Deutscher Gewerkschaftsbund

Jugendarbeitslosigkeit und Hartz IV: Die neue DGB-Studie

Eine neue DGB-Studie zum Arbeitsmarkt zeigt, dass wieder mehr junge Menschen in die staatliche Fürsorge abrutschen. Der Bund stiehlt sich aus der Verantwortung.

Trauriger Jugendlicher mit Kapuze

© Colourbox

Armut – ein vergessenes Thema
Vor wenigen Jahren noch stand die Jugendarbeitslosigkeit in Europa ganz oben auf der Agenda. Von einer verlorenen Generation war die Rede, von groß angelegten Hilfeprogrammen. Geblieben ist davon nichts. Derzeit wird über arbeitslose Jugendliche nur wenig gesprochen, dabei sind die Zahlen immer noch schlimm. Beispiel Italien – hier ist immer noch mehr als jeder dritte der unter 25-Jährigen arbeitslos. In Griechenland jeder zweite, in Frankreich ist es jeder vierte.

Nur Deutschland hat es laut Bundesagentur für Arbeit als einziges Land in Europa geschafft, die Jugendarbeitslosigkeit unter zehn Prozent zu halten. Aber diese Zahl spiegelt nur einen Teil der Wirklichkeit wider, wie die Studie "Jugendarbeitslosigkeit und Hartz IV" zeigt, die Wilhelm Adamy, der Leiter der DGB-Abteilung Arbeitsmarktpolitik, verfasst hat.

Das bedeutet: Armut steigt auch bei uns – und festmachen kann man das an der Zahl derjenigen, die auf staatliche Hilfen angewiesen sind. So liegt die Zahl der arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger_innen zwischen 15 und 24 Jahren derzeit bei 800.000 Menschen. In vielen Bundesländern sind 10 Prozent der Altersgruppe auf Hartz IV angewiesen, in Berlin gar 20 Prozent, zum Teil schon lange: 300.000 junge Menschen sind schon seit vier Jahren auf Hartz IV.

Für junge Menschen ist das Risiko, arbeitslos zu werden, merklich größer als bei anderen Beschäftigtengruppen. Insgesamt mussten sich im vergangenen Jahr 507.000 junge Menschen neu arbeitslos melden. Etwa drei Viertel dieser Zugänge in Arbeitslosigkeit (399.000) entfallen auf die Arbeitslosenversicherung. Hinzu kamen 108.000 15- bis 24-Jährige, die nach betrieblicher Ausbildung bzw. Verlust des Arbeitsplatzes direkt auf Hartz IV angewiesen waren.

Staatliches Handeln
Die Chancen auf Ausbildung und Beschäftigung für diese Gruppe haben sich in den letzten Jahren verschlechtert. Den staatlichen Stellen attestiert Adamy mangelnde Funktionalität: Der Bund komme seiner finanziellen Verantwortung zur Integration junger Hartz-IV-Bezieher_innen nur völlig unzureichend nach. Obwohl er für das Hartz-IV-System finanziell verantwortlich ist, stellt er lediglich 240 Millionen Euro für diese hilfebedürftigen Jugendlichen zur Verfügung. Zehn Mal mehr wird hingegen aus Beiträgen der Arbeitslosenversicherung finanziert. Adamy: "Der Bund greift tief in die Taschen der Beitragszahler."

Mangelnde Bildung, fehlende Strukturen
Junge Menschen im Hartz-IV-System schneiden auch hinsichtlich Schul- und Berufsabschluss ungünstiger ab als jene, die vom Versicherungssystem betreut werden. Gut ein Viertel der auf staatliche Fürsorge angewiesenen jüngeren Arbeitslosen hat keinen Schulabschluss – zum Vergleich: In der Arbeitslosenversicherung sind es nur knapp 8 Prozent, bei der Bevölkerung dieser Altersgruppe 4 Prozent, die keinen Schulabschluss haben. Hilfebedürftige junge Menschen verfügen damit sechsmal häufiger über keinen Schulabschluss als Gleichaltrige in der Bevölkerung insgesamt.

Ein Problem mit Dauerwirkung: Nur gut 30 Prozent der geförderten jungen Hilfeempfänger_innen sind sechs Monate nach Beendigung einer Maßnahme sozialversichert beschäftigt. Bei Berufsausbildung, Weiterbildung und bei Ein-Euro-Jobs ist die Zahl der Fördermaßnahmen zurückgegangen. Zu selten gebe es langfristige Förderpläne, konstatiert Adamy. Die Jobcenter seien nach wie vor so gesteuert, dass die Mitarbeiter_innen zu sehr auf kurzfristig statt auf langfristig erfolgreiche Vermittlungen setzten.

In ländlichen Gebieten gibt es teilweise wenig Anbieter von Arbeitsmarktdienstleistungen – und in Ballungsräumen haben sich die Anbieter in den letzten Jahren einen intensiven Wettbewerb geliefert, der teilweise dazu geführt hat, dass Bieter sich nicht am Markt halten konnten und andere ihre Niedrigangebote über Niedriglöhne und Qualitätsabstriche finanziert haben. Das ist keine Lösung. Adamy: "Aus gewerkschaftlicher Sicht sind adäquate Löhne für Ausbilder, Lehrkräfte und Sozialarbeiter jedoch eine Grundvoraussetzung. Lohndumping bei Betreuern wird kaum zum Erfolg der Jugendlichen beitragen."

Forderungen
Der DGB fordert eine bessere Jugendhilfe, sodass die Angebote "tatsächlich und flächendeckend zur Verfügung stehen", wie DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sagt. Bund und Länder müssten bessere Möglichkeiten schaffen, einen Hauptschulabschluss nachzuholen. Außerdem sei es dringend nötig, die Vermittlung von Ausbildungsplätzen für junge Menschen aus Hartz-IV-Familien von den Jobcentern auf die Arbeitsagenturen zu übertragen. Hier dürfe es kein Zwei-Klassen-System geben, das vom Einkommen der Eltern abhängig sei. Mit den Daten hat der DGB Lösungsvorschläge erarbeitet. Unter anderem sollte die Berufsorientierung der Länder an Schulen ausgebaut und die Möglichkeiten zum Nachholen des Hauptschulabschlusses verbessert werden; ebenso wie die Sprachförderung für benachteiligte junge Menschen mit Migrationshintergrund.

Bund und Länder seien hier gefordert: Neben einer besseren Verzahnung von Politikinstrumenten und einer Umorientierung hin zur Förderung von Aus- und Weiterbildung muss einem weiteren Rückgang der Förderintensität entgegengewirkt werden. Dies setze eine bedarfsgerechte Mittelausstattung des Bundes voraus.


DGB: Jugendarbeitslosigkeit und Hartz IV, Reihe Arbeitsmarkt aktuell, Berlin 2016. Zum Download: www.dgb.de/-/V1k

(aus der Soli aktuell 6/2016, Autorin: Soli aktuell)

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