Deutscher Gewerkschaftsbund

Ein gutes Bauchgefühl: Die DGB-Jugend beim Zukunftsdialog

Im Zukunftsdialog diskutieren DGB und Gewerkschaften über eine soziale und fortschrittliche Modernisierungspolitik. Robert Gaudl war als Delegierter der DGB-Jugend bei der Kick-off-Veranstaltung Mitte November in Berlin.

Zukunftsdialog

© Simone M. Neumann

Klare und einfache Forderungen für Ministerinnen: Die DGB-Jugend-Delegation mit Robert Gaudl (2. v. l.) beim Zukunftsdialog im November in Berlin

Beim Zukunftsdialog des DGB habt ihr über den Vorschlag einer Mindestausbildungsvergütung aus dem Bundesbildungsministerium gesprochen. Die DGB-Jugend ist wenig begeistert…
Der Vorschlag für die Mindestausbildungsvergütung von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek bezieht sich ja nur auf den Grundbetrag des Schüler-BAföG in Höhe von 504 Euro. Kosten, die alle Azubis haben, wie zum Beispiel die Sozialversicherungsbeiträge, wurden einfach ignoriert. Schließlich kommen zum Grundbetrag des Schüler-BAföG noch 86 Euro als Zuschlag für Kranken- und Pflegeversicherung dazu, wobei das ja auch nicht alle Sozialversicherungsbeiträge sind. Eine Mindestausbildungsvergütung unter 635 Euro geht gar nicht. Meine persönliche Meinung als Handwerker ist, dass da ganz schön von Ministerin Anja Karliczek gepfuscht wurde.

Ihr habt auch ein Plakat gemalt. Was hat es damit auf sich?
Zusätzlich zu unserem Gedicht, das wir anlässlich der Berliner Märchentage geschrieben haben, wollten wir nochmal in klarer und einfacher Sprache zusammenfassen, was wir Anja Karliczek mit auf den Weg geben wollen: Sie soll endlich anfangen, Azubis ernstzunehmen!

Klar ist es gut, dass wir 50 Jahre nach dem Beginn der Lehrlingsbewegung endlich eine Mindestausbildungsvergütung bekommen. Aber wenn, dann bitte richtig. Einfach zu sagen, man nimmt für eine gute Mindestausbildungsvergütung den Grundbetrag des Schüler-BAföG, weil das ja mehr als 500 Euro sind und das schon irgendwie reichen wird, ist entweder wirklich nicht zu Ende gedacht oder einfach ein schlecht erzähltes Märchen.

Ist es nicht gut, dass die Ministerin den Vorschlag überhaupt aufgenommen hat?
Es ist zwar schön, wenn sie den Koalitionsvertrag umsetzen will und eine Mindestausbildungsvergütung fordert. Aber zu welchen Bedingungen? Dieser Kompromiss hilft niemandem. Frau Karliczek spricht von Maß und Mitte, weil die Mindestausbildungsvergütung natürlich branchenübergreifend und bundesweit einheitlich eingeführt werden muss. Die Betriebe dürfen schließlich nicht zu sehr belastet werden… Gerade in Zeiten des von der Arbeitgeberseite propagierten Fachkräftemangels finde ich es immer noch komisch, wie stark die Widerstände gegen die Mindestausbildungsvergütung sind.

Ich habe das Gefühl, dass hier die alten Kamellen aus der Mindestlohndebatte einfach wieder herausgeholt werden. Dass die Aussagen damals schon nicht gestimmt haben und heute immer noch falsch sind, sollte uns allen klar sein.

Worüber habt ihr beim Auftakt des Zukunftsdialogs noch gesprochen – was steuert die Gewerkschaftsjugend dort bei?
Natürlich hat der Vorschlag aus dem Ministerium unsere Diskussion auf dem Kick-off dominiert. Aber uns ist auch klar, dass die beste Ausbildungsvergütung einem Azubi nichts bringt, wenn er trotzdem den Großteil seines Einkommens für den Weg zur Arbeit oder Berufsschule ausgeben muss. Deswegen haben wir auch Themen wie die flächendeckende Einführung eines Azubi-Tickets für den ÖPNV, die Novellierung des Berufsbildungsgesetzes (BBiG), die Veränderung in der Ausbildungswelt – "Ausbildung 4.0" –, bezahlbarer Wohnraum oder auch die Wahlen zur Jugend- und Auszubildendenvertretung in die Diskussionen miteingebracht.

Wie wurden die derzeitigen Themen der Gewerkschaftsjugend aufgenommen?
Die Rückmeldungen der anderen Jugend-Delegierten aus den Arbeitsgruppen waren positiv. Themen wie ein gutes BBiG oder auch das Azubi-Ticket sind in vielen Stadt- und Kreisverbänden bereits auf der Tagesordnung. In einigen Arbeitsgruppen war zu hören, man wolle mehr von der DGB-Jugend lernen. Dem kann ich mich natürlich nur anschließen.

Welchen Eindruck hast du von der Veranstaltung?
Ich bin mit einem guten Bauchgefühl nach Hause gefahren. Daran konnte auch der defekte ICE auf der Rückfahrt und die daraus resultierende Zwangspause wenig ändern. Trotzdem hätte ich mir an der einen oder anderen Stelle zum Beispiel in den Arbeitsgruppen mehr Zeit gewünscht.

Wie wird es nun weitergehen mit der Zukunftsdebatte und was wünschst du dir?
Ich glaube, der Kick-off hat gezeigt, dass die Zukunftsdebatte nur mit der Jugend zusammen geführt werden kann. Das heißt aber auch, dass wir uns stärker in die Diskussionen der Stadt- und Kreisverbände einbringen müssen. Wir als DGB-Jugend Nord haben die Zukunftsdebatte jedenfalls auf der Agenda und wollen frischen Wind in den DGB bringen. Den ersten Schritt in die richtige Richtung gab es aber schon einen Tag vorher: Unser Bezirksvorstand hat einstimmig beschlossen, dass in Schleswig-Holstein ein Landesjugendausschuss gegründet werden soll.

Persönlich habe ich zwei Wünsche: Erstens, dass wir beim nächsten Zukunftsdialog mehr Vertreter_innen aus der DGB-Jugend sind. Und zweitens, dass wir als DGB eine gute Mindestausbildungsvergütung erkämpfen und uns nicht mit Mogelpackungen zufriedengeben.


Robert Gaudl ist ehrenamtlich bei der DGB-Jugend Hamburg und in der IG Metall aktiv.

(aus der Soli aktuell 1/2019, Autorin: Soli aktuell)