Deutscher Gewerkschaftsbund

Schluss mit Befristungen! Junge Beschäftigte tragen hohes Armutsrisiko

Eine neue gewerkschaftliche Studie zeigt: Wer jung ist und nur einen befristeten Arbeitsvertrag hat, trägt ein hohes Armutsrisiko.

Beratung beim Arbeitsamt

DGB/Simone M. Neumann

Mit einem befristeten Arbeitsvertrag hast du in Deutschland gute Chancen, zu den "working poor" zu gehören – zu denen, die arbeiten, aber trotzdem arm sind. Das zeigt eine neue Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Danach hat fast jeder fünfte abhängig Beschäftigte unter 35 Jahren – 19,3 Prozent – nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Und andersherum betrachtet gilt: Mehr als 60 Prozent aller befristet Beschäftigten in Deutschland sind jünger als 35 – Azubis, Praktikant_innen oder Umschüler_innen sind schon herausgerechnet.

Was heißt "arm trotz Arbeit?" Die betroffenen Beschäftigten verdienen auch mit einer Vollzeitstelle weniger als 1.100 Euro netto im Monat. Ihr Brutto-Stundenverdienst liegt damit auf dem Niveau des gesetzlichen Mindestlohns.

Ein Skandal, sagt die DGB-Jugend. "Junge Menschen wollen einen sicheren Arbeitsplatz. Befristungen sorgen für unsichere Lebensperspektiven, sie sind 'Vereinbarkeitskiller' bei dem Wunsch, eine Familie zu gründen", sagt DGB-Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller. So wenig Geld hat Folgen. Die jungen Beschäftigten sind in der Berufseinstiegs- und Familiengründungsphase besonders stark von den Nachteilen dieser atypischen Beschäftigungsform betroffen. Wer ein befristetes Arbeitsverhältnis hat, ist seltener verheiratet und hat deutlich weniger Kinder als unbefristet Beschäftigte. Befristete Arbeit, unbefristet arm: An Zukunftsplanung ist bei solchen Verhältnissen schlecht zu denken.

"Häufige Stellenwechsel, zum Teil verbunden mit Ortswechseln, erschweren die Bildung stabiler Partnerschaften. Und Kinder kosten Geld, daher dürften viele Paare die Realisierung ihres Kinderwunsches aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheit verschieben", sagt der Wissenschaftler Eric Seils, der die Auswertung durchgeführt hat. Zudem: Befristung und schlechte Bezahlung verschärfen auch die Ungleichbehandlung von ausländischen und inländischen Arbeitnehmer_innen – und verhindern letztlich Integration: Arbeitnehmer_innen mit ausländischem Pass sind deutlich häufiger befristet beschäftigt als deutsche Staatsbürger_innen: In der Altersgruppe von 15 bis 35 liegt die Quote bei 24,7 Prozent gegenüber 18,7 Prozent.

Das ist kein Zustand. Mit Blick auf die Bundestagswahl fordert die DGB-Jugend schnellstens Verbesserungen. Haggenmiller: "Die Politik muss endlich handeln. Befristungen ohne sachlichen Grund und Kettenbefristungen gehören verboten. Das müssen die Parteien jetzt in ihre Wahlprogramme aufnehmen und sich daran messen lassen."


Hier gibt es die Studie "Jugend und befristete Beschäftigung" von Eric Seils: http://tinyurl.com/WSI-Befristungen-2016

(aus der Soli aktuell 1/2017, Autorin: Soli aktuell)

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