Deutscher Gewerkschaftsbund

So wollen wir nicht leben: Stefan Dietl im Interview

Ausbildung 4.0: Stefan Dietl untersucht in seinem neuen Buch Prekarität im digitalen Zeitalter und was sie für junge Menschen bedeutet.

Stefan Dietl

© Privat

Stefan Dietl, 33, ist ehrenamtlicher Vorsitzender des ver.di-Bezirks Oberpfalz und Buchautor

Stefan, in deinem Buch "Prekäre Arbeitswelten. Von digitalen Tagelöhnern bis zur Generation Praktikum" analysierst du die prekäre Beschäftigung im Licht der Digitalisierung. Von wie vielen Menschen reden wir?
Der prekäre Sektor in Deutschland umfasst rund 20 Millionen Arbeitsplätze.

Welche Typen von solch "neuer" Arbeit lassen sich beschreiben?
Die seit längerem etablieren Erscheinungen sind Leiharbeit, Minijobs, Befristungen oder Praktika. Formen atypischer Beschäftigung, die erst in den letzten Jahren entstanden sind, sind etwa Arbeit auf Abruf oder die wachsende mobile Beschäftigung im Zuge der Arbeitnehmerfreizügigkeit.

Durch die technischen Neuerungen der Internetökonomie ergeben sich für Unternehmen auch neue Möglichkeiten des Lohndumpings – wie Crowdworking oder Auftragsvergabe über Online-Vermittlungsdienste. Oder Gig Work, bei der kleine Aufträge kurzfristig an Solo-Selbstständige oder geringfügig Beschäftigte vergeben werden.

Wie wirkt sich prekäre Arbeit auf den einzelnen aus?
Während sie für Unternehmen größtmögliche Flexibilität bei geringen Kosten und Risiko bedeutet, haben die Betroffenen mit niedrigen Löhnen, schlechten Arbeitsbedingungen, sozialer Unsicherheit, fehlender Planbarkeit und Zukunftsangst zu kämpfen.

Du beförderst den etwas aus der Mode gekommenen Begriff "Generation Praktikum" wieder ans Licht…
Das Praktikum ist natürlich keine ganz neue Form prekärer Beschäftigung, aber es ist für viele junge Menschen der Einstieg in ein immer prekärer werdendes, von sozialer Unsicherheit geprägtes Erwerbsleben.

Rund 600.000 Praktika werden jedes Jahr absolviert, und eigentlich hätte sich die prekäre Situation von Praktikant_innen durch die Einführung des Mindestlohns als ersten Schritt verbessern sollen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Unternehmen legen eine erstaunliche Kreativität an den Tag, um den Mindestlohn zu umgehen: Das reicht von der Umwidmung eigentlich mindestlohnpflichtiger freiwilliger Praktika in vom Mindestlohn ausgenommene Pflichtpraktika bis zur Verrechnung von Verpflegung oder Kaffee mit dem Lohn.

Junge Menschen sind…
…besonders häufig von prekärer Arbeit betroffen. Rund vier Millionen Menschen arbeiten in befristeter Beschäftigung – und 60 Prozent von ihnen sind unter 35 Jahren alt.

Inzwischen sind 42 Prozent der neu abgeschlossenen Arbeitsverträge befristet, Auszubildende, Umschüler_innen etc. bereits herausgerechnet. Im öffentlichen Dienst, einst Garant für sichere Beschäftigung, liegt die Quote sogar bei 60 Prozent.

Auch von den genannten Arbeitsformen Crowdworking und Gig Work sind junge Menschen überproportional betroffen. Zudem ist es zunehmend schwerer geworden, diesen prekären Sektor in Richtung reguläre Beschäftigung zu verlassen.

Was bedeutet Prekarität beim Berufseinstieg?
Vor allem soziale Unsicherheit und fehlende Planbarkeit. Wenn dies dann ausgerechnet in einer Phase des Lebens stattfindet, in der man typischerweise daran denkt, eine Familie zu gründen oder sich in anderer Weise eine Existenz aufzubauen, ist das natürlich besonders belastend.

Buchtitel Prekäre Arbeitswelten

Bringt Digitalisierung deiner Meinung nach eigentlich nur Schlechtes?
Nein. In jeder vernünftig eingerichteten Gesellschaft wäre dieser technische Fortschritt eigentlich ein Grund zum Feiern. Maschinen, die uns die Arbeit erleichtern, wären etwas Tolles. Leider ist unsere Gesellschaft aber nicht vernünftig eingerichtet.

Die Produktivitätsgewinne, die aus der Digitalisierung gezogen werden, landen bei den Unternehmen und nicht bei den Beschäftigten.

Während die Gewinne durch die technische Modernisierung steigen, haben die Arbeitnehmer_innen mit unsichereren Arbeitsverhältnissen und niedrigeren Löhnen zu kämpfen. Unsere Aufgabe als Gewerkschaften muss es sein, das zu ändern.


Stefan Dietl: Prekäre Arbeitswelten. Von digitalen Tagelöhnern bis zur Generation Praktikum, Unrast-Verlag, Münster 2018, 72 S., 7,80 Euro

 
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Prekarität schafft Unsicherheit
Ein unsicherer und schlecht bezahlter Berufseinstieg ist auch und gerade unter dem Druck der Digitalisierung Alltag geworden. Viele Beschäftigte haben jahrelang keine Arbeit, die zum Leben reicht. In Deutschland lebt jede und jeder Achte in der Erwerbsbevölkerung dauerhaft unter prekären Umständen. Das sind gut vier Millionen Menschen. Das heißt: Job ohne Perspektive, zu wenig Einkommen, mangelhafte soziale Absicherung – und das über mehrere Jahre.

Leiharbeit und Minijobs sind weit verbreitet. Gerade junge Menschen finden trotz – oder wegen – brummender Wirtschaft beim Berufseinstieg einen Arbeitsmarkt vor, der hochgradig unsicher und prekär ist. Zehn Prozent der jungen Beschäftigten unter 25 Jahren arbeiten in Leiharbeit, 30 Prozent sind befristet. Insgesamt ist fast jeder vierte Mensch unter 30 Jahren atypisch beschäftigt.

Neue Arbeitsformen wie Crowdworking oder Gig Work, digitalisierte Formen von Arbeit auf Abruf auf soloselbstständiger Basis, wie man sie bei Liefer- und Kurierdiensten findet, unterlaufen oft arbeits- und tarifrechtliche Standards.

Arbeitnehmer_innen in der Berufseinstiegs- und Familiengründungsphase sind besonders stark von den Nachteilen dieser atypischen Beschäftigungsform betroffen. Die DGB-Jugend fordert hier Veränderungen: So gehören sachgrundlose Befristungen und Kettenbefristungen endlich abgeschafft. Prekarität schafft Unsicherheit. Junge Menschen wollen aber zuallererst sichere Arbeitsplätze.


Markus Promberger u. a.: Existiert ein verfestigtes "Prekariat"? Arbeitspapier der Hans-Böckler-Stiftung, 2018. www.boeckler.de/112132_115968.htm

(aus der Soli aktuell 11/2018, Autorin: Soli aktuell)