Deutscher Gewerkschaftsbund

Jugend als Herz und Motor beim ver.di-Kongress

Diesen Herbst fand der ver.di-Bundeskongress mit 1.000 Delegierten statt. Die ver.di Jugend war dabei stark vertreten. Kai Reinartz, sagt, was sie erreicht hat.

© Jörg Farys

Kai Reinartz ist der Vorsitzende der ver.di Jugend

Kai, der ver.di-Kongress war mit 1.000 Delegierten sehr groß. Wie habt ihr euch dort gefühlt?
Die Atmosphäre war gut! Wir haben als ver.di-Jugend verschiedene Aktionen durchgeführt. Den DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann haben wir mit einem Banner gefragt, ob er mit uns politisch streiken gehen will. Und zwei Aktivistinnen von der "Fridays for Future"-Bewegung aus Leipzig haben wir lautstark und eindrucksvoll unterstützt.

Wie reagierten die Delegierten darauf?
Durchweg positiv. Neben den genannten Aktionen gab es noch eine über die komplette Dauer des Bundeskongresses. Bei der Eröffnungsrede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier haben wir einen Jugendblock gebildet und hatten alle orange Rettungswesten an, um auf die Nöte der Geflüchteten, die versuchen, das Mittelmeer zu überqueren, aufmerksam zu machen. Wir können da nicht einfach wegsehen, wir müssen etwas unternehmen. Wir haben Spenden gesammelt für die Organisation Sea-Eye. Insgesamt sind mehr als 6.000 Euro zusammengekommen. Auch der Bundespräsident hat eine Spendenpatenschaft übernommen, wie viele Kolleg_innen auch.

Wieviel Delegierte stellte die Jugend?
Wir waren mit rund 95 Delegierten aus dem Bereich Jugend vertreten, das waren rund zehn Prozent aller Delegierten.

Welche Themen lagen euch besonders am Herzen?
Natürlich wollten wir unsere Anträge an den Bundeskongress, die wir auf unserer Bundesjugendkonferenz diskutiert und verabschiedet haben, beschließen lassen und sie als Position der gesamten Organisation ver.di setzen. Besonders am Herzen lagen uns hierzu unsere Leitanträge zu den Themen Mitbestimmung 4.0, Digitalisierung und Ausbildung 4.0, ver.di aktiv gegen rechts, Zukunft der Ausbildung, Jugend im Fokus 2.0, Zielgruppenarbeit in der Nachwuchsentwicklung und Jugendbildungsarbeit – ein Garant für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit und Jugendtarifarbeit.

Ihr habt darüber hinaus einen Antrag auf Abschaffung von Leiharbeit eingebracht, der auch angenommen wurde. Welche Konsequenzen hat er?
Wir haben beschlossen, dass ver.di sich mit allen seinen Untergliederungen dafür einsetzt, Leiharbeit langfristig abzuschaffen. Wir müssen uns im Gesetzgebungsverfahren einmischen und hierfür Regelungen bewirken. Auch müssen wir bei anstehenden Tarifverhandlungen den Einsatz von Leiharbeitenden unattraktiver für Arbeitgeber_innen machen.

© Jörg Farys

Ja, ja oder ja: Keine leichte Entscheidung für den DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann (m.).

Ihr seid auch für eine Verkürzung der Arbeitszeit. Wieviel ist eurer Ansicht genug?
Wir möchten das Thema der Arbeitszeitverkürzung auf die Tagesordnung setzen und eine Diskussion darüber anstoßen, wieviel genug ist. Ich denke, es ist schwer, hier für alle Branchen eine gemeinsame Antwort zu finden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Arbeitszeitverkürzung, z. B. die Reduzierung der täglichen oder wöchentlichen Arbeitszeit, mehr Freizeit durch zusätzliche freie Tage… Es gibt auch Stimmen, die ganz radikal sagen: Nach vier Stunden am Tag muss Schluss sein. Ich persönlich würde sagen, dass bei einer regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit von maximal 35 Stunden Schluss sein muss.

Ihr wollt in den nächsten Jahren die Jugendarbeit unter dem Motto "Jugend im Fokus 2.0" in den Betrieben stärken, Welche Schritte werden dafür unternommen?
Wir werden ein Konzept zur Jugend-Aktiven-Struktur erarbeiten und unsere erfolgreiche "Empower"-Trainingsreihe für junge Aktive fortführen und weiterentwickeln.

Gab es weitere wichtige Anträge?
Es gab und gibt sogar noch viele wichtige Anträge. Leider haben wir es nicht geschafft, alle auf dem Bundeskongress zu beraten. Rund 100 Anträge werden im November durch unseren Gewerkschaftsrat entschieden. Spannend wird sicherlich noch die Diskussion zur Unvereinbarkeit von ver.di und der AfD. Die Gewerkschaft EVG hat es vorgemacht und die ver.di Jugend fordert dies auch.

Wie ist euer Eindruck: Hat die Jugend einen guten Stand bei ver.di?
Oft wird gesagt: Die Jugend ist unsere Zukunft. Ich glaube das viele Kolleg_innen das nicht nur als Phrase sehen, sondern auch in den Betrieben und Dienststellen leben. Trotzdem läuft das noch nicht flächendeckend. Insgesamt denke ich, dass die Jugend als Herz und Motor von ver.di verstanden wird und dass wir einen guten Stand haben.

Hattet ihr schon die Gelegenheit, mit eurem neuen Vorsitzenden Frank Werneke zu sprechen?
Der war bereits bei unserer Bundesjugendkonferenz im Mai dieses Jahres, dort hatten wir einen kurzen Austausch mit ihm. Im Anschluss an seine Wahl haben wir ihm natürlich auch gratuliert. Wir möchten uns bald mit ihm zusammensetzen und über – mögliche – Arbeitsschwerpunkte sprechen.

Welchen Blick habt ihr auf die Jugendarbeit der nächsten vier Jahre – zumal die Gewerkschaft ja umstrukturiert wird?
Die nächsten – mindestens – vier Jahre werden spannend bei der Struktur unserer Gewerkschaft. Die Fachbereiche verändern sich, und das darf nicht dazu führen, dass die Jugendarbeit leidet. Wir werden unsere erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre fortführen. Wir stehen vor vielen gesellschaftlichen und gewerkschaftspolitischen Herausforderungen, denen wir uns stellen und die wir gemeinsam mit unseren Mitgliedern in ihrem Sinne angehen.

Die Gewerkschaft ver.di
Ende September 2019 fand der ver.di-Bundeskongress in Leipzig statt. Die Delegierten repräsentierten insgesamt rund zwei Millionen Mitglieder aus 13 Fachbereichen. Alle Anträge können auf der Kongress-Homepage eingesehen werden.


(aus der Soli aktuell 12/2019, Autorin: Soli aktuell)