Deutscher Gewerkschaftsbund

Diskriminierung verhindern! Flucht und Ausbildung

Aus Geflüchteten dürfen keine Auszubildenden zweiter Klasse werden. Von André Schönewolf

Millionen Menschen sind derzeit aus den Krisengebieten der Welt auf der Flucht – allein in Deutschland zählt man für 2015 eine Million Geflüchtete. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge waren über die Hälfte der Asylbewerber_innen im Jahr zuvor unter 25 Jahre alt. Viele von ihnen leben bereits seit mehreren Jahren als Geduldete in Deutschland und haben das deutsche Schulsystem besucht. Neben einer menschenwürdigen Unterbringung und Versorgung ist der barrierefreie und faire Zugang zu Bildung, Ausbildung und Arbeit ein wichtiger Baustein zur Integration und ermöglicht den Geflüchteten Perspektiven.

Doch dazu müssen Voraussetzungen geschaffen werden: Jungen Geflüchteten muss unabhängig vom Status ein elternunabhängiger und sicherer Aufenthalt für den Zeitraum der Durchführung ihrer Ausbildung sowie darüber hinaus gewährleistet werden. Bisher entscheidet die Ausländerbehörde nach eigenem Ermessen über die Dauer der Duldung. Dies schafft sowohl bei den Betrieben als auch bei den Geflüchteten selbst Unsicherheit und verhindert letztlich die Einstellung der potenziellen Fachkräfte von morgen.

Nicht nur der Gesetzgeber, sondern auch die Wirtschaft muss in den kommenden Jahren ihre Anstrengungen im Bereich der Ausbildung verstärken – sowohl quantitativ als auch qualitativ. Bereits in diesem Jahr wurde die Zusage der Arbeitgeber in der Allianz für Aus- und Weiterbildung, 20.000 zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen, mehr als deutlich verfehlt. Gerade mal 7.300 betriebliche Ausbildungsplätze stehen am Ende dieses Ausbildungsjahres zu Buche. Angesichts der zu erwartenden Zuzugszahlen in den kommenden Jahren sind diese Angebote jedoch nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Hunderttausende von Geflüchteten werden in den kommenden Jahren auf den Ausbildungsmarkt drängen – eine enorme Herausforderung, aber gleichzeitig auch große Chance für alle Beteiligten.

Die einfache Forderung nach mehr Ausbildungsplätzen greift jedoch zu kurz. Es bedarf zudem einer deutlichen Steigerung der Ausbildungsqualität, wie der diesjährige Ausbildungsreport der DGB-Jugend verdeutlicht. Dabei lag der Schwerpunkt der Studie auf der Ausbildungszufriedenheit junger Migrant_innen. Demnach sind diese unzufriedener mit ihrer Ausbildung als ihre Kolleg_innen ohne Migrationshintergrund. Auffällig war zudem, dass junge Migrant_innen vor allem in solchen Ausbildungsberufen überproportional vertreten waren, in denen die Ausbildungsbedingungen besonders schlecht sind. Zahnmedizinische Fach­angestellte, Friseur_innen und Einzelhandelskaufleute klagen über Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten und eine unzureichende Vermittlung der Ausbildungsinhalte durch das Ausbildungspersonal – hier machen junge Migrant_innen einen besonders großen Anteil aus. Außerdem gibt mehr als jeder Fünfte an, aufgrund von Herkunft oder Staatsangehörigkeit bereits Opfer von Diskriminierung geworden zu sein.

Zwar sind die Ergebnisse des Ausbildungsreports nicht vollständig übertragbar auf die Situation junger Geflüchteter (knapp 80 Prozent der im Ausbildungsreport Befragten besaßen die deutsche Staatsangehörigkeit und knapp die Hälfte lebte schon mehr als 15 Jahre in Deutschland), aber sie sind ein Warnsignal für die bevorstehende Integration der Geflüchteten in den Ausbildungsmarkt. Wer glaubt, die Ausbildungsstellen, die aufgrund von schlechten Bedingungen unbesetzt geblieben sind, könnten nun mit Geflüchteten besetzt werden, wird bei den Gewerkschaften auf den gleichen Widerstand stoßen, den es bereits bei der neuerlichen Debatte um die Ausnahmen beim Mindestlohn gab.

Das Gleiche gilt für die von Arbeitgeberverbänden bereits ins Spiel gebrachte Stärkung zweijähriger Ausbildungsberufe. Die DGB-Jugend lehnt Schmalspurausbildungen generell ab, auch Geflüchtete haben einen Anspruch auf qualitativ hochwertige Ausbildungsplätze. Es muss verhindert werden, dass sie zu Auszubildenden zweiter Klasse gemacht werden.

Gerade deshalb ist es wichtig, ihnen eine umfassende und individuelle Berufsorientierung zu bieten, sodass sie auch in dem Beruf landen, der ihren individuellen Vorstellungen am besten entspricht. Darüber hinaus bedarf es eines gleichberechtigten Zugangs zu den ausbildungs- und arbeitsmarktpolitischen Fördermöglichkeiten. Mit der Assistierten Ausbildung haben die Gewerkschaften im Rahmen der Allianz für Aus- und Weiterbildung ein wichtiges und bereits in einzelnen Bundesländern erprobtes Instrument umgesetzt. Sie ermöglicht eine individuelle und bedarfsbezogene Begleitung der Auszubildenden in einer betrieblichen Ausbildung. Doch es bleibt noch viel zu tun. Die ab 2016 geltende Regelung, dass Geflüchtete bereits ab dem 15. Monat nach Antragstellung (bisher: nach vier Jahren) Anspruch auf Berufsausbildungsbeihilfen bekommen, reicht nicht aus. Ebenso dürfen Vertragslösungen im Ausbildungsverhältnis nicht automatisch zur Abschiebung führen. Geflüchtete brauchen Schutz – auch vor Ausbeutung und prekärer Beschäftigung.

Nicht zuletzt muss aber auch auf betrieblicher Ebene ein Klima der Toleranz und Verständigung befördert werden, um Rassismus und Diskriminierung entgegenzuwirken. Die Gewerkschaften leisten hier bereits seit vielen Jahren mit unterschiedlichen Formaten ihren Beitrag, sei es über die "Gelbe Hand" oder die von der IG Metall initiierte "Respekt"-Kampagne. Auf dem Weg zur Integration junger Geflüchteter muss auch auf betrieblicher Ebene eine konsequente Antidiskriminierungspolitik vorangebracht werden. Daran sollten auch die Arbeitgeber ein großes Interesse haben.


André Schönewolf ist politischer ­Referent der DGB-Jugend.


(aus der Soli aktuell 1/2016, Autor: André Schönewolf)

Infos vom DGB
Für die aktuelle Diskussion rund um das Thema Flucht hat das Referat Migrations- und Antirassismuspolitik des DGB die Broschüre "Flucht. Asyl. Menschenwürde" herausgebracht. Sie enthält viele relevante Daten, Zahlen und Fakten zu Flucht und Asyl und informiert über rechtliche Bedingungen, insbesondere beim Zugang zum Arbeitsmarkt. Gewerkschaftliche und betriebliche Handlungsmöglichkeiten werden dargestellt und im Serviceteil Anlaufstellen aufgelistet.

DGB (Hg.:) Flucht. Asyl. Menschenwürde. Eine Handreichung. Zu bestellen auf
www.dgb-bestellservice.de

André Schönewolf

© Privat

Hier geht's zum Soli-Archiv

WIR IM SOCIAL WEB