Deutscher Gewerkschaftsbund

Ein deutsch-israelisches Jugendwerk bietet große Chancen

Die deutsche Bundesregierung plant ein deutsch-israelisches Jugendwerk. Die DGB-Jugend tauscht sich seit vielen Jahrzehnten mit dem israelischen Gewerkschaftsbund Histadrut aus. Joscha Wagner sagt, was von den Plänen zu halten ist.

© Jörg Farys

 Joscha Wagner vertritt die DGB-Jugend gemeinsam mit Devin Can beim Internationalen Gewerkschaftsbund.

Joscha, die Bundesregierung will ein deutsch-israelisches Jugendwerk einrichten. Das wäre, neben dem deutsch-französischen und dem deutsch-polnischen, das dritte (zudem ist auch ein deutsch-griechisches geplant). Wie sieht die DGB-Jugend die Pläne?

Grundsätzlich bietet die Einrichtung eines Jugendwerks große Chancen. Es kann die Basis für kontinuierliche Austausche und längerfristige gemeinsame Projekte schaffen. Zudem soll eine langfristige Finanzierung durch Zuschüsse beider Regierungen sichergestellt werden.

Wichtig ist, dass kein Einfluss auf das Programm einzelner Projekte genommen wird. Das geht aus unserer Sicht natürlich gar nicht, schließlich haben wir unsere Austauschprogramme über Jahre entwickelt. Ein eigenständiger, unabhängiger Austausch muss in der Zukunft weiterhin sichergestellt werden.

Wir freuen uns sehr, dass mit der Einrichtung eines Jugendwerks nun ein engerer Austausch zwischen beiden Ländern geplant ist – das hat auch einen großen symbolischen Wert. Gemeinsam mit unseren Freund_innen im Deutschen Bundesjugendring werden wir den Prozess der Einrichtung konstruktiv begleiten und im Blick behalten, dass die Erwartungen letztendlich auch erfüllt werden. Eine gesicherte Finanzierung, mehr Kooperation und natürlich das, worauf es ankommt: mehr Austausch(e).

"Wir freuen uns sehr, dass mit der Einrichtung eines Jugendwerks nun ein engerer Austausch zwischen beiden Ländern geplant ist...

Die DGB-Jugend organisiert schon seit vielen Jahren den Austausch mit den israelischen Gewerkschaften. Werden diese Kompetenzen berücksichtigt?
Vermutlich wird sich die Einrichtung des Jugendwerks selbst noch ein paar Jahre hinziehen. Gerade erst haben in Israel Neuwahlen stattgefunden, es ist also noch gar nicht sicher, wer in zwei Monaten Gesprächspartner_in der deutschen Regierung sein wird. Nichtsdestotrotz begrüßen wir es, dass wir bereits in dieser frühen Phase in die Ausgestaltung des Jugendwerks eingebunden sind und bringen uns als Expert_innen natürlich gerne in den Prozess ein.

Was kann die Bundesregierung von der DGB-Jugend lernen?
Wir haben mit langjähriger Erfahrung ein umfassendes Netzwerk mit möglichen Projektpartner_innen in Israel und Deutschland aufgebaut, das ist ein großer Schatz. Gleichzeitig haben wir gezeigt, dass man solche Austausche durchaus selbstständig auf die Beine stellen kann, wenn denn der Wille und eine ausreichende Finanzierung gegeben sind.

Bei der Finanzierung jedoch gilt es nachzubessern: Gerade jetzt, in der Phase der Einrichtung eines Jugendwerks, darf nicht geschlafen werden, bis es dann etabliert ist. Im Gegenteil: Bisherige Programme sollten bis zur Einrichtung umso mehr gefördert werden, um noch mehr jungen Menschen einzigartige Austauscherfahrungen zu ermöglichen!

© DGB-Jugend

"Das Verhältnis ist hervorragend und von großem Vertrauen geprägt": DGB-Jugend-Histadrut-Treffen 2018 in Tel Aviv.

Demnächst wird es eine Konferenz mit Jugendlichen zur Gründung des gemeinsamen Jugendwerkes geben. Wer werden die Teilnehmer_innen sein, welcher Ansatz wird verfolgt und wie steht die DGB-Jugend dazu?
Mit der dreitägigen Konferenz am 10. November 2019 in Berlin sollen 200 junge Menschen aus beiden Ländern zusammengebracht werden, die bereits Erfahrungen mit deutsch-israelischen Jugendaustauschen sammeln konnten. Aus den individuellen Erfahrungen und Erwartungen an zukünftige Austausche sollen Visionen, aber auch konkrete Vorschläge für zukünftige Austauschprojekte entwickelt werden, die dann in die Gestaltung des Jugendwerks einfließen sollen. Wenn dieser direkte Einfluss der Aktiven sichergestellt ist, wird die Konferenz sicherlich ein guter Auftakt werden. Die Anmeldung läuft noch bis zum 10. Oktober (Informationen & Anmeldung: hier).

Welchen Hintergrund hat der intensive Austausch des DGB mit der Histadrut - es fahren ja jedes Jahr mehrere Delegationen…
Nach der Schoah war es in den 1950er Jahren eine Delegation des DGB, die Israel besuchte, noch bevor die BRD diplomatische Beziehungen aufgenommen hatte, für die sich der DGB immer wieder einsetzte. Die Jugendaustausche begannen wenig später in den 1960er Jahren. Im Kampf gegen Faschismus, Antisemitismus und Rassismus wie in unseren Friedensbemühungen vereint, sollten und sollen durch die Austausche unsere gemeinsame Vergangenheit, Gegenwart aber auch Zukunft reflektiert werden. Ziel dessen ist es, eine noch stärkere Beziehung zwischen uns und den Kolleg_innen in Israel aufzubauen; die hohe Anzahl an Delegierten pro Jahr zeigt, dass das Bedürfnis danach auf beiden Seiten ungebrochen ist.

...Die Einrichtung eines Jugendwerks hat einen großen symbolischen Wert."

Wie ist das Verhältnis zwischen DGB-Jugend und der Histadrut? Wie reflektieren junge israelische Arbeitnehmer_innen das Programm?
Das Verhältnis ist hervorragend und von großem Vertrauen geprägt – das ist ja aber auch die Voraussetzung für die Durchführung so vieler Austausche. Ich denke, dass die Begeisterung über die Austausche auf beiden Seiten gleichermaßen geteilt wird.

Spielt die politische Situation im Nahen Osten bei den Austauschprogrammen eine Rolle?
Der Konflikt wird selbstverständlich in den Austauschen thematisiert, steht jedoch nicht im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt der Austausche steht das, was uns als Gewerkschafter_innen eint: der Kampf für gute Arbeitsbedingungen, angemessene Löhne und soziale Gerechtigkeit.

Gibt es Austauschprogramme mit anderen Gewerkschaftsdachverbänden in der Region, etwa mit dem palästinensischen Dachverband PGFTU?
Einen Austausch in dem Umfang wie mit der Histadrut gibt es nicht, das hängt auch mit der politischen Lage und Stabilität in den palästinensischen Gebieten zusammen. Den Kontakt suchen wir selbstverständlich dennoch. So haben wir 2017 ein gemeinsames Projekt mit palästinensischen Gewerkschafter_innen und der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt.

Zudem stehen uns mit dem Willy-Brandt-Center in Jerusalem Partner_innen zur Seite, die uns etwa trilaterale Zusammenkünfte mit jungen Menschen aus Israel und den palästinensischen Gebieten ermöglichen.


(Aus der Soli aktuell 11/2019, Autorin: Soli aktuell)

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