Deutscher Gewerkschaftsbund

Das Anliegen unserer Generation

Jugend weltweit: Joscha Wagner von der DGB-Jugend berichtet über die Ereignisse beim IGB-Weltkongress in Kopenhagen.

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Für die DGB-Jugend beim IGB-Kongress aktiv: (v. l.) Joscha Wagner, Josef Holnburger und Jana Störtzer

Joscha, du warst Ende letzten Jahres für die DGB-Jugend beim Weltkongress des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB). Das Motto lautete "Building Workers' Power"…
Mit dem Untertitel "Die Regeln neu festlegen". Ich habe das Motto als Auftrag für die kommenden vier Jahre verstanden. Ich denke, dass es durchaus gelungen ist, die internationale Gewerkschaftsbewegung für die Zukunft zu stärken, in organisatorischer wie inhaltlicher Hinsicht.

Wie viele Delegierte wart ihr und wie viele Delegierte waren unter 27 Jahre alt?
Insgesamt waren mehr als 1.000 Menschen beim Kongress, darunter 779 Delegierte aus 131 Ländern, die 250 Organisationen repräsentierten. Die Altersgrenze "Jugend" liegt beim IGB bei 35 Jahren. Unsere Delegation bestand aus 16 Leuten, dazu kamen noch Berater- und Beobachter_innen. Die Anzahl der unter 35-Jährigen in unserer Delegation variierte zwischen drei und fünf Kolleg_innen, damit stellten wir wohl eine der jüngsten Delegationen. Insgesamt war ein Jugendanteil von 15 Prozent je Delegation angepeilt, der mit 9,6 Prozent jedoch deutlich unterschritten wurde. Das haben wir auch im Plenum deutlich kritisiert und die Verbände aufgefordert, der jungen Generation eine Chance zu geben, die zukünftigen Probleme selbst anzupacken.

Welche Probleme sind, weltweit gesehen, für die Gewerkschaften die brisantesten?
Einerseits autoritäre Regierungen, die fast immer auch eine neoliberale Politik durchsetzen und die Rechte von Gewerkschafter_innen einschränken. Sei es in Europa, wie etwa in Österreich, dort soll etwa die betriebliche Jugendvertretung abgeschafft werden, oder nun auch verstärkt in Lateinamerika. Andererseits die Krise des Multilateralismus, die unsere Handlungsmöglichkeiten auf internationaler Ebene einschränkt. Am Ende hängt beides aber, siehe Trump, auch wieder miteinander zusammen.

Spielen die Interessen der jungen Beschäftigten in der internationalen Gewerkschaftsszene eine Rolle? Wie wurde über "Jugend" diskutiert?
Die Anliegen unserer Generation finden sich an zahlreichen Stellen des beschlossenen Gesamtpapiers, etwa hinsichtlich des Zugangs zu Bildung, Armut trotz Arbeit, Jugendarbeitslosigkeit, aber auch im Hinblick auf Kinderarbeit. Wir spielen also durchaus eine Rolle. Tatsächlich wurden diese Themen jedoch überwiegend von der "Jugend" selbst angesprochen. In diesem Zusammenhang hatte ich mir mehr Engagement der "Erwachsenen" erhofft.

Was drängt beim Thema junge Beschäftigte am meisten?
Erst einmal gute und zukunftssichere Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen zu schaffen. In zahlreichen Redebeiträgen ging es immer wieder um mangelnde Existenzsicherung von jungen Menschen, die oft durch Ausnahmen, etwa bei Mindestlöhnen, global bestehen. Als DGB-Jugend haben wir daher unser Konzept der Mindestausbildungsvergütung im Plenum vorgestellt und dafür auch großen Zuspruch erhalten.

In Deutschland spricht die Gewerkschaftsjugend über gesetzliche Veränderungen bei der Berufsbildung. Inwiefern sind diese Themen im internationalen Kontext interessant?
Auch international spielt die grundlegende Verrechtlichung und Regelung der Ausbildung eine Rolle, da in den meisten Ländern junge Menschen nicht ausgebildet, sondern nur auf einen Beruf angelernt werden. Dies geschieht zu oft ohne gesetzliche Vorgaben, das wurde deutlich kritisiert.

Konnte die Gewerkschaftsjugend Anträge einbringen, und wenn ja, welche?
Die Antragsberatung war auf dem Kongress anders gestaltet als für uns üblich. Statt einzelner Anträge wurde ein umfassendes Gesamtpapier diskutiert, das auf vier Säulen fußte: Frieden, Demokratie und Rechte; Regulierung der Wirtschaftsmacht; Globale Verschiebungen – Gerechte Übergänge; Gleichstellung. An jedem Tag wurde eine Säule im Plenum diskutiert, wenngleich Überschneidungen in der Debatte natürlich nicht ausblieben. Wir haben im Übrigen die Änderungsanträge des DGB unterstützt.

Welche besonderen Vorkommnisse gab es, war etwas besonders auffällig?
Inhaltlich war schnell ersichtlich, dass Uneinigkeit hinsichtlich des Umgangs mit dem Nahost-Konflikt bestand. Einige Redebeiträge in diesem Kontext entgleisten völlig, was die Schuldzuweisungen an Israel und die dabei verwendete Sprache betraf. Hier zeigte sich, dass die kürzlich erfolgte Erneuerung des Beschlusses zu Israel-Boykotten seitens der DGB-Jugend absolut richtig und notwendig war. Wir werden prüfen, inwiefern wir zukünftig den Umgang mit Antisemitismus zum Thema auf der internationalen Ebene machen können.

An welchen Punkten gab es noch Dissens, wo ist sich die internationale Gewerkschaftsbewegung uneins?
Überwiegend im Hinblick auf die Organisation des IGB. Das zeigte sich auch im äußert knappen Wahlergebnis bei der Wahl zur Generalsekretärin. Die Herausforderin Susanna Camusso aus Italien, die übrigens von unserer Delegation unterstützt wurde, konnte erst vor drei Monaten ihren Wahlkampf beginnen und dabei im Gegensatz zur wiedergewählten Sharan Burrow nicht auf die Infrastruktur des IGB zurückgreifen. Trotzdem erreichte Susanna 48 Prozent der Stimmen – das war im Vorfeld nicht zu erwarten –, was wohl auch an ihrer engagierten dreisprachigen Rede lag, in der sie konkret die aktuellen Probleme im IGB angesprochen hat.

Unterm Strich: Wie kann die DGB-Jugend von der Konferenz profitieren?
Vor dem Hintergrund der unzähligen Erfahrungen, die ich persönlich, aber auch wir als DGB-Jugend auf der Konferenz sammeln konnten, bin ich durchaus zufrieden. Wir können zahlreiche inhaltliche Perspektiven, beispielsweise hinsichtlich der Reformbedürftigkeit der multilateralen Institutionen und der Verbesserungsvorschläge seitens der Gewerkschaftsbewegung, mit in unsere Strukturen nehmen und die gemachten Erfahrungen teilen. Das ist aus meiner Sicht der größte Gewinn.


"Boykottiert die Boykotte": Zum Israel-Beschluss der DGB-Jugend siehe: https://jugend.dgb.de/-/a93

(aus der Soli aktuell 2/2019, Autorin: Soli aktuell)