Deutscher Gewerkschaftsbund

Die internationale DGB-Jugend

Devin Can und Joscha Wagner sind die neuen Vertreter der DGB-Jugend bei EGB und IGB. Soli aktuell fragte sie nach ihren Plänen für die Gremienarbeit.

Devin Can und Joscha Wagner

Devin Can (l.), 26, ist IG BAU-Mitglied, arbeitete auf verschiedenen Baustellen und schloss ein Volontariat ab. Joscha Wagner, 25, ist in der IG Metall aktiv und studiert den Master "Demokratie und Governance" an der Justus-Liebig-Universität Gießen

Devin, Europa hat derzeit in Europa keinen guten Ruf – und Deutschland auch nicht. Was kommt jetzt auf euch zu, wenn du die DGB-Jugend im Jugendkomitee des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB) vertrittst?
Sehr viel Stress! Wir stehen vor der Aufgabe, Europa sozialer zu gestalten. Das ist kein Wahl-, sondern ein Pflichtfach: Europa könnte den Rückhalt in der Bevölkerung gänzlich verlieren, wenn wir so weiter machen wie bisher.

Ich sehe aber auch positive Prozesse: Die Entsenderichtlinie ist zum Beispiel sehr viel sozialer geworden. Das ist auch ein Erfolg des DGB und der anderen Gewerkschaften in Europa. So müssen wir weiterarbeiten.

Was nimmst du nach eurer Wahl im DGB-Bundesjugendausschuss mit nach Brüssel?
Die absolute Überzeugung, dass wir uns zu Europa bekennen. Manche Diskussionen müssen wir nicht führen, das gibt uns eine gewisse Stärke und Rückhalt. In vielen Ländern erstarkt die politische Rechte, der Brexit wirft seine Schatten voraus.

Worauf müssen sich junge Menschen dabei einstellen?
Ich habe gerade erst vor kurzem mit einem englischen Gewerkschaftskollegen darüber diskutiert. Er sagte, er befürchte durch den Brexit tiefgreifende Einschnitte in die Organisationsfähigkeit von Gewerkschaften. Die EU habe den britischen Kolleg_innen immer ein bisschen Rückenwind gegeben. Ich glaube, wir können uns da auf gar nichts einstellen. Und das ist das eigentliche Problem: die absolute Unsicherheit, wie es mit der EU weitergeht, ob noch andere Länder einen Austritt anstreben werden.

Eine sehr prekäre Situation, in der sich auch Jugendliche womöglich nach einfachen Antworten sehnen. Deswegen müssen wir die EU sozialer und stabiler gestalten.

Du hast dich sicher nicht einfach so für das Gremium beworben. Welche Ziele verbindest du ganz persönlich mit der Arbeit auf europäischer Ebene?
Ich bin quasi seit meinem ersten Jahr in der IG BAU international aktiv. Ich hatte das Glück, dass ich das Weltjugendtreffen bei den Bau- und Holzarbeiter_innen besuchen durfte. Ich habe dort wirklich Freundschaften fürs Leben geknüpft – mit Menschen, die ich jetzt immer wieder auf verschiedenen internationalen Veranstaltungen treffe. Ich hoffe, mit diesen Erfahrungen die Arbeit unseres Bundesjugendausschusses unterstützen zu können.

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Joscha, was werdet ihr ins Jugendkomitee des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) mitnehmen?
Unsere Erfahrungen mit betrieblicher Mitbestimmung und dualer Berufsausbildung. Wir haben das Glück, dass wir auf der Ebene der DGB-Jugend sehr professionell arbeiten können und die Struktur der Einheitsgewerkschaft sehr produktiv ist. Im Weltmaßstab haben wir natürlich ganz verschiedene Gewerkschaftsformen, aber am Ende sind alle unter einem Dach zusammengefasst. Für uns wird es also sehr spannend sein, unsere Gewerkschaftserfahrungen einzubringen.

Lassen sich die Verhältnisse überhaupt weltweit vergleichen?
Es wäre vermessen, wenn ich als gewählter DGB-Vertreter durch die Welt reise, um den anderen zu erklären, wie man die beste Gewerkschaftsarbeit macht. Aber: Es geht überall um die immer neoliberaleren Auswüchse des Kapitalismus: Ausbeutung, Kurzzeitverträge, Befristungen, Jugendarbeitslosigkeit – das sind weltweit große Probleme.

Neben Schul- und Berufsausbildung steht bei globaler Betrachtung Kinderarbeit ganz oben, von der schätzungsweise zwischen 150 und 250 Millionen junge Menschen betroffen sind. Da müssen globale Lösungen gefunden werden, etwa über Rahmenvereinbarungen oder Verträge. Hier ist der IGB die richtige Schnittstelle. Er leistet wichtige Hintergrundarbeit – etwa mit dem "Global Rights Index" –, die Gewerkschafter_innen vor Ort bei ihrer Arbeit unterstützt.

Im Dezember wird in Kopenhagen der IGB-Kongress stattfinden. Welche Erwartungen hast du?
Das wird eine große Plattform sein, um sich zu vernetzen und sich über die verschiedenen Lagen in den anderen Ländern ins Bild zu setzen. Ich nehme an, dass dort vor allem Forderungen an die Industrieländer gestellt werden, deren Politik globale Auswirkungen hat, Stichwort Klimawandel.

Welche speziellen Erfahrungen bringst du für dieses Ehrenamt mit?
Ich konnte bisher aus sehr unterschiedlichen Perspektiven Gremienarbeit kennenlernen, zudem ist mein Studiengang international ausgerichtet. Ich werde versuchen, die Positionen der Gewerkschaftsjugend einzubringen und die der anderen Verbände in unsere Strukturen zurückzutragen. Konkret liegt mir die Mitbestimmung in transnationalen Konzernen am Herzen. Da gibt es viel auszubauen, wenn man sich etwa Konzerne wie Amazon anschaut, deren Firmensitz nicht in Deutschland ist…

…sondern im Internet.
So ungefähr. Die Kolleg_innen dort sind von der Globalisierung direkt betroffen, aber ein Großteil unserer Arbeit findet auf nationaler Ebene statt. Ich möchte unsere internationale Arbeit daher mit neuem Schwung beleben, ich will dazu beitragen, sie im Tagesgeschäft zu verankern.

Noch was vergessen?
Ja. Ich appelliere an alle Kolleg_innen, die an internationaler Arbeit interessiert sind, sich zu engagieren. Über die entsprechenden Arbeitskreise der DGB-Jugend und der Mitgliedsgewerkschaften kann man auch ohne große Vorerfahrungen direkt einsteigen und mitarbeiten.

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Jugend im EGB und im IGB
Dem Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB) gehören 331 Gewerkschaften aus 163 Ländern und Territorien mit rund 202,3 Millionen Mitgliedern an. Das Jugendkomitee kommt einmal jährlich zusammen.

Der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) versammelt 90 Gewerkschaftsverbände aus 39 Staaten in und um Europa und zehn europäische Branchenverbände mit insgesamt 45 Millionen Mitgliedern. Das EGB-Jugendkomitee trifft sich mehrmals im Jahr.


(aus der Soli aktuell 11/2018, Autorin: Soli aktuell)