Deutscher Gewerkschaftsbund

Gewinner und Verlierer 4.0

Ausbildung 4.0 in der Gesellschaft: Die Arbeitssoziologin Nicole Mayer-Ahuja warnt vor den Folgen einer unüberlegten Digitalisierung.

Nicole Mayer-Ahuya

© Nicole Mayer-Ahuya

Nicole Mayer-Ahuja ist Direktorin des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) und Professorin an der Universität Göttingen. Auf der DGB-Jugend-Sommerakademie 2018 hielt sie das Impulsreferat zur Zukunft der Arbeit.

Frau Mayer-Ahuja, Sie sind Arbeitssoziologin. Was ist Ausbildung 4.0 für Sie und wo begegnet man ihr?
Im Kern verweist der Begriff "Ausbildung 4.0" auf "die Ausbildung der Zukunft", wobei es oft stark um IT-Kompetenzen geht. Ich möchte das aber einschränken: Diese "4.0"-Begriffe sind immer etwas unklar. Das Ganze kommt aus der Diskussion um die "Industrie 4.0", das steht für die vierte industrielle Revolution. Nach Dampfmaschine, Fließband und Computer passiert jetzt was völlig Neues, so die Überlegung. Der Terminus stammt von der Hannover-Messe 2011, dort haben die Unternehmerverbände diese Losung ausgegeben und bald ein ziemlich erfolgreiches Lobbying durchgeführt.

Auf der anderen Seite: Klar, wir müssen uns mit den neuen Entwicklungen auseinandersetzen. "Arbeit 4.0" ist aber letztlich ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Phänomene…

…die Erscheinungsformen der digitalen Vernetzung von Mensch und Maschine.
Es geht um den Einsatz von neuen digitalen Assistenzsystemen in der Fertigung, Datenbrillen, neue Geschäftsmodelle, Online-Handel, neue Anforderungen an die Logistik. Wir reden von neuen Formen der Arbeitskontrolle, etwa die GPS-Überwachung von Beschäftigten per Datenarmband.

Reden nicht schon die Maschinen untereinander – der Eisschrank kontaktiert die Kühltheke und sagt, was fehlt?
Ja, ähnliche Phänomene werden in Bezug auf die smarte Fabrik diskutiert: Da werden oft Bilder veröffentlicht – der Drucker sendet eine Sprechblase ans Papierlager: "Ich brauche Nachschub." Das ist die Schreckversion einer Arbeitswelt, die ohne Arbeit auskommt: die menschenleere Fabrik.

Meine Erfahrung ist: Das Internet macht eher mehr Arbeit als weniger.
Meine auch. Und genau das ist interessant für Leute, die am Anfang ihres Berufslebens stehen. Einerseits gibt es Prognosen, dass im Zuge der Digitalisierung jeder zweite Job wegfällt. Wir sagen, dass das so nicht stimmt. Da hat sich jemand die Klassifikationen der Berufe daraufhin angeschaut, ob der Beruf durch Digitalisierung betroffen sein könnte. Beispiel Sekretariat: Das Berufsbild dort hat sich stark gewandelt. Kein Mensch diktiert noch Briefe. Dafür werden Dienstreiseanträge bei uns an der Uni jetzt digital ausgefüllt, Projektgelder online verwaltet usw. Der Beruf hat sich also massiv verändert, aber es gibt ihn weiterhin. Und wenn Jobs durch neue Technologien wegfallen, kommen oft neue hinzu.

Dennoch herrscht angesichts der Digitalisierung aus guten Gründen Verunsicherung. Die "4.0"-Debatte führt dazu, dass die Kolleg_innen in den Betrieben denken, ihnen werde der Boden unter den Füßen weggezogen. Die bisherigen Qualifikationen seien nichts mehr wert. Aber wenn man sich konkret fragt, wie man früher mit Rationalisierungen umgegangen ist, dann gibt es da viele Erfahrungen mit der Einführung neuer Technologien. Man muss über Arbeitsschutz und Arbeitszeiten reden, über Beschäftigung und Qualifikationsprofile. Sobald man Digitalisierung nicht mehr als Naturkatastrophe behandelt, kann man die anstehenden Veränderungen auch handhabbar machen.

Sie sagen, dass Haupt- und Realschüler_innen hier schlechte Karten haben.
2013 ist erstmals ein größerer Teil der Schulabgänger_innen an der Hochschule gelandet als in der dualen Ausbildung. Für Tätigkeiten, für die man in der Vergangenheit mit Haupt- oder Realschule qualifiziert war, wird heute das Abitur erwartet.

Diejenigen, die einen Hauptschul- oder gar keinen Abschluss haben, haben Schwierigkeiten, überhaupt eine Ausbildungsstelle zu bekommen. Die landen dann im Übergangssystem in berufsqualifizierenden Kursen, gehen von einer Maßnahme in die nächste, aber finden kaum Zugang zu einer dualen Ausbildung. Ich rede oft mit Jugendvertreter_innen. Selbst in großen Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie wird teilweise unterhalb des Abiturs kaum noch eingestellt.

Bedeutet "Ausbildung 4.0" also auch "Klasse 4.0" oder womöglich gar "Hartz 4.0"?
Rationalisierung bedeutet immer, dass es eine Auseinanderentwicklung von Chancen gibt. Da gibt es die Rationalisierungsgewinner – Beschäftigte, die durch neue Technologien wirklich interessantere Tätigkeitsfelder bekommen.

Auf der anderen Seite stehen jene, die stärker kontrolliert werden, bei denen die Arbeit immer kleinteiliger wird oder gleich ganz wegfällt.

Wie könnte die Gewerkschaftsjugend an dieser Stelle einwirken?
In den Betrieben gibt es jede Menge Erfahrung damit, wie man mit Rationalisierungsfolgen umgeht. Es ist immer so, wenn neue Technologien aufkommen: Unternehmen formulieren Strategien, wie sie genutzt werden sollen – und dann muss die gewerkschaftliche Interessenvertretung darauf hinwirken, dass die Interessen der Beschäftigten gewahrt sind. Ob eine olympiareife Kleinmannschaft herangezogen und der Rest der Belegschaft abgewertet wird oder ob Qualifizierungsprofile geschärft, Weiterbildungen betrieblich organisiert und bezahlt werden – das ist keine Frage von Technologie, sondern von Entscheidungen, Interessen und Kräfteverhältnissen.

Wie wird sich diese Entwicklung in den nächsten zehn Jahren fortsetzen?
Das lässt sich schwer vorhersagen. In großen Unternehmen mit starken Mitbestimmungsgremien wird Digitalisierung zum Gegenstand von Verhandlungen zwischen Unternehmen und Belegschaft darüber werden, wie mit Qualifikation umgegangen wird. Wer eingestellt wird; wie junge Leute ausgebildet werden. Aber jetzt schon hat ein immer größer werdender Teil des Arbeitsmarktes keine Interessenvertretungen und keinen Kontakt zu den Gewerkschaften. Besonders dort besteht die Gefahr, dass Beschäftigte vor allem mit den Kontroll- und Überwachungspotenzialen der neuen Technologien konfrontiert sind. Da wird es schwierig, Gegenwehr zu organisieren. Das müsste ein Schwerpunkt der "4.0"-Debatte sein.

Inwiefern sind Sie selbst betroffen von neuen Technologien? Gibt es schon den Soziologenroboter?
Den würde ich mir manchmal wünschen! In meinem Bereich zeigt sich Digitalisierung so, dass Smartphones und Teleteaching öfter in der Lehre eingesetzt werden. Teilweise können Studierende in der Vorlesung zu bestimmten Fragen online abstimmen oder Rückmeldungen geben. Aber ehrlich gesagt: Feedback bekomme ich immer noch lieber persönlich.


(aus der Soli aktuell 2/2019, Autorin: Soli aktuell)