Deutscher Gewerkschaftsbund

Das Theater und die Jugend

Jubiläum: Seit 70 Jahren finden die gewerkschaftsnahen Ruhrfestspiele statt. Traditionell starten sie am 1. Mai. Soli aktuell sprach mit Intendant Frank Hoffmann.

Frank Hoffmann

Frank Hoffmann, Intendant der Ruhrfestspiele in Recklinghausen © Ruhrfestspiele

Herr Hoffmann, Sie veranstalten die Ruhrfestspiele, das ist schön. Aber was haben die eigentlich mit Gewerkschaften zu tun?
Ohne die Gewerkschaften gäbe es uns nicht. Sie sind eines unserer Standbeine, denn der DGB ist – ebenso wie die Stadt Recklinghausen – Gesellschafter und Gründungsmitglied unseres Festivals. Die Festspiele entstanden mit den ersten Aufführungen der Hamburger Theater als Dankeschön für die Bergleute aus Recklinghausen. Denn als es den Hamburger Theatern im harten Nachkriegswinter 1946 an Kohle zur Beheizung der Spielstätten fehlte, schleusten die Recklinghäuser Bergleute den fossilen Brennstoff an der Besatzungsmacht vorbei. Entstanden sind die Ruhrfestspiele also als Festival für Arbeiter. Kultur und Theater sollte allen offen stehen. Und diese Ausrichtung gilt bis heute. Gewerkschaftsmitglieder zählen zu unseren treuesten Besuchern. Für sie machen wir Theater. Und da sie für uns so wichtig sind, erhalten sie ermäßigte Karten für all unsere Veranstaltungen.

Sind Sie selbst Gewerkschaftsmitglied?
Ja, seit einigen Jahren bin ich Mitglied in der Gewerkschaft IG BCE, mehrfach war ich unter Tage, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie die Arbeit der Bergleute aussieht. Fast muss man ja sagen: aussah. Mit dem Ende der Kohleförderung wird dieses Kapitel ja nun abgeschlossen. Aber wenn eine Region die Chancen des Strukturwandels nutzen wird, dann das Ruhrgebiet.

Angenommen, ein Azubi fragt Sie: "Was soll ich denn auf einem Theaterfestival?" Was antworten Sie?
Gelegentlich habe ich den Eindruck, dass gerade den jungen Menschen gar nicht bewusst ist, wie aktuell die Geschichten sind, die das Theater erzählt und in welch zeitgemäßer Form dies geschieht. Wer neugierig ist und offen, wer sich interessiert für das, was auf der Welt passiert, für Menschen, die die gleichen Sorgen, Ängste und Wünsche haben, wie man selbst; wer spannende Geschichten mag, wer gerne lacht oder auch weint, wer sich Fragen stellt und bisher keine Antwort fand oder auch einfach nur mal abschalten möchte – der ist auf unserem Festival richtig. Ansonsten findet man im Kabarett-, Artistik- und Musikprogramm oder bei unseren Off-Theater-Performances im FRiNGE-Festival sicher etwas, das einen begeistert. Die Zahl der jungen Leute im Publikum wächst, das freut uns sehr.

Und auf der Bühne?
Auch da begeistern immer wieder neue Talente. Mitunter wachsen sie Jahre später zu renommierten Schauspielgrößen. Aber ihre Begabung zeigt sich oft schon früh. In diesem Jahr haben wir speziell die Lesungen "verjüngt", so liest etwa der Schauspieler Robert Stadlober – der ist sicher ein gutes Beispiel für die frühe Erkennung eines Talents.

Soll ich aus Berlin anreisen, um mir eine Veranstaltung anzusehen?
Ja – allein schon, um die einzigartige Atmosphäre zu erleben. Während des Festivals werden mitunter zehn, zwölf Spielstätten gleichzeitig bespielt. Schon nur im Stadtgarten zu flanieren, das Publikum und die anwesenden Künstler zu beobachten, ist ein Erlebnis.

Logo Ruhrfestspiele

Die Ruhrfestspiele handeln dieses Jahr vom Mittelmeer.
Unter dem Motto "Mittelmeer – Mare Nostrum?" stellen wir in diesem Jahr die Literatur und Dramatik des Mittelmeerraums in den Mittelpunkt: Das reicht von Stücken aus Spanien, Frankreich, Italien und Griechenland über die Türkei, Zypern und Israel bis hin zu Ägypten und Algerien. Darunter natürlich auch klassische Werke von Homer und Aischylos. Aber was derzeit dort passiert – Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen und bei uns Zuflucht suchen –, auch das bleibt von unserem Programm nicht unberührt. Damit befassen sich zeitgenössische Dramatikerinnen und Dramatiker von Elfriede Jelinek bis Shadi Atef. Und wir schauen nicht nur von außen auf den Mittelmeerraum, sondern bieten den verschiedenen Kulturen und ihren ganz eigenen Theaterformen eine Plattform.

Wo finden wir Theater in der Arbeitswelt?
Eine gewisse Art von "Schauspiel" oder "Inszenierung" spielt sicherlich auch in anderen Bereichen eine Rolle, das lässt sich nicht abstreiten. Sei es beim "Pokern" um Verhandlungspunkte bei Tarifgesprächen oder bei der Inszenierung von Verlautbarungen wie die der Arbeitslosenzahlen oder politischer Entscheidungen. Theater kann man an vielen Orten erleben, nicht nur auf der Bühne. Dort erreicht es allerdings eine besondere Qualität.

Wie sind Sie selbst zum Theater gekommen und wie alt waren Sie da?
Ich mag fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als ich im Heimatdorf meiner Mutter erstmals das Weihnachtsschauspiel gesehen habe. Das hat mich so fasziniert, dass ich es anschließend nachgespielt habe. Auch mein Vater war sehr theateraffin. Er besuchte nicht nur regelmäßig die Spielstätten und nahm mich gerne dorthin mit, als Lehrer leitete er auch eine eigene Theatergruppe an seiner Schule.

Was kann das Theater für junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer leisten?
Es eröffnet den Blick für das Mögliche, kann Sichtweisen ändern und gar gesellschaftliche Prozesse anstoßen. Theater ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Junge Arbeitnehmer sind oft noch auf der Suche. Theater wird ihnen zwar nicht immer eine Lösung bieten, aber es hilft dabei, sich eine Meinung zu bilden, Position zu beziehen, Entscheidungen zu treffen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein Theaterbesuch endet nicht mit dem Schlussapplaus. Gutes Theater hallt noch lange nach.


1. Mai bis 9. Juni 2016. Infos: www.ruhrfestspiele.de


(aus der Soli aktuell 4/2016, Autorin: Soli aktuell)

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