Deutscher Gewerkschaftsbund

Starke Vertretung: Die größte Polizeigewerkschaft der Welt

Gewerkschaftsjugend: Wie es ist, jung und bei der Polizei zu sein, weiß Kevin Komolka, der Vorsitzende der JUNGEN GRUPPE in der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

Kevin, warum bist du Polizist geworden?
Als ich damals mit 16 Jahren kurz vor der Abiturprüfung stand, habe ich mich auf einer Berufsmesse über mögliche Ausbildungsberufe informiert. Dort bin ich dann am Stand der Polizei "kleben geblieben" und schnell mit den anwesenden Polizeischülern ins Gespräch gekommen. Das hat mich damals sehr beeindruckt. Und dann ging alles doch recht schnell.

Bevor ich meine Bewerbungsunterlagen absendete, absolvierte ich allerdings noch ein Praktikum bei der Polizei in Göttingen. Und so nahm die Sache ihren Lauf: Im Oktober 2006 begann meine Ausbildung bei der Polizei Niedersachsen. Eine Alternative habe ich mir erst gar nicht überlegt, es war die einzige Bewerbung, die ich geschrieben habe.

Brauchen Beamte eine Gewerkschaft?
Zunächst einmal sind wir in der Polizei nicht ausschließlich Beamte, sondern organisieren auch eine hohe Anzahl an Tarifbeschäftigten. Aber auch Beamte haben das Bedürfnis, Probleme und Missstände ihres Berufs anzusprechen und zu beheben. Dafür brauchen wir ebenfalls ein starkes Sprachrohr, jemanden, der gegenüber der Politik für unsere Interessen eintritt und die Rahmenbedingungen unseres Berufs wie Arbeitszeit, Vergütung, Stellenverteilung, Nachwuchseinstellung etc. verbessert.

Kevin Komolka

Kevin Komolka, Bundesjugendvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) © GdP

Wer geht in die GdP, wer geht in eine andere Polizeigewerkschaft?
Die Frage kann ich nicht so einfach beantworten, weil ich in die Köpfe derjenigen, die sich für eine andere Gewerkschaft entscheiden, nicht hineinschauen kann. Am besten wäre es natürlich, wenn jeder Polizeibeschäftigte in die GdP eintreten würde. Zumal es viele gute Gründe dafür gibt: Wir verfügen über ein bundesweites Netz an Ansprechpartnern und sind so in beinahe jeder Dienststelle in Deutschland vertreten. Mit 177.000 Mitgliedern sind wir nicht nur die mit Abstand weltweit größte Polizeigewerkschaft, sondern stellen auch in den Personalräten fast immer die Mehrheit. Und wir nehmen nicht nur auf nationaler Ebene Einfluss auf politische Entscheidungen, sondern sind auch international mit einem eigenen Büro in Brüssel vertreten. Und als Teil des DGB haben wir auch das solidarische und soziale Miteinander über den Polizeiberuf hinaus im Blick. Bei uns finden alle Polizeibeschäftigten eine starke Interessenvertretung, egal ob Beamter oder Tarifbeschäftigter, ob Kriminal- oder Schutzpolizist.

Wie ist euer Verhältnis zu den anderen Gewerkschaftsjugenden und zur DGB-Jugend?
Auch wenn wir zu bestimmten Themen wie "Ziviler Ungehorsam" und "Kennzeichnungspflicht von Polizeibeamten" eine unterschiedliche Auffassung vertreten, ist unser Verhältnis zu den anderen Gewerkschaftsjugenden sehr gut. Zumal es viel mehr Themen gibt, bei denen wir an einem Strang ziehen und uns gemeinsam für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen junger Beschäftigter einsetzen. Gute und existenzsichernde Ausbildung sind hier nur zwei Beispiele.

Ich denke aber auch an die Antirassismus-Arbeit im Allgemeinen und an die im Jahr 2015 durchgeführte Bündnisfahrt "Gedenken und Erinnern – Dass Auschwitz nie wieder sei" anlässlich der 70-jährigen Befreiung von Auschwitz. Die hat unter anderem dazu geführt, dass wir selbst erst kürzlich eine Fachtagung zum Thema Gedenken und Erinnern in Krakau durchgeführt haben.

Wie ist das bei Demonstrationen?
Zur Durchsetzung vieler gewerkschaftlicher Forderungen sind Demonstrationen unerlässlich. Was das polizeiliche Handeln bei Demonstrationen betrifft, ist es Aufgabe der Polizei, das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit zu schützen und dafür Sorge zu tragen, dass die Gesetze und Regeln eingehalten werden. Demonstrationen sind kein rechtsfreier Raum. Das ist in vielen Fällen auch unstrittig, erklärt aber, warum wir auch Demonstrationen derjenigen begleiten, deren Anliegen wir zu tiefst ablehnen.

Was stört junge Polizistinnen und Polizisten am meisten an ihren Arbeitsbedingungen?
Zum Beispiel die schlechte Personalsituation in den meisten Bundesländern. Will man auch zukünftig über eine gut aufgestellte Polizei verfügen, muss sich hier schnellsten etwas ändern. Aber auch die stark angestiegene Gewalt gegenüber uns in polizeilichen Alltagssituationen stört uns gewaltig – dazu aber später mehr. Ansonsten haben wir mit vielen unterschiedlichen Problemen zu kämpfen.

Stimmt es, dass ihr eure Klamotten schon mal selber kaufen müsst?
Wo einige von uns Mängel im Bereich der Bekleidung und der Ausstattung haben, haben andere Probleme bei der Unterbringung von Anwärterinnen und Anwärtern an den Polizeiakademien. Oder die erzielten Tarifergebnisse werden nicht eins zu eins übernommen. Wieder andere haben erheblichen Verbesserungsbedarf bei der landesspezifischen Sonderurlaubsverordnung, was junge Kolleginnen und Kollegen daran hindert, sich über die Maßen gewerkschaftlich zu engagieren. Und es stimmt – dass wir spätestens dann, wenn das jährliche Bekleidungskontingent erschöpft ist, auch schon mal in die eigene Tasche greifen müssen.

Die anderen Gewerkschaftsjugenden haben das Thema "Industrialisierung 4.0" ganz oben auf der Agenda: den Umbau der Arbeit hin zu vollautomatisierten Prozessen, zur Computerisierung. Was bedeutet Digitalisierung für einen jungen Polizeigewerkschafter?
Sie hat dazu geführt, dass wir heutzutage die Möglichkeit besitzen, in kürzester Zeit Informationen zu erhalten und zu verbreiten. Unsere Mitglieder können durch die neuen Medien wesentlicher schneller auf uns zukommen und uns ihre Probleme schildern. Wir können uns dieser dann unmittelbar annehmen und noch an Ort und Stelle auf Missstände reagieren.

Die Digitalisierung birgt aber auch Gefahren. Insbesondere dann, wenn Grenzen zwischen Beruf und Freizeit zu verschwimmen drohen oder Arbeitsplätze in Gefahr geraten, sind Gewerkschaften gefragt. Hier sind wir gut beraten, die weiteren Entwicklungen aufmerksam zu beobachten.

Aber auch für den Polizeiberuf selbst bedeutet die Digitalisierung eine Herausforderung. Viele Straftaten werden heutzutage im Internet begangen. Um diese aufdecken zu können, benötigen wir eine gut aufgestellte Polizei, die auch auf diesem Gebiet mithalten kann und über entsprechend ausgebildetes Personal und moderne Ausrüstung verfügt.

Polizeigewerkschaften nehmen regelmäßig Stellung zu aktuellen Sachverhalten. Sucht man dabei einen verlässlichen Standpunkt bei einer Institution, weil die Politik dies nicht hergibt?
Ich denke, dass wir insgesamt ein verlässlicher und gefragter Gesprächspartner sind. Selbst die Politik ist regelmäßig an unserer Meinung interessiert. Kompetenz, Verlässlichkeit und Qualität stehen bei uns an oberster Stelle.

Eure aktuelle Kampagne heißt "Auch Mensch". Ist es nicht eine Selbstverständlichkeit, dass ihr Menschen seid?
Das ist für viele leider nicht selbstverständlich. Insgesamt erleben wir, dass der Respekt gegenüber der Polizei gesunken ist. Das zeigt allein der statistische Anstieg von Gewalt gegenüber Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten. Bemerkenswert dabei ist, dass gerade in polizeilichen Alltagssituationen, zum Beispiel im Rahmen einer Verkehrskontrolle, die Gewalterfahrungen zunehmen. Die Angriffe reichen von Beleidigungen über einfache und schwere Körperverletzungen bis hin zu Tötungsdelikten. Und auch, wenn Gewalttaten gesamtgesellschaftlich zurückgegangen sind, sind sie gegenüber der Polizei weiter angestiegen. Aus diesem Grund haben wir bereits im Jahr 2011 die Kampagne "Auch Mensch – Polizei im Spannungsfeld" ins Leben gerufen und eine eigene Homepage mit allen wichtigen Informationen zusammengestellt.

Inwiefern sind die Geflüchteten bei eurer Gewerkschaft ein Thema?
Die Flüchtlingssituation ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die auch vor der Polizei nicht Halt macht. Angefangen hat das mit einem Diskussionspapier der Gewerkschaft der Polizei im letzten Jahr. Und erst kürzlich hat der Bundesvorstand hierzu eine zweitägige Fachveranstaltung angeboten.

Was möchtest du persönlich mit der JUNGEN GRUPPE in der GdP erreichen?
In erster Linie, dass die Organisation und das Ehrenamt innerhalb unserer Gewerkschaft für viele junge Menschen attraktiv bleiben. Nur wenn viele Kolleginnen und Kollegen zusammenstehen, können wir unserer Netzwerke aufrechterhalten und die Dinge zum Besseren wenden.

Als Jugendorganisation wollen wir Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen und unseren Teil dazu beisteuern, die Organisation zukunftsfähig zu gestalten, so dass wir uns auch weiterhin erfolgreich für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen unserer jungen Kolleginnen und Kollegen einsetzen können. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, den Menschen in den Vordergrund zu stellen – mit und ohne Uniform.

Hast du eine Lieblingskommissarin, einen Kommissar im Fernsehen – und wenn ja, wieso?
Aktuelle Krimiserien haben leider nur sehr wenig mit der Realität gemeinsam. Von daher finde ich "Inspektor Gadget" sehr innovativ!


(aus der Soli aktuell 8-9/2016, Autorin Soli aktuell)

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Die Kampagne "Auch Mensch"
Das Erleben von Gewalt gehört zum Berufsalltag von Polizistinnen und Polizisten. Mit der Kampagne "Auch Mensch – Polizei im Spannungsfeld" will die JUNGE GRUPPE in der GdP deutlich machen, dass die Grenzen des Erträglichen überschritten sind. Dazu werden Studienergebnisse und Berichte junger Beamter aus dem Arbeitsalltag veröffentlicht. Ein Beispiel:

Auch Mensch Kampagne

"Ich hatte an einem Sondereinsatz an einer Kirche teilgenommen. Einsatzanlass war eine öffentliche Bürgerveranstaltung zum Thema "Aufbau einer Flüchtlingsunterkunft". Meinen zwei Kollegen und mir wurde vorab mitgeteilt, dass dabei mit 20 bis 30 Personen des rechten Spektrums zu rechnen sei. Während der Veranstaltung kam es zu antisemitischen Beleidigungen durch einen Teilnehmer. Er wurde daraufhin durch die Veranstaltungsleiterin des Hauses verwiesen, woraufhin es zu weiteren Beleidigungen kam. Unser Auftrag war es, die Personalien des Beschuldigten festzustellen, der sich am Rande einer 10 bis 15 Personen starken Gruppe Gleichgesinnter befand. (…) Ich folgte ihm und wies noch einmal darauf hin, dass er verpflichtet sei, der Polizei seine Personaldaten mitzuteilen. Als auch auf die erneute Ansprache keine Reaktion erfolgte, beabsichtigte ich, ihn am rechten Oberarm zu greifen, um ihn am Weitergehen zu hindern.

Doch noch bevor ich zugriff, drehte sich der Beschuldigte unvermittelt um und schlug mit einer gefüllten Bierflasche in der Hand in mein Gesicht. Die Flasche zersplitterte. Meine Brille war zerstört, ich blutete stark im Gesicht, im Mundbereich und an der Hand. (…)"


www.auchmensch.de

 

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