Sachen bessere Ausbildung dank Digitalisierung sicher noch einiges geht, gibt es schon erste Schritte in die richtige Richtung. Neben den genannten Dingen macht manches die Ausbildung einfacher: So kann man seinen Ausbilder bei Problemen mit Gesell_innen viel schneller erreichen.

Die größeren Veränderungen gibt es aber im Berufsbild selbst: Zur klassischen handwerklichen Arbeit kommen immer mehr digitale Inhalte, die zu einer Aufwertung des Berufs führen.

Und welche negativen?
Wenn natürlich neue Inhalte dazukommen, fallen andere weg. Das sind leider oft alte handwerkliche Techniken wie z. B. Blei auf Kupfer löten. Für die Azubis ist jedoch die permanente Leistungsverdichtung in der Ausbildung und die immer stärkere Entgrenzung der Arbeit problematischer.

Inwiefern betreffen digitale Modernisierungen eurer Ausbildung Bereiche der Mitbestimmung?
Auch wenn sich grundsätzlich die Kommunikation zwischen den Kolleg_innen vereinfacht hat: Es wird immer schwerer, mit ihnen persönlich ins Gespräch zu kommen bzw. sie für Probleme im Betrieb zu sensibilisieren. Wie das vor einigen Jahren war – dass alle morgens in der Firma zusammen angefangen haben und man Zeit hatte, Probleme zu diskutieren – das wird immer seltener. Vielmehr fahren die Kolleg_innen direkt zum Kunden. Das erhöht natürlich die Produktivität, aber die Interessenvertretung wird deutlich schwieriger.

Ein weiterer Trend ist der, dass sich mittlerweile auch große Handwerksfirmen in mehrere kleinere Betriebe aufspalten. Das hat zwar erstmal nichts direkt mit der Digitalisierung zu tun, macht unsere Arbeit aber auch nicht einfacher.

Worin kann die Aufgabe der Gewerkschaften und der Gewerkschaftsjugend bestehen?
Die genannten Veränderungen dürfen natürlich nicht ohne uns stattfinden. Aber noch wichtiger ist es, dass wir als Gewerkschaften endlich eine Antwort auf Frage bekommen, wie wir die Kolleg_innen in Klein- und Kleinstbetrieben erreichen. Die meisten Betriebe im Handwerk haben keine Jugend- und Auszubildendenvertretung. Entweder fehlt sowieso schon ein Betriebsrat oder es hat schlichtweg zu wenig Auszubildende.

Wenn wir nicht wollen, dass die Digitalisierung in diesen Betrieben ausschließlich nach Vorstellung des Chefs stattfindet, müssen wir endlich gegensteuern. Ein Ansatz könnte die stärkere Präsenz der Gewerkschaftsjugend in den Berufsschulen sein. Die DGB-Berufsschultour ist dafür sicher eine gute Basis, auf der man aufbauen kann.


(aus der Soli aktuell 3/2019, Autorin: Soli aktuell)