Deutscher Gewerkschaftsbund

Die schönsten Berufe der Welt - Interview mit Christoph Schink von der jungenNGG

Gewerkschaftsjugend: Werkverträge, krasse Arbeitszeiten, Spaß in der Küche – NGG-Bundesjugendsekretär Christoph Schink über die Organisation junger Arbeitneh­mer_innen in der Gastrobranche.

Christoph, deine Gewerkschaft Nahrung – Genuss – Gaststätten (NGG) kämpft gegen Werkverträge in der Nahrungsmittelindustrie. Tarifverträge werden unterlaufen, die Belegschaften gespalten, die Mitbestimmung wird ausgehebelt: Welche Folgen hat dies für den Jugendbereich?
Der rechtsmissbräuchliche Einsatz von Werkverträgen beschäftigt uns vor allem in der Fleischproduktion, begegnet uns aber überall in unseren Industrien. Es ist doch absurd, dass mittlerweile das Zerlegen einer Schweinehälfte oder das Sortieren einer Kiste Leergut als ein Werk angesehen werden soll. Auszubildende und junge Arbeitnehmer sind häufig mit der Existenz von Arbeitsverhältnissen zweiter und teilweise dritter Klasse konfrontiert. Im Bereich Fleischindustrie haben wir mit unserem allgemeinverbindlichen Tarifvertrag zum Mindestentgelt bereits vor dem gesetzlichen Mindestlohn einen Mindeststandard gesetzt, dabei werden wir aber nicht stehenbleiben.

Christoph Schink

jungeNGG-Bundesjugendsekretär Christoph Schink © C. Schink


Wie geht ihr speziell bei jungen Beschäftigten gegen irreguläre Beschäftigung vor?

Im Kontakt mit jungen Gewerkschaftern hören wir immer häufiger von dubiosen Modellen des dualen Studiums, Leiharbeit und der Pest der befristeten Arbeitsverhältnisse. Wir müssen dafür sorgen, dass der Abschluss einer Berufsausbildung ein Einkommen zum Auskommen und darüber hinaus eine echte Perspektive bietet. Zum einen unterstützen wir unsere Betriebsräte in Hinblick auf die Einstellungspraxis in unseren Betrieben. Zum anderen haben wir aber auch Branchen, in denen die Betriebe echte Probleme haben, junge Menschen zu finden. Hier findet eine Abstimmung mit den Füßen gegen schlechte Arbeitsbedingungen statt.

Müsst ihr euch international mit Gewerkschaften in anderen Ländern vernetzen?
In der Lebensmittelindustrie, aber auch in der Hotellerie agieren die Unternehmen weltweit. Ohne die passende Antwort auf Arbeitneh­merseite werden wir auf lange Sicht nicht erfolgreich sein. Der internationale Austausch und der Aufbau länderübergreifender Solidarität sind unerlässlich.

Wie viele junge Leute sind denn derzeit bei euch organisiert?
Die jungeNGG tritt für ungefähr 20.000 junge Menschen aus den Bereichen Nahrungsmittelindustrie, Nahrungsmittelhandwerk und Gastgewerbe ein.

Im DGB-Jugend-Ausbildungsreport kommen ja die Gastro-Betriebe immer sehr schlecht weg. Kannst du eine Ausbildung in der Branche überhaupt empfehlen?
Die fünf gastgewerblichen Berufe gehören mit zu den schöns­ten Berufen, die wir haben. Ja, wer Spaß am Umgang mit Lebensmitteln und Menschen hat, ist hier gut aufgehoben. Ein gutes Trinkgeld, ein leer gegessener Teller und das zufriedene Lächeln eines Gastes entschädigen auch für die ungünstig liegenden Arbeitszeiten. Die Branche darf sich den Nachwuchs allerdings nicht noch mehr durch mangelnde Ausbildungsqualität und Überstunden ohne Ende vergraulen. Die Forderung der Arbeitgeber nach Zwölf-Stunden-Schichten trägt sicher auch nicht zum positiven Image des Gastgewerbes bei. Wer tatsächlich mit dem Gedanken an eine Ausbildung im Gastgewerbe spielt, dem kann ich nur empfehlen, sich den fraglichen Ausbildungsbetrieb genau anzuschauen und mit den potenziellen neuen Kolleginnen und Kollegen zu sprechen.

Derzeit ist die Integration von Flüchtlingen ein großes Thema, viele dürften in den Hotel- und Gaststättenbetrieben landen, sollten sie Arbeit finden…
Das Gastgewerbe ist schon immer international aufgestellt. Wir sind mit Teilen der Branche bereits in Vorgesprächen, wie eine Integration in den Arbeitsmarkt und damit auch in ein Leben in diesem Land gelingen kann. Maßgabe muss immer sein, dass wir Wege in eine reguläre Berufsausbildung oder Beschäftigung vereinbaren. Die immer wieder geforderte Absenkung des Mindestlohns sowie tariflicher oder gesetzlicher Standards für Geflüchtete wäre definitiv der falsche Weg.

Bei den Industriegewerkschaften ist viel von "Arbeit 4.0" die Rede. Inwiefern seid ihr von Digitalisierungsprozessen betroffen? Bier muss man ja immer noch selber trinken…
Es wird aber auch gebraut, abgefüllt und distribuiert! Die Lebensmittelindustrie ist dem Umsatz nach die viertgrößte Industrie in Deutschland. Insofern ist dieser Sektor – und damit sind auch wir – selbstverständlich genauso von den Digitalisierungsprozessen betroffen.

Was willst du persönlich mit deiner Arbeit erreichen?
Die Kampfkraft aller Gewerkschaften ist die Summe ihrer Mitglieder. Insofern steht die Schärfung unserer Ansprachekonzepte für junge Beschäftigte in allen unseren Branchen im Vordergrund. Darüber hinaus wollen wir mit innovativer Tarifpolitik für eine echte Verbesserung der Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sorgen. Persönlich liegt mir am Herzen, mit den Arbeitnehmenden unserer Branchen – deren Produkte zwar in aller Munde sind, die aber nach meinem Geschmack zu wenig wahrgenommen werden – das Leben ein großes Stück besser zu machen.

Du hast selbst Koch gelernt. Wie oft stehst du noch in der Küche?
Tatsächlich hatte ich große Mühe, mit Freunden zu kochen – das war mir einfach zu langsam und so ganz anders als im hitzigen À-la-carte-Geschäft. Mittlerweile genieße ich das entspannte Kochen aber umso mehr. Wann immer es Ort und Zeit zulassen, stehe ich am Herd.


(aus der Soli aktuell 1/2016, Autorin: Soli aktuell)

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