Deutscher Gewerkschaftsbund

"Wir sind ein großes Netzwerk": Sarah Winter von der HBS im Interview

Flucht und Asyl: Über tausend Studierende aus sozial benachteiligten Familien wurden bislang mit einem Stipendium der Böckler-Aktion Bildung gefördert. Das Programm eignet sich auch für Geflüchtete. Soli aktuell sprach mit Sarah Winter von der Hans-Böckler-Stiftung.

Porträt: Junge Frau mit schönen kurzen Haaren

© HBS

Sarah Winter

Die Böckler-Aktion Bildung ist ein besonderes Stipendienprogramm. Drei von vier Stipendiat_innen sind nichtdeutscher Herkunft. Wie kommt's?
Ein formales Kriterium für die Böckler-Aktion Bildung ist der Anspruch auf den BAföG-Höchstsatz. Damit sprechen wir eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe an, nämlich die, die am Rande des Existenzminimums lebt. Davon sind in Deutschland besonders, aber nicht ausschließlich, Personen mit Migrationshintergrund betroffen.

Wie sind die so drauf?
Das sind engagierte junge Leute, die unbedingt studieren möchten und von zu Hause keine Unterstützung erwarten können. Manchmal weder finanziell noch überhaupt in ihrem Wunsch zu studieren.

Bei der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) heißt es: Nichts ist schlimmer, als untätig im Heim herumzusitzen. Habt ihr auch die Geflüchteten im Blick?
Ja, und wir möchten ihnen die Möglichkeit bieten, mit Hilfe eines HBS-Stipendiums in Deutschland zu studieren. Die Förderung setzt voraus, dass die Geflüchteten einen Studienplatz haben.

Ihr fördert auch schon einige – so ist die tausendste Stipendiatin, Jusra Esmailah, eine Kurdin aus dem Irak. Wie finden Menschen wie sie denn zur HBS?
Wir haben ein großes Netzwerk von Multiplikator_innen in diversen Organisationen, Schulen und Vereinen, die wir regelmäßig über unser Programm informieren. Zusammen mit unseren Aktivitäten auf Facebook und Twitter und unserer Botschafter-Kampagne erreichen wir so potenzielle Stipendiat_innen.

Welche typischen Probleme gibt es bei der Studienaufnahme?
Gerade Studienanfänger_innen, die als erste in ihrer Familie studieren, müssen sich zu Beginn erst einmal an der Hochschule und in ihrem Fach einfinden. Hier greift die ideelle Förderung der Stiftung: persönliche Betreuung durch Förderreferent_innen und Vertrauensdozent_innen, Einbindung und Austausch in eine Stipendiatengruppe vor Ort und Seminare zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen und zum Erwerb sogenannter Schlüsselkompetenzen wie etwa Zeitmanagement und Rhetorik.

Gibt es unter Umständen Probleme mit dem Aufenthaltsstatus?
Bisher hatten wir solche Fälle nicht, da Ausländer_innen mit einer Aufenthaltserlaubnis ohne Bleibeperspektive sowie geduldete Ausländer_innen bis zum 31. Dezember 2015 erst dann eine BAföG-Berechtigung erhielten, wenn sie sich mindestens 48 Monate ununterbrochen in Deutschland aufhielten. Und ein HBS-Stipendium wird nach den BAföG-Richtlinien vergeben. In der Regel sind schwierige aufenthaltsrechtliche Fälle in diesen vier Jahren geklärt oder schlagen nicht bei uns auf. Seit dem 1. Januar 2016 ist die Frist auf 15 Monate reduziert.

Gibt es bestimmte Fächer, die besonders gefragt sind?
Eine bestimmte Präferenz gibt es grundsätzlich nicht. Es lässt sich jedoch beobachten, dass Stipendiat_innen aus ökonomisch schwächeren Familien eher einen Studiengang mit klarer Perspektive, gesellschaftlicher Anerkennung und zu erwartendem hohem Einkommen studieren.  
Finden sie nach dem Studium Arbeit? Ja. Durch die genannte gute ideelle Förderung verfügen nahezu alle Absolvent_innen über gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt – in den von ihnen gewünschten Bereichen.  

Haltet ihr Kontakt zu denen, die ihr gefördert habt?
Die HBS und ihre Vorläuferin, die Stiftung Mitbestimmung, haben rund 14.000 Stipendiat_innen gefördert, die heute in allen gesellschaftlichen Bereichen im In- und Ausland tätig sind. Nach dem Abschluss ihres Studiums bleiben wir mit ihnen über das Referat "Altstipendiaten" in Form von fachlichen und regionalen Netzwerken in Kontakt. Viele Ehemalige bieten ihr Wissen und ihre Kenntnisse den aktuellen Stipendiat_innen im Rahmen unseres Seminar- und Mentoringprogramms an. Darüber freuen wir uns.
Gibt es auch Menschen, die nach dem Studium von Abschiebung bedroht sind? Nein, so etwas ist uns bisher nicht bekannt.

Würde die Stiftung in einem solchen Fall intervenieren?
Wenn uns ein solcher Fall bekannt wäre, würden wir selbstverständlich die für uns mögliche Unterstützung leisten.

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Chancengerecht: Die Böckler-Aktion Bildung
Die Hans-Böckler Stiftung hat es sich zum Ziel gesetzt, mit der Vergabe von Stipendien einen Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit im Bildungswesen zu leisten. Gleiche Bildungschancen für alle: Die HBS fördert bei Studium und Promotion und auch beim Zweiten Bildungsweg. Sie unterstützt die berufliche Orientierung und den Übergang in die Arbeit.

Denn auch und gerade denjenigen soll ein erfolgreiches Studium ermöglicht werden, für die der Weg an die Hochschule keine Selbstverständlichkeit ist. Die Böckler-Aktion Bildung wendet sich explizit an Schüler_innen, die ihren Studienwunsch nicht verwirklichen, weil sie glauben, sich ein Studium nicht leisten zu können, aber auf dem Weg sind, ihr Abitur oder die Fachhochschulreife zu erlangen. Bewerben können sich auch diejenigen, die sich erst kürzlich für den Hochschulzugang qualifiziert haben; zwischen der Erlangung der Studienberechtigung und dem Beginn des Studiums sollten aber nicht mehr als zwölf Monate liegen.

Junge Menschen, die gute Leistungen erbringen und sich durch gewerkschaftliches und/oder gesellschaftspolitisches Engagement ausgezeichnet haben, haben dabei Vorfahrt.


Bewerbungsschluss für das Sommersemester 2017 ist der 31. Oktober 2016. Infos: www.boeckler.de/bab.htm

(aus der Soli aktuell 5/2016, Autorin: Soli aktuell)

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